• 01.10.2012
  • von Lena Schneider

Premieere am Hans Otto Theater: Terrorzelle Bürgertum

von Lena Schneider

Komm und erneure mit uns die Welt! Doch Wiggo Ritter (Alexander Finkenwirth, l.) hat seine Zweifel, ob die Gesellschaft, die Mauritz Kaltmeister (Wolfgang Vogler) will, auch die ist, die ihm vorschwebt. Foto: HL Böhme

Ottenis Inszenierung „Der Eisvogel“ beschreibt den Versuch einer Machtübernahme von rechtsoben.

Wie ist um diesen Roman gestritten worden, als er 2005 erschien. Da hatte sein Autor Uwe Tellkamp gerade den Klagenfurter Bachmannpreis gewonnen, die Erwartungen bezüglich seines ersten Romans waren entsprechend hoch. Und dann das: Ein so schlechter Roman von einem so guten Autor, hieß es aus den Feuilletons. So grob zubehauen die Inhalte, so raffiniert die Form!

Das Hans Otto Theater hat sich davon nicht schrecken lassen und am vergangenen Freitag seine neue Spielzeit mit einer Bühnenfassung von Uwe Tellkamps „Der Eisvogel“ eröffnet. Es ist die vierte Spielzeit unter Intendant Tobias Wellemeyer, und nach den letzten beiden Auftakten, nach Peter Kubes Knallbonbon „Der Revisor“ von 2010 und dem letztjährigen symbolisch-schwülen „Schach von Wuthenow“ in der Regie des Intendanten ein in Potsdam wohltuender Ausfallschritt ins Zeitgenössische. Dabei machten die Ereignisse der letzten anderthalb Jahre, das Attentat in Norwegen, die Debatte um die Zwickauer Zelle, den Stoff womöglich aktueller als ursprünglich angenommen.

„Der Eisvogel“ beschreibt den Versuch einer gewaltsamen Machtübernahme von rechtsaußen – oder besser: von rechtsoben. Denn Tellkamps „Revolutionären“, dem gebildet-schillernden Mauritz Kaltmeister (Wolfgang Vogler) und dessen Schwester Manuela (Franziska Melzer), geht es nicht darum, unliebsame Mitglieder der Gesellschaft zu verdreschen oder auszuschalten. Nein, sie lesen Machiavelli, Schopenhauer und Stefan George, sie hören Bach und Schumann, das KaDeWe ist für sie der Inbegriff des intellektuell auf Konsumlust hingeschrumpften Spießbürgers. Die Geschwister wollen eine Gesellschaft, die sich nicht mit dem lauwarmen Mittelmaß einer Demokratie zufriedengibt, stattdessen: eine „Geistesaristokratie“.

Und weil die nicht von selber kommt, soll sie mithilfe der Geheimorganisation „Wiedergeburt“, mithilfe von Förderern wie Industriellen, konservativen Politikern, religiösen Würdenträgern, eingeleitet, der neue Mensch auf den Weg gezwungen werden. Eine Terrorzelle im Bildungsbürgerkleid. Nur abzüglich des Humanismus eben, der steht dem Tatgeist des Geschwisterpaares im Weg. Das ist der kleine feine Unterschied zu Wiggo Ritter (Alexander Finkenwirth), einem orientierungslosen Sohn aus großbürgerlichem Haus, Feingeist, arbeitsloser Philosoph und auf der Suche nach einem irgendwie sinnvollen Weg durchs Gestrüpp des Lebens. Mauritz sagt: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“. Wiggo hält dagegen: „Genauso gut könnte man sagen, der Frieden ist der Vater aller Dinge“. Wiggos Frage: Liebst du den Menschen?, will Mauritz lieber nicht beantworten. Das erklärt sich von selbst. Später dann.

Dass die beiden, der Krieger Mauritz und der Denker Wiggo, sich trotzdem finden und in Freundschaft aneinander hängen bleiben, ist nur eine von Tellkamps recht waghalsigen Konstellationen im Plot. Davon gibt es einige, auch ohne den Mord, den Wiggo verüben wird: Natürlich muss Wiggo sich in die Schwester seines gefährlich-glatten Freundes verlieben, müssen die Geschwister Waisen und einander in beinahe-inzestuöser Liebe verbunden sein, muss Manuela einen Hang zum Sadismus haben. Diese Manuela ist bei Franziska Melzer dankenswerterweise keine Kampf-Braut, sondern eine zwischen Charmeoffensive und verlorenem Posten Pendelnde, ihre Verführungsspiele Rettungsbewegungen aus der Einsamkeit. Ob es Zufall ist, dass Wolfgang Voglers Mauritz aussieht wie ein Zwillingsbruder Anders Behring Breiviks? Jedenfalls verleiht ihm das eine überzeugend gefährlich-flirrende Präsenz; da müsste man ihn gar nicht, was dennoch geschieht, zusätzlich als Brutalo-Ausbilder einer antidemokratischen Guerillaarmee zu sehen bekommen. Alexander Finkenwirth als Wiggo schließlich hat die eigentlich unmögliche Aufgabe, einen Intellektuellen darzustellen, der Mauritz‘ Hoheitsfantasien glaubhaft verfällt, ohne als Intellektueller unglaubhaft zu werden. Aber tatsächlich schafft es Finkenwirth, der Neuzugang im Potsdamer Ensemble, seinen Wiggo so verzagt, vor allem durch die Demütigung durch seinen Vater (Bernd Geiling) so unbehaust zu zeigen, dass man ihm das Ringen mit dem Abschied vom Humanismus momentweise glaubt.

„Der Eisvogel“, das dürfte bis hier hin unschwer zu erkennen sein, ist ein ehrgeiziger Stoff. Er will alles zugleich: Thesenstück sein, Familiendrama, Gesellschaftskritik, Thriller. Die Bühnenbearbeitung von Ute Scharfenberg spiegelt dieses Hin- und Hergerissensein, auch wenn sie das Stück vor allem durch die Perspektive Wiggos erzählen lässt. Sie lässt ein bisschen von Wiggos Familienhintergrund aufblitzen (der unterkühlte Vater ist Vernunfts- und Finanzmensch), ein bisschen Liebesgeschichte (Manuela und Wiggo füttern sich Gedichtzeilen zu), ein bisschen Sozialkritik (Wiggo wird vom Arbeitsamt zum Selbstbewusstseinstraining gezwungen: „Ich kann es packen!“). Die eingangs so gelobte „raffinierte Form“ des Romans kommt in der Stückfassung nur wenig zum Tragen. Übrig bleibt vor allem der Plot, Wiggos Geschichte vom Elternhaus über den Rausschmiss an der Universität bis zur Bekanntschaft mit den Kaltmeister-Geschwistern. Und in der Tat stehen diese Plotelemente in der sparsam ausgestatteten Bühne von Anne Neuser wie etwas zu grob behauene Fragmente eines pompös-nebulösen Überbaus.

Die Bühne aber ist eine Wohltat: Nichts verstellt den Blick auf die herein- und herauswehenden Handlungsfetzen, die wenigen Requisiten (eine Krankentrage, ein Ledersessel) bewegen sich über den glatten schwarzen Bühnenboden so traumgeschmeidig wie die Schauspieler. Stefan Otteni inszeniert alles Geschehen in der Rückblende, als Erinnerungsbruchstücke des Erzählers Wiggo – oder auch als seinen, des Bürgersohnes, Albtraum. Dazu passend lauern ausgestopfte Tiere am Bühnenrand, wie Goyas Ungeheuer, die auf den Schlaf der Vernunft warten. Nach der Pause dann, als der Bürgersohn Wiggo sich der Organisation Wiedergeburt vorübergehend anschließt, kommen sie zu ihrem Auftritt: Bär, Elch und Greifvogel sind gen Bühnenmitte vorgerückt.

Und was stand da doch hinten im Bühnenhintergrund? „Wovor hast du Angst“. Keine Frage, eine Unterstellung, gerichtet an das Publikum. Es dürfte sich lohnen, genau die weiter zu untersuchen.

Wieder am Samstag, 6. Oktober, 19.30 Uhr und am Sonntag, 7. Oktober, 17 Uhr, im Hans Otto Theater in der Schiffbauergasse. Karten unter Tel.: (0331)98118

  • Erschienen am 01.10.2012 auf Seite 24

Social Media

Mehr zum Thema

Umfrage

Die Sanssouci-Skulpturen im Innenhof des Landtags finden viele nicht schön - aber muss Kunst immer schön sein? Oder soll die Arbeit wieder verschwinden?