• 29.09.2012
  • von Dirk Becker

Tanzende Graphen auf der Leinwand Ryuichi Sakamoto und „alva noto“ im Nikolaisaal

von Dirk Becker

Meister der Entschleunigung. Ryuichi Sakamoto (l.) und „alva noto“. Foto: promo

Es wird einem Eintauchen gleichkommen. Dem Verschwinden in eine andere Welt. Es braucht nicht viel dazu, nur Ohren und Augen. Für den Rest sorgen dann schon Ryuichi Sakamoto und Carsten Nicolai alias „alva noto“.

Es passiert nicht viel, wenn der Japaner Sakamoto und Nicolai auf die Bühne treten. Sakamoto setzt sich ans Klavier, Nicolai hinter seinen Pult mit Laptop und zahlreichen Effektgeräten. Mal beginnen die Lieder mit dem elektronischen Fiepen oder Zirpen aus dem Laptop, mal ist es das Klavier, auf dem Sakamoto fast vorsichtig tastend ein paar Akkorde, eine Melodie spielt. Dann umschmeicheln diese Akkorde, diese Melodie hauchzarte Rhythmen aus Nicolais Laptop. Und auf der Leinwand tanzen die Graphen. Am kommenden Dienstag sind Sakamoto und Nicolai mit ihrer musikalisch-visuellen Meditation im Rahmen ihrer „s Tour 2012“ im Nikolaisaal zu erleben.

Entschleunigung ist vielleicht das erste, was einem beim Hören der Musik von Ryuichi Sakamoto und Carsten Nicolai einfällt. Mit diesen beiden auf der Bühne bekommt Zeit wieder eine ganz besondere Bedeutung. Kein Druck, kein Drängen, keine Terminhatz, wenn Sakamoto und Nicolai spielen, ist das wie ein langes Luftholen. Der Raum wird weit und alles ist voller Möglichkeiten. Man lehnt sich einfach nur zurück und ergeht sich im Genuss. Hier hat jeder Ton Gewicht und strahlt tiefste Ruhe aus. Fast möchte man die Augen schließen, wäre da nicht das beruhigende Geflirre auf der Leinwand. Denn was die beiden auf dem Klavier und mittels der Elektronik spielen, wird 1:1 auf die LED-Leinwand übertragen und lässt so im Wortsinn abstrakte, farbig-flirrende Bildkompositionen entstehen.

Ryuichi Sakamoto ist Komponist, Pianist, Produzent und Schauspieler und gilt in seinem Heimatland als einer der umtriebigsten und innovativsten Musiker. Grenzen, was Stil oder Genre betrifft, scheinen für ihn schlichtweg nicht zu existieren. Er bewegt sich so selbstverständlich und leichtfüßig zwischen Jazz, (Neo-)Klassik und Avantgarde-Pop wie kaum ein anderer. Sakamoto, Mitbegründer des legendären Yello Magic Orchestra, mit dem er Popgeschichte schrieb, arbeitete mit vielen bedeutenden Künstlern wie Towa Tei, Iggy Pop, David Sylvian oder David Byrne und komponierte zahlreiche Filmmusiken. Für die Musik zu „Der letzte Kaiser“ von Bertolucci erhielt er mit David Byrne 1987 den Oscar.

Mit dem gebürtigen Chemnitzer Carsten Nicolai arbeitet Sakamoto seit 2002 zusammen. Gemeinsam haben sie fünf Alben eingespielt, zuletzt im vergangenen Jahr „Summvs“. Nicolai gilt als einer der bekanntesten Vertreter der zeitgenössischen elektronischen Musik und hat unter anderem mit Scanner, Thomas Knak und Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten ganz eigenwillige Klangexperimente ins Leben gerufen. Doch was er zusammen mit Sakamoto entwickelt hat, diese musikalische Sanftheit, die nie einfach nur beruhigt, sondern in ihrem Minimalismus wie ein Brennglas für die eigenen Sinne wirkt, ist unübertroffen. Ein Eintauchen in diese filigranen Klangwelten, in denen Stille auch eine große Rolle spielt, ist ganz leicht. Nur die Rückkehr, so viel als kleine, ruhig zu vernachlässigende Warnung, die fällt nach jedem Hören so unwahrscheinlich schwer. Dirk Becker

Ryuichi Sakamoto und Carsten Nicolai alias „alva noto“ sind am Dienstag, dem 2. Oktober, im Rahmen ihrer „s Tour 2012“ um 20 Uhr im Nikolaisaal in der Wilhelm-Staab-Straße 10/11 zu erleben. Der Eintritt kostet zwischen 9,60 und 42,60 Euro. Karten sind erhältlich in der Ticket-Galerie des Nikolaisaals oder unter Tel.: (0331) 28 888 28

  • Erschienen am 29.09.2012 auf Seite 02

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