• 29.09.2012
  • von Heidi Jäger

Verrückte Perspektiven

von Heidi Jäger

Blasse Idylle. Emma Stibbons Blick auf das Belvedere auf dem Klausberg.

Die Malerin Emma Stibbon fragt nach dem Woher und Wohin: Potsdam-Sichten im Kunsthaus e.V.

Das Hotel Mercure scheint die Balance zu verlieren und nach hinten wegzukippen. Sie ist kaum auszumachen, diese leichte Neigung, aber man spürt, dass hier das Gleichgewicht zwischen der Ebene des Platzes und der aufstrebenden Höhe des Hauses gestört ist. Emma Stibbon rückt mit ihren großformatigen Bildern, die im Kunstverein Kunsthaus in sakraler Anmutung die weißen Wände füllen, der Stadt in aufwühlender Dramatik zu Leibe. Es sind keine braven Abbilder von Architektur und Landschaft, die die englische Künstlerin interessieren: Hier schwingt Reibung mit, eine emotionale Auseinandersetzung mit dem Woher und Wohin und den oft vertanen Möglichkeiten für das Wohlbefinden des Menschen, für den die Architektur ja eigentlich gemacht ist.

Ihre menschenleeren Räume verrücken Perspektiven, zeigen Häuserschluchten, in denen man sich lieber nicht verlieren möchte. Daneben die Anmut des Teehauses Sanssouci, die als Tuschezeichnung über die liebliche Verklärung Schatten wirft. Durch die besondere Lichtregie entstehen Spiegelungen der stimmungsvollen Sehnsuchtsorte. Beim Belvedere auf dem Pfingstberg wirken die Treppenflügel wie Arme, die das Gebäude sanft umschlingen. Es hat etwas von einer Mondlandschaft, auf dem sich ein Ufo niedergelassen hat und die Gegend inspiziert. Oft kleben ihre freigestellten Gebäude fast am oberen Bildrand. Es gibt kaum Himmel, dafür lange Wege, die wie riesige Teppiche vor den Schlössern ausgerollt sind. Keine plüschigen, in die man versinkt. Hier residiert die Kargheit des Winters, die die Architektur viel klarer herausschält: mal in ihrer Protzigkeit, dann wieder in ihrer kargen Beklemmung. Wie in der „Leistikowstraße 1“, dem einstigen Ort des Grauens, in dem der sowjetische Geheimdienst KGB Menschen zu Tode folterte. Vor der nüchternen Fassade mit den schießschartengroßen Fenstern stehen zwei schwarze dünne Eisenstäbe, die an Marterpfähle erinnern.

Diese Bilder erzählen Geschichten. Unaufdringlich, doch mit nachhaltiger Intensität. Sie lagern sich ab in der Erinnerung. Wie ihre fast mystisch wirkende Kreidezeichnung vom Konferenzsaal Cecilienhof. Der Betrachter taucht in eine abgerückte, geheimnisvolle Atmosphäre, schaut auf die leeren klobigen Stühle, auf denen einst die Weltmächtigsten die Länder neu aufteilten. Der zentimeterdicke Teppich scheint fast abzuheben. Was wurde daruntergekehrt, in dieser abgehobenen Runde, die kaum Licht hineinlässt. Es wirkt wie das Szenenbild eines Thrillers. Emma Stibbon ist Meisterin der Perspektivverschiebungen. Sie spitzt Situationen zu, verfremdet sie und provoziert. Auf ihre unterschwelligen Fragen gibt es keine schnelle Antwort. Es ist eher eine neue Wahrnehmung scheinbar Vertrautes, die ihre Kunst auslöst.

Die Malerin begleitet Prozesse des städtischen Wandels, die durch Zerstörung und Wiederaufbau geprägt sind. Ihr „Stadtschloss Potsdam“, gezeichnet mit Tinte auf Papier, fällt aus der grau-schwarzen Geschichtsschreibungen vom Werden und Vergehen, Macht und Verfall heraus. Es wirkt unfertig und gekünstelt. In seinem runden Format wirkt dieses Bild wie das Objektiv ihrer Kamera. Es ist focussiert auf die Kranarme, die über die glatte weiße Fassade der entstehenden Schlosskopie wachen. Es gibt in der oberen Koje des Kunsthauses auch kleinere Arbeiten der 1962 in Münster geborenen Künstlerin, die ihre ersten Lebensjahre auf dem Kasernengelände der Alliierten verbrachte, auf dem ihr Vater stationiert war. Vor allem „Einsteins Arbeitszimmer“, in dem nur ein einfacher Tisch und Stuhl zu sehen sind, atmet konzentrierte Stille. Dieser Raum wirkt wie ein Gefängnis, lässt das drohende Exil, in das der jüdische Wissenschaftler gehen muss, ahnen.

Bevor sich Emma Stibbon auf Potsdams Melange der sich eng aneinanderreibenden Hinterlassenschaften zu Stein geronnener preußischer Monarchie und der in Beton gegossenen sozialistischen Moderne einließ, entdeckte sie die Faszination der zerrissenen Stadt Berlin. Auch von dieser Erkundung zeugen eindrucksvolle Werke. Sie stehen im spannenden Dialog mit den Potsdam-Sichten, zu denen sich Emma Stibbon 2011 erst mit Fotoapparat und schließlich mit Tusche, Kreide und Holzschnitt in ihrem Atelier in Bristol aufmachte: künstlerische Reflektionen auf gesellschaftliche Umbrüche, die nicht werten, aber durchaus hinter die Fassade schauen.

Emma Stibbon: Potsdam-Berlin, changing cities, Kunstverein KunstHaus Potsdam e.V., Ulanenweg 9, bis 21. Oktober Mi 11 bis 18 Uhr, Do/Fr 15 bis 18 Uhr, Sa/So 12 bis 17 Uhr

  • Erschienen am 29.09.2012 auf Seite 02

Umfrage

Brandenburgs Wappentier war immer rot, im neuen Landtag hängt nun jedoch ein weißes Exemplar - auf Wunsch des Architekten. Sollte der weiße Adler nun durch einen roten ersetzt werden?