• 04.09.2012
  • von Oliver Dietrich

Wie Beats den Sonntag retteten Festivalzeit im

von Oliver Dietrich

Strandbad Babelsberg

„Sunday me“: Den Weg zum Strandbad konnte man auch als Nicht-Babelsberger – und das waren wohl die meisten – überhaupt nicht verfehlen. Leere Flaschen säumten den Weg und kündeten davon, dass sich auch sonntags ein durchaus feierwilliges Völkchen auf den Weg gemacht hatte, welches das Wochenende allzu gern um einen weiteren Ausklang verlängern wollte. Wummernde Bässe und saftige Beats waberten durch den Park und über die Havel, was einige – wenn auch ausreichend entfernt lebende - Anwohner durchaus auf die Palme gebracht haben dürfte. Aber was macht das schon: Wenn Potsdam schon wieder den Titel der familienfreundlichsten Stadt abgegriffen hat, dann kann nicht nur, dann muss auch mal ein Ausbrechen aus der Sonntagsruhe gestattet sein. Dabei ist die Location abseits gelegen und gut gewählt: Die nächsten Bewohner finden sich erst auf der anderen Havelseite in der Berliner Vorstadt wieder; allerdings dürfte sich dieser Stadtteil wohl am wenigsten mit dem Fehlen der Sonntagsruhe anfreunden dürfen. Eine Ausnahmegenehmigung gab es vonseiten der Stadt sowieso nicht, weshalb auch die 55-Dezibel-Verordnung greifen musste. Da hätte die Bürokratie sich mal einen Ruck geben können, schließlich wurde kein neuer Klub aus dem Boden gestampft, sondern ein einmal im Jahr stattfindendes Festival. Ein Highlight allemal, das auch gern mal ein bisschen lauter werden darf.

Ein paar Tausend Karten wurden bereits im Vorverkauf abgesetzt, und wenn man die lange Schlange am Einlass zum Strandbad sah, konnte man sich ausrechnen, wie groß die feierwütige Pilgerschar am Flussufer schließlich war. Eine ziemlich bunte Mischung von House-Jüngern breitete die Decken aus, huldigte den letzten Zügen des auch 2012 zu mager geratenen Sommers und folgte auch diesmal dem Prinzip des Sehen-und-gesehen-werdens – aufgedonnert, schrill, rhythmisch zappelnd und ohne die obligatorische Sonnenbrille ließ sich kaum jemand blicken. Derart gut gelaunt konnte man auch die kleinen Orga-Mängel meckerfrei hinter sich lassen, wie lange Schlangen am Einlass und an der Bar – und auch ein Toilettenbesuch ging nicht ohne signifikanten Verlust von Lebenszeit vonstatten.

Aber eines kann man den Veranstaltern von Subway Event auf keinen Fall vorwerfen: kleine Brötchen backen zu wollen. Nein, hier wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. Die Location sah beeindruckend aus, der Sound war trotz der Lautstärkebremse großartig und glasklar und überall waren nur strahlende Gesichter zu sehen. Dass die Berliner Szene musikalisch einiges zu bieten hat, steht auch außer Frage. Und hier wurde die Crème de la crème einfach versammelt und jedem Vertreter ein gutes Zwei-Stunden-Set eingeräumt. Und die Hauptstadt zeigt sich mittlerweile sowohl als Aushängeschild der internationalen Clubszene als auch als Exportweltmeister. Da konnte der Kreuzberger DJ „Alle Farben“, der ja mehr in der Welt unterwegs als zu Hause ist, auch einfach mal ins Nachmittagsprogramm verschoben werden. Und „Wankelmut“ gelang schließlich das Kunststück, zum ungekrönten König aufzusteigen: Der Remix des „Reckoning Song“ der Jerusalemer Folkrocker Asaf Avidan & the Mojos, den „Wankelmut“ als „One Day“ an die Spitze der deutschen Charts bugsierte, hat auch nach Tausenden Malen im Radio nichts von seinem Ohrwurm-Charakter eingebüßt. Und so war für ihn das berüchtigte Glück im Unglück, dass Hauptact Oliver Koletzki im Stau stehend den Auftritt absagen musste, was „Wankelmut“ ein ausgewachsenes Vier-Stunden-Set bescherte. Sicherlich ärgerlich, auf den Hauptact verzichten zu müssen, aber ein feiner Zug der Veranstalter allemal, beim „Stil vor Talent Festival“ am kommenden Sonntag in Berlin, bei dem Oliver Koletzki definitiv auflegen wird, jedem Inhaber des Potsdamer Eintrittsbandes einen 50-Prozent-Rabatt auf den Eintritt zu gewähren. Womit wohl auch der nächste Sonntag gerettet ist. Oliver Dietrich

  • Erschienen am 04.09.2012 auf Seite 23

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