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  • 29.08.2012

„Er war im positiven Sinne ein Verrückter“

Mit ehrlichem Blick und voller Respekt. Der 14-jährige Percy Jonel García Rodríguez aus Hualgayoc im peruanischen Hochland. Foto: Frank Gaudlitz

Der Fotograf Frank Gaudlitz über Alexander von Humboldt und die Reise auf der „Sonnenstraße“ – Heute stellt er seinen Bildband in der Villa Quandt vor

Herr Gaudlitz, warum begibt sich ein Fotograf in Südamerika auf der so geschichtsträchtigen Sonnenstraße der Inka ausgerechnet auf die Route, die dort Alexander von Humboldt gegangen ist?

Da muss ich ein wenig ausholen. Ich bin seit einigen Jahren schon in Südamerika unterwegs und wenn ich unterwegs bin, dann bin ich nicht nur als Reisender, sondern insbesondere als Fotograf unterwegs. Ich habe dort schon einige Jahre zuvor mit fotografischen Themen begonnen und mich so natürlich auch mit der Kultur und der Geschichte der bereisten Länder wie Peru, Bolivien, später dann Ecuador und Kolumbien, also der Inkastaaten, beschäftigt. Und im Jahr 2009 bin ich dann, ich sage es mal so, Alexander von Humboldt begegnet.

Sie meinen, Sie sind bei Ihren Reisen durch Südamerika auf ein paar Spuren von ihm gestoßen?

Nein, in dem Roman „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann bin ich Humboldt begegnet. Ein Roman, der sicherlich schön amüsant zu lesen ist, aber auch wie so oft die Klischees bedient. Aber das Buch hatte trotzdem die Kraft gehabt, mich auf Humboldt aufmerksam und vor allem neugierig zu machen.

Aber was hat Sie so sehr an dem Naturforscher Alexander von Humboldt fasziniert, dass Sie seinem Weg gefolgt sind?

Es gibt da diesen einen Satz von ihm: „Das, was jedoch unerreichbar scheint, hat eine geheimnisvolle Ziehkraft; man will, daß alles erspähet, daß wenigstens versucht werde, was nicht errungen werden kann.“ Das ist es im Grunde, was mich an Humboldt fasziniert. Er war für mich im positiven Sinne ein Verrückter gewesen. Unabhängig von seiner Persönlichkeit, seinen Forscherinteressen war er eine Art Abenteurer, der mit offenen Augen und einem sozialen Gespür durch die Welt gegangen ist. Bei seinen Forschungsreisen durch Südamerika war er nicht nur bei den Eliten in den Städten gewesen, er interessierte sich auch für die Ruderer auf dem Orinoco, für die einfachen Leute, die ihm begegneten. Er hat da keine Unterschiede gemacht und sie mit dem gleichen Blick, der gleichen Achtung behandelt.

Sehen Sie sich auch als Abenteurer?

Ja, das würde ich schon sagen. Aber das hängt auch stark damit zusammen, was ich tue. Ich würde mich als sozialen Fotografen bezeichnen. Ein Leben mit Fotografie ist bei mir nichts anderes als ein Leben durch Fotografie. Ich wüsste nicht, was mir Besseres einfallen könnte, und gleichzeitig hat das Fotografieren für mich durchaus einen therapeutischen Wert. Wenn ich diese Reisen ohne Ziel und ohne diese gewisse Besessenheit, dabei gute Fotos zu machen, antreten würde, dann wäre das ziemlich arm für mich.

Verstehen Sie Ihre Reisen als Fotograf, in Anlehnung an des Zitat von Humboldt, also als steten Versuch, sich dem Unerreichbaren zu stellen?

Nicht unbedingt das Unerreichbare. Aber mich dem schwer Erreichbaren zu stellen, das treibt mich schon. Das muss bei mir aber immer auch eine soziale Komponente haben.

Wie haben Sie herausgefunden, dass Humboldt dieser alten Straße gefolgt ist?

Ich habe intensiv die Inka-Chroniken von Garcilaso de la Vega und die Tagebücher von Humboldt gelesen und dabei festgestellt, dass Humboldt Anfang 1801, zuerst ohne es zu wissen, für seine Expedition die Ruta del Sol, die Sonnenstraße der Inka, über die Anden gewählt hatte. Sein Weg führte ihn am Rio Mayo im heutigen Kolumbien entlang bis nach Trujillo im Norden von Peru. Er sieht immer wieder Fundamente, Reste der alten Straße und Herbergen. Da überschnitten sich im Grunde zwei Wege, die alte Sonnenstraße der Inkas und die des Forschungsreisenden Humboldt.

Und dann kam Ihre Reise hinzu?

Ja, ich als Dritter hinterher. Da überlagern sich schon drei Wege, drei Kulturen und drei Gesellschaftsordnungen. Das fand ich einfach fantastisch.

Wie sind Sie gereist?

Auf der einen Seite war das schon sehr optimal, da die Goethe-Institute in Kolumbien, Ecaduor und Peru mein Projekt gefördert haben. Aber eine solche Föderung reicht nie aus, denn ich hatte immer auch Dolmetscher dabei. Darum hieß es: So billig wie möglich. Ein Hotel durfte nie mehr als fünf Dollar kosten, gegessen wurde auf den Märkten, maximal zwei Dollar für ein Mittagessen. Gereist sind wir mit den ganz normalen Überlandbussen. Und das ist in Südamerika oft genug auch ein ganz besonderes Unternehmen.

Wie lange waren Sie unterwegs?

Ich habe zwei Reisen von insgesamt sechs Monaten gemacht. Jeden zweiten, spätestens am dritten Tag wurde der Ort gewechselt. Und da ich ohne künstliches Licht arbeite, analog, mit einer Mittelformatkamera, brauchte ich für die Landschaften ein bedecktes Licht und für die Porträts im Raum den knallhellsten Sonnenschein. Es war wie ein Wunder, wie ein Geschenk, denn ich habe fast überall das richtige Wetter gehabt.

Was haben Sie für Motive auf dieser Reise gesucht?

Es gab ein ganz klares Konzept. Zunächst habe ich anhand der Reisetagebücher von Humboldts die Reiseroute festgelegt mit all den Orten, die für ihn in irgendeiner Form eine Rolle gespielt hatten. Der Anspruch dieser Reise bestand für mich dann darin, Porträts zu machen.

Weil der Mensch interessanter ist als die ihn umgebende Landschaft?

Ich hatte vor dieser Reise das „Casa Mare“-Projekt gemacht, bei dem ich Menschen aus Osteuropa in ihren Wohnungen fotografiert habe. Das wollte ich wieder versuchen, denn das Klischeebild von Südamerika besteht ja in der Trachtenfrau, die vielleicht noch neben einem Lama steht. Dass aber ein Fotograf durch alle Bevölkerungsschichten in die Wohnungen der Menschen hineingelassen wurde und sie dort fotografiert, das hat es noch nicht gegeben.

In Ihrem Bildband „Sonnenstraße“ sind aber auch Landschaften zu sehen.

Ursprünglich wollte ich keine Landschaften fotografieren, sondern neben den Menschen auch die Einrichtungen in ihren Wohnungen, in den Hütten. Aber ich musste sehr schnell erkennen, dass ich das so nicht umsetzen kann.

Weil nicht alle Menschen Sie in ihre Hütten gelassen haben?

Nein, ich habe vor allem relativ einfache Leute fotografiert und da gibt es keine Möbel wie bei uns. Es gibt Stühle, ein Tisch, ein Bett oder oft nur eine Schlafstelle auf dem Boden. Dann ist da eine Lehmwand und da sind Nägel drin, an denen die Kleidungsstücke hängen. Ein Schrank ist oftmals unvorstellbar. Somit hatte sich das Thema ziemlich schnell erschöpft. Außerdem wollte ich keine Bilder machen, die ganz schnell unter der Rubrik des armen, armen Südamerika abgelegt werden könnten.

Sie sind nie lange vor Ort. Wie gelingt es Ihnen, das Vertrauen dieser Menschen zu finden?

Ganz ehrlich, ich wundere mich auch immer wieder. Aber ich glaube, dass ich eine große Empathie besitze, mich sehr schnell in die Belange meines Gegenübers hineindenken kann und Respekt zeige. Das fasziniert mich auch so an Humboldt, der mit Respekt und vorurteilsfrei auf die Menschen, egal aus welcher solzialen Schicht, zugegangen ist. Ich glaube, dass ich von jedem Menschen etwas lernen kann. Vielleicht ist das etwas, das unabhängig von Sprachen verstanden werden kann. Dann arbeite ich mit einer Kamera mit einem Schachtsucher, das heißt, ich gucke von oben in die Kamera. Dabei senke ich den Kopf und verbeuge mich vor meinem Gegenüber. Das zwar nicht bewusst, aber unterbewusst spielen solche Dinge schon eine Rolle.

Also hat Sie die Offenheit der Menschen auf Ihrer Reise gar nicht überrascht?

Doch, sie waren viel offener als ich erwartet hatte. Obwohl das so vielleicht gar nicht stimmt. Ich hatte ja für jedes Land einen Dolmetscher dabei und ohne die wäre ich den Menschen nicht so nahe gekommen. Ich haben den Menschen auch versprochen, dass sie ein Bild bekommen. Bei 600 bis 700 Leuten, die ich fotografiert habe, sind das schon ein paar Wochen Arbeit. Dann ist das natürlich logistisch recht schwierig, da der Postverkehr in Südamerika sich sehr kompliziert gestaltet. Ich habe die Briefe an die jeweiligen Goethe-Institute vor Ort übergeben, die diese dann in den jeweiligen Ländern verschicken. Nicht alle werden das Bild bei diesen abenteuerlichen Wegen dort erhalten, aber so ein Foto ist dort etwas Besonderes.

Was passiert mit Ihnen auf einer solchen arbeitsintensiven und so eindrucksvollen Reise?

Jede Reise läutert mich. Aber als ich von dieser Reise wiederkam, hatte ich erst einmal einen Burnout. Ich wusste nicht mehr, was ein gutes Foto ist. Aber ich wusste und weiß, wie gut es mir geht. Obwohl, für deutsche Verhältnisse, so würden wohl viele sagen, geht es mir gar nicht so gut. Aber mir geht es sehr gut.

Sie reisen regelmäßig nach Südamerika. Ist dieser Konitnent für Sie mit der Zeit eine Art Sehnsuchtsland geworden?

Als ich zum ersten Mal dorthin reiste, das war im Winter 2005, war das fast schon eine Flucht. Ich hatte es hier nicht mehr ausgehalten, konnte kaum noch lachen. Als ich dann nach Bolivien kam, hat mich das Land innerhalb von zwei Wochen gesund gemacht.

Sie konnten wieder lachen?

Ja, die Sonne, die Menschen, ich war wieder fröhlich, wie ich es lange nicht mehr gekannt hatte. Das verbindet.

Das Gespräch führte Dirk Becker

Frank Gaudlitz stellt seinen Bildband „Sonnenstraße“ (Verlag Hatje Cantz, 39,80 Euro) am heutigen Mittwoch, 20 Uhr, in der Villa Quandt, Große Weinmeisterstraße 46/47, vor. In einem Vortrag wird Ottmar Ette, Professor für französische und spanischsprachige Literatur an der Universität Potsdam, über Humboldts Reisen und sein Denken sprechen. Der Eintritt kostet 7, ermäßigt 5 Euro. Kartenreservierung unter Tel.: (0331) 280 41 03

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