12.12.2017, 6°C
  • 11.07.2012
  • von Dirk Becker

Die abstrakte Schönheit des Künstlichen

von Dirk Becker

Wenn der Mensch zum Schöpfer wird. Künstliche Landschaften im Blick der Fotografin Katja Gragert im Treffpunkt Freizeit. Foto: Andreas Klaer

Die Potsdamer Fotografin Katja Gragert zeigt „Artificial Landscapes – Künstliche Landschaften“ im Treffpunkt Freizeit

Es ist die Natur, die Katja Gragert im Blick hat. Doch ist da kaum etwas Natürliches, Naturbelassenes auf ihren Bildern.

Sie ist wieder in Landschaften eingetaucht. Landschaften, die Katja Gragert gesucht hat. Doch sind das keine Landschaften, die Sehnsucht wecken oder wie eine leicht-wehmütige Melodie etwas im Betrachter zum Klingen bringen. Es zieht einen nicht dorthin, wo Katja Gragert fotografiert hat. Obwohl alles da ist. Wiesen und Sträucher, Blumen und Bäume. Und ein Himmel, der viel Weite, so viele Möglichkeiten zulässt.

Auf diesen Bildern ist eine Leere spürbar. Aber keine Leere, die sich mit Gedanken und Erinnerungen des Betrachters füllen lässt. Das ist keine freundliche Leere, sondern eine abstrakte. Sie lässt sich nicht klar fassen, bewirkt aber ein Unbehagen, das einen Abstand halten lässt. Es ist die kalte und abstrakte Leere der Künstlichkeit.

„Artificial Landscapes – Künstliche Landschaften“ ist der Titel der Ausstellung mit 30 Fotografien von Katja Gragert, die seit Sonntag im Treffpunkt Freizeit zu sehen ist.

Im Juli vergangenen Jahres erst hatte man die junge Fotografin entdeckt, besser gesagt ihre Bildkunst, ihre sanfte Bildsprache, die unaufdringliche, aber umso stärker wirkende Schönheit ihrer Fotografie. Im Bürgerhaus am Schlaatz hatte Katja Gragert unter dem Titel „Teils wolkig“ 39 Schwarzweiß-Fotografien ausgestellt. Aufnahmen aus Frankreich, Italien oder der Tschechischen Republik waren dort zu sehen, vor allem aber Landschaftsaufnahmen aus dem Brandenburgischen mit Titeln wie „Ruppiner Land“ oder „umWinter“. Gerade der fünfteilige Zyklus „umWinter“ hatte fasziniert. Fünf Variationen über eine Winterlandschaft im Irgendwo der Uckermark. Hügliges Ackerland, das vielleicht auch eine verwilderte Wiese war. Ein einzelner Baum und viel Schnee, dem aber noch die Kraft fehlte, alles zu bedecken, alles verstummen zu lassen. Eine Übergangsjahreszeit, die Stille und Schönheit atmete und ausgerechnet im sonnenheißen Juli eine Wintersehnsucht weckte, die einen in der Stärke dann doch überraschte. Katja Gragert sagte damals, dass die Ausstellung „Teils wolkig“ der Abschluss einer fotografischen Phase gewesen sei. Nach drei Jahren ausschließlicher Schwarzweiß-Fotografie wollte sie sich nun verstärkt der Farbigkeit zuwenden. Mit ihrer aktuellen Ausstellung „Artificial Landscapes – Künstliche Landschaften“ präsentiert Katja Gragert nun die ersten Ergebnisse dieser Hinwendung zur Farbigkeit der Öffentlichkeit.

Es ist eine zurückhaltende Farbigkeit, die auf diesen künstlichen Landschaften zu sehen ist. Aber eine Farbigkeit, die für eine leichte Schönheit in dem Abstrakten des Künstlichen sorgt. Bei all diesen Aufnahmen hat Katja Gragert mit der Technik der Überbelichtung gearbeitet, sodass die Farbigkeit wie zurückgenommen, wie verblichen wirkt.

Vor zwei Jahren hat Katja Gragert diese künstlichen Landschaften, die mittlerweile so selbstverständlich das Bild in und um unsere Städte prägen, für sich als fotografisches Motiv entdeckt. Das war auf dem Flughafen in München, wo bei ihr diese zwiespältige Faszination für solche künstlich angelegten Besucherflächen entstand. Auf der einen Seite findet sie die Formen ästhetisch, ist begeistert von der Einfachheit. Auf der anderen fragt sie sich, wie der Mensch sich auf solchen Flächen mit diesen stereotypen Hügelchen, den Rasenflächen und Blumenflächen, den Wegen und den so typischen Bäumchen wohl fühlen kann. Ob er sie überhaupt noch bewusst und kritisch als solche Künstlichkeiten empfindet. In der Stadt tagtäglich umgeben von Mauern und Asphalt und dann, in der Freizeit und an Wochenenden, in diese künstlichen Parks. Eine Natur, an der kaum noch etwas natürlich erscheint.

„Man könnte meinen, der Mensch habe ihr Schienen angelegt, um sich seine Übermacht zu beweisen, als wolle er eine Landschaft erschaffen, in der jeder Grashalm kontrollierbar ist“, schreibt Katja Gragert im Vorwort zu „Artificial Landscapes – Künstliche Landschaften“.

Es sei schon erschreckend, wie oft sie auf solche künstlichen Landschaften bei ihren Reisen trifft. Ist einmal der Blick dafür geschärft, erkennt man diese reißbrettartigen Strukturen fast überall. Aber auch wenn sie diese scheinbar so austauschbaren Landschaften schon so oft besucht hat, wie beispielsweise den Volkspark in Potsdam, sie entdeckt immer wieder Neues. Und so geht es auch dem Betrachter ihrer Bilder.

Es entsteht keine Nähe zu oder Sehnsucht nach diesen Landschaften. Aber die zurückhaltende Schönheit der Motive, die Bildkunst und sanfte Bildsprache von Katja Gragert entwickeln eine Faszination, der man sich nur schwer entziehen kann. Eine Faszination, die wie diese Bilder auch etwas Abstraktes, nicht leicht zu Erklärendes hat. Aber hat man erst einmal die anfängliche Abstandshaltung überwunden, ist näher an diese Landschaften, die ja immer nur Ausschnitte sind, herangetreten, entdeckt man faszinierende Details. Details, die von der Eigenwilligkeit der Natur erzählen, die sich auch in dieser Künstlichkeit durchsetzt. Mal ist es nur die unruhige Form einer Blumenfläche, die sich dem Ordnungssinn widersetzt, mal ist es das Grün, das sich zwischen die Fugen der Pflastersteine auf den Gehwegen gezwängt hat und so das allzu Linienförmige dieser Künstlichkeit aufbricht. Es sind Details, die Katja Gragert oft auch erst beim späteren Sichten der Bilder entdeckt.

Der Mensch, der hier so stark und dominant der Natur seinen Willen aufzwingt, ist auch auf einigen der Bilder zu entdecken. Mal nur als fast schon zu übersehender dunkler Fleck irgendwo im Hintergrund, mal nur schattenhaft wie ein Geist durch Langzeitbelichtung in das Bild geraten. Es ist das Menschliche in der Natur, die mal deutlichen, mal nicht so deutlichen Spuren, die diese dort hinterlassen hat und die Katja Gragerts fotografisches Interesse wecken. Naturbelassene Landschaft, soweit es diese überhaupt noch gibt, interessiert sie nicht. Mit besonderem Blick betrachtet Katja Gragert dieses besondere Verhältnis von Mensch und Natur. In ihren Bildern fängt sie dieses Besondere für uns ein. Die Kunst, die sie dabei mit erstaunlicher Leichtigkeit zu beherrschen scheint: Jeder Betrachter entscheidet für sich, was das Besondere ist.

„Artificial Landscapes – Künstliche Landschaften“ im Treffpunkt Freizeit am Neuen Garten 64, ist noch bis zum 8. September, montags bis freitags, von 8 bis 21.30 Uhr zu sehen. Weitere Informationen unter www.gragert-photography.com

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!