• 07.07.2012
  • von Daniel Flügel

POETENPACK: Alles bleibt, wie es war

von Daniel Flügel

Das Landleben ist nicht nur Idylle. In „Onkel Wanja“ zeigen Simone Kabst, Rike Joeinig und Wolfram Grüsser die seelische Einsamkeit. Foto: Poetenpack/Bernd Kröger

Das Potsdamer Poetenpack brachte Tschechows Drama „Onkel Wanja“ auf der Open-Air-Bühne im Q-Hof erfolgreich zur Premiere.

Immer wieder kommen die Schauspieler in ihren Rollen auf das Wetter zu sprechen und improvisieren mitunter sogar noch ironisch ein Lob, was dann erst recht für Heiterkeit beim Publikum sorgt. Weitaus kräftiger als in Anton Tschechows Stück „Onkel Wanja“, das in der Inszenierung des Theaters Poetenpack am Donnerstagabend seine Premiere feierte, regnet es im Q-Hof fortwährend in Strömen und blitzt und grollt es am Himmel. Sehr gut besucht ist dieser ländlich verschlafene, bauernhofartige Ort dennoch. Die kleine Freilichtbühne haben die Theaterleute mit wenigen Handgriffen und in Windeseile mitsamt Zuschauerreihen unter ein großes Vordach verlagert. Und während es unerbittlich auf das üppige Blattwerk und die Ställe ringsum pladdert, machen sie ihre kleinen Späße darüber und bieten ihren Gästen derweil eine ganz und gar reizende Aufführung.

Den um 1896 geschriebenen „Szenen aus dem Landleben“ gab Tschechow den Titel „Onkel Wanja“: nach dem Namen des Verwalters des Landguts, wo die Szenen spielen. Sie sind aus der Umarbeitung seiner sieben Jahre zuvor entstandenen, jedoch beim Publikum hoffnungslos durchgefallen Komödie „Der Waldschrat“ hervorgegangen. Sein Drama „Onkel Wanja“ hingegen wurde 1899 mit großem Erfolg in Moskau uraufgeführt und avancierte später zu einem Bühnenklassiker. Dabei sind die Hauptpersonen hier wie dort die gleichen geblieben. Nur treten sie in „Onkel Wanja“ in neuen Szenen zusammen und die Handlung rückt mehr in den Hintergrund, während die meisten der Akteure ihre Tage nutzlos vertun und sich in eine melancholisch skeptische, lethargische und selbstmitleidige Stimmung eingelebt haben. Die Onkel Wanja genannte und von Mirko Zschocke mit Verve dargestellte Titelfigur Iwan Wojnitzkij bewirtschaftet seit Jahren gemeinsam mit seiner Nichte Sonja ein Landgut, dessen Erlöse sie an Sonjas Vater Alexander Serebrjakow, einen emeritierten Professor, schicken. Doch zeigt sich plötzlich, dass ihre Mühen umsonst gewesen sind. Es wird ihnen klar, dass sie kein eigenes Leben gelebt haben. Denn Serebrjakow, ein von Wolfram Grüsser überzeugend gespielter hypochondrischer Greis, der mit seiner zweiten, jüngeren Frau Jelena das Landgut besucht, will selbiges verkaufen und das Geld in Wertpapiere anlegen. Zudem verliebt sich Onkel Wanja in die schöne Jelena, die ihn jedoch abweist und sich ihrerseits, wie nebenher auch Sonja, in den charismatischen Landarzt Astrow verliebt, ein erklärter Freund der Natur, aber auch des Wodkas. Genügend Störungen also, die da in das beschauliche, monotone Provinzleben hineingeraten sind.

Dank des weiten individuellen Spielraums, den das Stück seinen Figuren bietet, ist es schön zu sehen, wie sich jede einzelne in ihrer Rolle entfaltet.

In der Inszenierung von Andreas Hueck kommt besonders ein Seelenzustand zum Ausdruck, der viele Figuren vereint: tiefe Enttäuschung angesichts verlorener Ideale und die Sehnsucht nach einem anderen, erfüllten Leben. Nicht von ungefähr sind rund um die Spielstätte mehrere leere Vogelbauer platziert, erheben sich auf einer Sitzbank vor einem riesigen Stapel Brennholz und umschwirrt von Fledermäusen nacheinander Klagelieder. Mal erklingen sie als Monolog, etwa wenn die hinreißend vitale Rike Joeinig als Sofia ihre Hässlichkeit und ihre aussichtslose Verliebtheit beweint, oder als Dialog, wenn sich Simone Kabst als Jelena dazusetzt und Sofia anvertraut, dass auch sie als Ehefrau Serebrjakows unglücklich ist, was dem Zuschauer schon dank ihrer hervorragenden Körpersprache aufgefallen ist. Nur die überwiegend zeitlos gehaltenen Kostümierungen trennen die Eintracht dann doch: das einfache Landmädchen in schlichtem dunklen Kittel, die elegante Städterin in modisch farbenfrohen Kleidern. Doch nicht nur Jelena und Sofia trinken Brüderschaft. Auch Doktor Astrow, den André Kudella mit Glanz und Charme verkörpert, betrinkt sich mit Onkel Wanja im vereinten Kummer. Während der Arzt Reden schwingt, die einem heutigen Umweltaktivisten gut zu Gesichte stünden, hat er längst resigniert, sich in Zynismus geflüchtet und jedweder Liebesleidenschaft entsagt.

Anders Onkel Wanja. Mit schwerer Stimme lallend, sich in seinem Elend suhlend und am Ende wütend brüllend hält er es nicht mehr aus, schießt zweimal auf den Professor und trifft diesen noch nicht einmal. Eine laute, jedoch lächerliche Tat, die die Dinge unverändert lässt. Am Ende, nach dem großartigen Schlussapplaus, bleibt alles so, wie es war. Selbst der Regen hat nach über zwei Stunden kein bisschen nachgelassen. Daniel Flügel

Nächste Vorstellungen: 7., 8., 11. und 12. Juli, jeweils 20 Uhr, Lennéstraße 37, Karten unter Tel.: (0391) 531 66 26. Der Eintritt kostet im Vorverkauf 18, ermäßigt 14 Euro, an der Abendkasse 22, ermäßigt 18 Euro

  • Erschienen am 07.07.2012 auf Seite 03

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