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  • 14.04.2012

Auf den Spuren der Illusion

Marcel Piethe spürte Drehorte im „Filmland Brandenburg“ auf: Buchpremiere am Dienstag

Herr Piethe, bereits 1921 stapften für den Film „Das indische Grabmal“ Elefanten durch märkischen Sand, Krokodile wurden in angewärmte Seen ausgesetzt. Inzwischen hat auch Hollywood Brandenburg entdeckt. Erzählstoff ohne Ende. Da verwundert es sehr, dass erst jetzt ein Buch über die brandenburgische Filmlandschaft erschienen ist.

Es gibt Bücher über die Filmstädte Berlin, Hamburg und München. Aber zur ältesten Drehortlandschaft, nämlich Brandenburg, in der inzwischen jährlich 300 Filme entstehen, gab es bislang tatsächlich nichts. Genau das war der Grund, warum ich gemeinsam mit Alexander Vogel diesen filmischen Reiseführer schrieb.

Sie schreiben über rund 130 Drehorte und 300 Filme, dazu über Schauspieler, Regisseure, über Heimatgeschichte, ja auch über die inzwischen sehr ausgedünnte Kinolandschaft. Führt dieser weitgefasste Blick nicht auch zur Oberflächlichkeit?

Dieser Gefahr war ich mir durchaus bewusst. Aber ich wollte keine reine Beschreibung der Filme. Filme entstehen immer in einem Kontext und 100 Jahre Film in Babelsberg spiegeln auch fünf verschiedene Gesellschaftssysteme wider. Es ist erstaunlich, dass wir gerade in einem Land, in dem die Verwerfungen der deutschen Geschichte so sichtbar sind, eine so kontinuierliche Filmdrehlandschaft haben. Aber Brandenburg ist eben auch voller Poesie.

Warum entstanden und entstehen gerade hier so viele Filme?

Zum einen durch die Nähe zu Berlin, dem ersten wesentlichen Produktions- und Aufführungsort. Und ab 1912 dann auch durch Babelsberg. Da geht es um handfeste ökonomische Aspekte, um kostengünstige Drehorte im Freien. Zudem bietet die Vielfalt der Landschaft den Filmern die Möglichkeit, eine sehr unterschiedliche Welt abzubilden: die Kalkberge bei Rüdersdorf dienen als Alpenlandschaft, die amerikanische Prärie liegt bei Mittenwalde.

Sie erzählen auch, warum Indianerfilme bei der Defa Hochkonjunktur hatten.

Mir war wichtig, einen Bogen zur Zeit zu schlagen. Dass Oberindianer Gojko Mitic zwischen Motzen und Töpchin seine Spur der Falken legte, war eine Reaktion auf die erfolgreichen Winnetou-Filme in Westdeutschland. Die Defa setzte diesen Westernknallern durchaus etwas sehr Interessantes entgegen.

Bei Ihrer Beschreibung über den Großfilm „Kolberg“, der im Auftrag von Propagandaminister Goebbels 1943 gedreht wurde und zum teuersten der Ufa-Geschichte wurde, gehen Sie auch auf das Konzentrationslager Sachsenhausen ein.

Es war schon abstrus, was da direkt vor den Toren des Konzentrationslagers passierte. Gedreht wurde zum Teil bei den Karpfenteichen in Sachsenhausen, und KZ-Häftlinge mussten die Kulissen mit errichten. Das Beispiel Sachsenhausen zeigt aber auch deutlich ein Problem unserer Recherchen: Dass hier für „Kolberg“ gedreht wurde, stützt sich allein auf die Aussage eines Ortschronisten und wir konnten dafür bisher keine anderen Belege finden.

Sie ergänzen die detailreiche Beschreibung dieses letzten filmischen Aufgebots der Nazis durch einen Exkurs über die Verstrickung der Schauspieler am Fall Heinrich Georges, der in Kolberg einen Volkshelden spielte. Wusste er, dass Häftlinge mit an dem Film arbeiteten?

Das ist nicht belegt. Auch nicht, ob er bei Dreharbeiten in Sachsenhausen vor Ort war. Aber dass er im Juni 1945 ins sowjetrussische Speziallager Nr. 7, das ehemalige KZ Sachsenhausen, gebracht wurde und dort starb, ist bekannt. Er hielt bis zuletzt am Leben fest, studierte hinter Gittern auf Russisch den Postmeister Puschkins ein und lernte Goethes Urfaust auswendig, den er dann vor russischen Offizieren vortrug.

Sie schreiben auch über die Reichsfilmkammer, die dafür sorgte, dass an der Herstellung deutscher Filme nur Künstler deutscher Abstammung mitwirken durften. Für viele bedeutete das ein Ende ihrer Karriere. Geht es Ihnen als Historiker auch um eine wissenschaftliche Einordnung?

Es ist kein Wissenschaftsbuch, wenn Sie das meinen. Aber wir haben natürlich gründlich recherchiert. Das Buch soll eine breite Leserschaft ansprechen und unterhalten. Aber natürlich auch einordnen. Ich erzähle keine chronologische Geschichte, sondern gehe bei meinen Ausflügen durch sechs Landstriche auf ausgewählte Aspekte ein: wie auf den frühen Film, den Film im Nationalsozialismus, den Defa-Gegenwartsfilm, speziell den Kinderfilm, und natürlich auf aktuelle Drehorte. Spannend war die Entdeckung, dass fast in jedem Landkreis gedreht wurde. Schon 1911 fuhr das Team von „Der fremde Vogel“, der erste vollständig vor einer Landschaftskulisse in Brandenburg gedrehte Film, bis in den Spreewald.

Als einen der befremdlichsten Drehorte beschreiben Sie das Gefängnis Luckau. Was macht so ein Ort mit den Schauspielern?

Dieser Ort, an dem schon Karl Liebknecht inhaftiert war, ist bedrückend. Hannah Herzsprung ging schon Wochen vor Drehbeginn von „Vier Minuten“ dort hinein, um sich so wirklichkeitsnah wie möglich in ihre Rolle einzufühlen. Sie setzte sich in eine Zelle und las die Sprüche der Inhaftierten an den Wänden. „Ein besonders bleibender Eindruck war der Ausblick durch die Gitterstäbe. Von dort blickte man in die gegenüberliegenden Wohnblöcke. Bunte Gardinen, Kinder, die herüberlachten“, schrieb sie in ihrem Filmtagebuch. Wenig später schaute Kate Winslet im „Vorleser“ durch die selben Gitterstäbe.

Was ist Ihr besonderer Tipp für filmenthusiastische Reisende?

Die Region Rüdersdorf-Woltersdorf. Nicht nur, weil der Regisseur Joe May eine Herde Elefanten vom Hamburger Zoo nach Berlin verkarren und schließlich von Erkner aus acht Kilometer als Karawane bis nach Woltersdorf treiben ließ. Auch das Kulturhaus in Rüdersdorf, in dem der Defa-Film „Solo Sunny“ gedreht wurde und immer wieder für Tatorte ermittelt wird, ist ein Erlebnis besonderer Art. Dort sieht es heute noch aus wie im tiefsten Osten: die Kellner, die Büsten, die aufspielende Blaskapelle. Und es riecht auch noch so. Man glaubt kaum, was man an alter Zeit noch entdecken kann, wenn man sich so langsam wie wir durchs Brandenburgische bewegt.

Es ist erstaunlich, dass so wenig Werbung mit Drehorten gemacht wird. In London reisen Tausende in den Stadtteil Notting Hill, um den Buchladen von Julia Roberts in der gleichnamigen Komödie zu sehen.

Der Drehort wird noch immer zurückgesetzt behandelt. Wir mussten tief in die Archive schauen, viel Sekundärliteratur lesen, um all die spannenden Geschichten aufzuspüren. Dabei sollte man den Drehort als Marketingfaktor nicht unterschätzen. Langsam wird das auch in Deutschland wahrgenommen. Städte wie Wittenberge oder Nauen werben ganz offensiv. Da gibt es Stadtrundgänge zu Drehorten. Gerade in Wittenberge hat sich die Stadtlandschaft relativ wenig verändert. Für die Menschen vor Ort ein zweifelhaftes Vergnügen. Aber dort können ideal Filme über die DDR gedreht werden, wie gerade „Barbara“.

Potsdam durchwandern sie gerade mal auf zwei Seiten Ihres Buches. Warum?

Der Drehort Potsdam ist mein nächstes Vorhaben. Er hätte den Rahmen des Buches gesprengt. Da wären schnell mal aus 250 Seiten 900 geworden.

Wann erscheint „Drehort Potsdam“? Noch in diesem 100. Jahr des Films?

Nein. Noch ist die Finanzierung nicht gesichert.

Das Gespräch führte Heidi Jäger

Buchvorstellung am kommenden Dienstag, dem 17. April, um 20 Uhr im Filmmuseum, Breite Straße 1A

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