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  • 29.03.2012

Einmal Absturz und zurück?

Petra van Laak stellte ihr Buch „1 Frau, 4 Kinder, 0 Euro (fast)“ bei Wist vor

Manchmal muss man alles verlieren, um sich selbst zu finden. Unter diesem Motto kann man den autobiografischen Bericht von Petra van Laak „1 Frau, 4 Kinder, O Euro (fast)“, den die Potsdamer Autorin am Dienstagabend im Literaturladen Wist vorstellte, auch lesen. Die Unternehmergattin van Laak war Mitte dreißig, als die Firmen ihres Mannes in die Insolvenz gingen und ihre Ehe zerbrach. Mit vier Kindern im Alter von drei bis neun Jahren stand sie von einem Tag auf den anderen beinahe mittellos und zudem alleinerziehend da.

Auf solche existenziellen Erfahrungen war die studierte Kunsthistorikerin in ihrem nahezu sorgenfreien Leben in einer Villa am See nicht eingestellt, wie sie in der Buchhandlung dem vorwiegend weiblichen Publikum erzählte. Sie hatte sich eingerichtet in einer eher traditionellen Frauenrolle, die ihr die Kindererziehung als Hauptverantwortungsbereich ließ, und ihr Interesse beispielsweise an Finanz- und Versicherungsfragen fast vollständig zum Erliegen brachte. Doch als die Villa unter den Hammer kam und sie selbst vom Amt für Wohnraumsicherung eine Zweizimmer-Wohnung zugeteilt bekam, änderte sich das schlagartig.

Petra van Laak, Jahrgang 1966, erinnerte sich in ihrem 266-seitigen Buch daran, wie die starken Frauen aus ihrer Familie mütterlicherseits sogar Zehn-Personen-Haushalte durch Krieg und Nachkrieg gebracht hatten und krempelte selbst die Ärmel hoch.

Bewundernswert, wie es ihr gelingt, anfangs mehr schlecht als recht, ihre vier Kinder allein durchzubringen und dabei ein wunderbares Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen allen Familienmitgliedern zu entwickeln. Hut ab vor den unzähligen vergeblichen Versuchen, eine angemessene Arbeit zu finden, die die fünfköpfige Familie unabhängig von der Sozialhilfe werden lässt und großartig auch, was sie an Solidarität von Freunden oder Fremden erfährt. Die Zuhörer im Literaturladen Wist, der aufgrund der großen Nachfrage die Lesung am gestrigen Mittwoch wiederholte, applaudierten spontan, als sie die Episode vorlas, in der ihr die Gemeindereferentin Felicitas mit übrig gebliebenen Lebensmitteln vom Kirchentag hilft, über die Runden zu kommen.

Denn Petra van Laak hat Kompetenzen, die andere Menschen in einer ähnlichen Situation kaum oder nur annähernd haben: Sie ist offen und reflektiert, hat eine unterstützende Herkunftsfamilie im Rücken, glaubt an die eigene Kraft und besitzt zudem noch den Mut, sich in so einer ausweglosen Situation beruflich selbstständig zu machen. Und der berufliche Aufstieg und damit die Rückkehr in die bürgerliche Mitte gelingt. Das ist ihr unbedingt zu gönnen!

Aber es ist nur die eine Seite der Medaille. Ihr spannend geschriebener und auch berührend zu lesender autobiografischer Bericht bedient letztendlich den kapitalistischen „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Mythos, der (nur) dem Tüchtigen das Glück verheißt. Wer alle diese Ressourcen nicht, zudem die falsche Ausbildung hat oder beispielsweise krank wird, dem wird dieses konsequente Verfolgen der Leistungsidee nur einmal mehr die eigene Unzulänglichkeit und nicht die des herrschenden neoliberalen Wirtschaftssystems spiegeln.

Insofern kann man Petra van Laak, die von der Moderatorin des Abends, Anja Goerz von Radio Eins, als Mutmacherin bezeichnet wurde, nur bedingt als solche begreifen. Wie sie an ihrer ganz persönlichen Krise gewachsen ist, nötigt einem jedoch unbedingt Respekt ab. Und ihr Buch vermittelt zudem, dass sich selbst die schlimmsten Situationen am besten mit einer Portion Humor überstehen lassen.

Petra van Laak: 1 Frau, 4 Kinder, 0 Euro (fast)“, Droemer Verlag 2012, 14,99 Euro

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