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  • 27.02.2012
  • von Gerold Paul

„Fragt mich nicht, wie!“

von Gerold Paul

Silvia Ladewig, alias Der Silberne Zweig, erzählte in der Jurte Märchen von der Seidenstraße

In Matthias Michels abendlicher Kirgisenjurte, gleich hinter dem Biosphärenhaus, ist es urgemütlich. Das Holz im Kaminofen verbreitet sein harziges Flair, Kerzen erhellen im Sechs-Meter-Rund den Dämmerschein, Filz schützt vor Wind und Kälte, Tee gibt es vom Samowar. Man sitzt zwar nicht auf dem fellbedeckten Boden, aber auch nicht sehr hoch, wenn Silvia Ladewig, alias Der Silberne Zweig, wieder einmal Märchen erzählt.

Beispielsweise von einem Fischer, der einen Flaschengeist fischt. Salomo persönlich hatte ihn in das Gefäß gebannt. Nach gut tausend Erdenjahren war der Dschinn so frustriert, dass er jedem Retter den Tod schwor. Der Ärmste konnte sich nur retten, indem er dem Riesen Märchen erzählt, so ineinander verschachtelt, dass eines aus dem anderen entsteht, ohne je ein Ende zu finden. Ob ihm das sein Leben rettete? Silvia Ladewig ist als Geschichtenerzählerin schon seit Jahren unterwegs, doch irgendwie hat sie wohl ein Faible fürs Asiatische.

Am Freitag eröffnete sie in Matthias Michels Winterquartier eine neue Reihe, darin sie Märchen von den Ländern an der Seidenstraße erzählt. Weil diese Handelsroute aber von Rom bis China reicht, wird der Vorrat an Überlieferungen von Dews (genauso gesprochen) und Drachen, Riesen, Dschinns und Gnomen nebst dem Simurg so bald nicht erschöpft sein. Ihre Spezialität ist die freie Erzählung, also die äußerst anschauliche Neuerschaffung der Originale für Klein und Groß durch Zunge und Körper, was jede Menge Spannung erzeugt. Wenn sie den unfreiwilligen Drachenflug eines Wanderers schildert, sagt sie schon mal, „das war nicht so wie in einer Boing 707 mit Stewardessen!!“ - und schon ist auch die „Aktualität“ da, ganz unauffällig.

Diesmal also Märchen aus Kirgisien, wo für den heutigen Jurtenbesitzer Michel alles begann. Aus dem Traum, einmal den Siebentausender „Pik Lenin“ zu besteigen, wurde Liebe zu Kirgisien, zu den Filzjurten, deren Dach von einer Unzahl rotgetränkter Weidenruten gehalten wird. Wie von selbst kam dann die Jurte zu den Märchen, der Silberne Zweig in sein kulturträchtiges „Nomadenland“.

Um also sein Leben zu retten, erzählte der Fischer die lange Geschichte, wie Prinz Früchtekorb seine Blumenfee freite, was der Wasserdrache damit zu tun hatte, dann vom Kaufmann Mahan, den ein böser Dew übelst mitspielte. Wusste die begnadete Märchenerzählerin ein Wunder nicht gleich zu deuten, hörte man dafür ihr fröhlich unbefangenes „Fragt mich nicht, wie!“ So vergingen zwei Stunden nach altorientalischer Art wie im Fluge. Sie weiß viel von Drachen und anderen „Naturwesen", einigen ist sie sogar persönlich begegnet.

Gastgeber Michel verriet dem nicht gerade üppig erschienenen Publikum Aufbau und Funktion seiner für alle möglichen Zwecke mietbaren Jurte. Wenn so ein Ort nicht eine Empfehlung vor Mann und Maus, Kind und Kegel ist! Am 16. März präsentiert die „Märchentante“ hier Karl May, freilich als Lesung zu seinem hundertsten Todestag.

Und was aus dem Fischer wurde? Als er den wilden Dew mit List noch einmal in Salomos Pulle gebracht hatte, versprach ihm dieser nicht nur das Leben, sondern auch jede Menge Gut und Geld!

Wie wunderbar das alles war, viel besser als Ti-Vie! Gerold Paul

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