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  • 26.01.2012
  • von Klaus Büstrin

Kultur in Potsdam: Eine lebenslängliche Passion

von Klaus Büstrin

Foto: Kumlehn

Zum Tod der Potsdamer Kunstpädagogin und Künstlerin Suse Globisch-Ahlgrimm

Nach dem Klingelzeichen schaute eine freundliche Dame aus dem Fenster. Als sie sich davon überzeugte, dass der Besucher der bereits Erwartete ist, ließ sie einen Schlüssel, der an einem langen Band hing, runter. Dann konnte man die Haustür aufschließen. Oben an der Wohnung gab es einen herzlichen Empfang. Die Malerin und Kunstpädagogin Suse Globisch-Ahlgrimm hat sich immer gefreut, wenn jemand zu Besuch kam. Ihre Herzlichkeit nahm sofort gefangen. Natürlich erklärte sie, dass ihr das Treppensteigen einige Probleme mache. Daher der Schlüssel an der Schnur.

In den vergangenen Jahren musste sie immer mehr Besuchsanfragen absagen. Nur einige wenige Getreue konnte sie nur noch um sich haben. Doch der Schlüssel muss nun leider für immer oben bleiben, denn am 23. Januar ist Suse Globisch-Ahlgrimm im Alter von 91 Jahren in ihrer Wohnung nach langer Krankheit verstorben.

Die kleinen Räume atmen den Geist großer Feinsinnigkeit. Sie sind Gefäße für Bilder, Bücher und Erinnerungen. Die Kunst hatte hier ein gutes Zuhause. Obwohl sie in den vergangenen Jahren kaum noch das Haus verlassen konnte, stand sie mittendrin im Leben. Besucher oder die Zeitung informierten sie über das Tagesgeschehen. An ihm nahm Suse Globisch-Ahlgrimm intensiv Anteil, genauso wie ihr 2004 verstorbener Ehemann, der Maler Hubert Globisch. Beim Lesen war auch eine Schere stets zur Hand. Sie schnitt bis zuletzt sie interessierende Artikel aus der Zeitung, um sie zu archivieren und darüber, wenn nötig, zu diskutieren.

Obwohl sich Hubert Globisch und Suse Ahlgrimm als Kollegen gut kannten – beide lehrten an Erweiterten Oberschulen Potsdams Kunstpädagogik –, stellte sich zwischen ihnen eine wunderbare späte Liebe ein. 1983 heiratete die in Neubrandenburg Geborene und seit 1940 in Potsdam Lebende 63-jährig Hubert Globisch. Sie wählten Weimar als Trauungsort. Der Atmosphäre dieser Stadt und den Dichtern, die in ihr lebten, standen sie besonders nahe. Beide waren beste Kenner von Goethe-Texten. Es war schon beeindruckend, wie ihre große kulturelle Bildung in den Alltag einfloss. Das haben sie auch ihren Schülern vermittelt.

Vor gut zwei Jahren fand im Pavillon auf der Freundschaftsinsel eine Ausstellung statt, bei der ehemalige Schüler der Helmholtz-Schule – sie sind heute selbst künstlerisch tätig – ihre bildkünstlerischen Arbeiten vorstellten, als Hommage an ihre verehrte Lehrerin. Denn Suse Ahlgrimm hat ihnen den Schlüssel zur Kunst geliefert.

Der heute in Bornim lebende Grafiker Manfred Butzmann erinnert sich, dass er 1961 bei einem Bewerbungsgespräch an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee Werner Klemke gegenüber sehr selbstsicher auftrat. Er war davon überzeugt, an der Hochschule studieren zu können. „Jedenfalls fragte er mich: ,Woher wollen Sie wissen, ob wir Sie nehmen werden?‘ Und ich erinnere mich an meine Antwort damals: ,Bis jetzt ist in jedem Jahr einer aus unserer Schule angenommen worden.‘ Das Vertrauen hatte mir wohl Suse Ahlgrimm eingepflanzt, wie vielen anderen vor mir auch schon. Über allen anderen Klassenräumen war ihr Reich, ganz allein – denn nur sie unterrichtete Zeichnen, kein anderes Fach. Und dazu gehörte Kunstgeschichte. Suse Ahlgrimms Raum war … in meiner Erinnerung ein richtiger heller Saal, und jeder konnte dort über den Dächern des Holländischen Viertels auch seinen eigenen Freiraum finden. Dieses ,Über-den-Dingen-Stehen‘ und die fordernde Freundlichkeit unserer Zeichenlehrerin führten wohl offenbar zu dem oben beschriebenen Selbstbewusstsein.“

In der Schau auf der Freundschaftsinsel waren auch Bilder der Künstlerin und Kunstpädagogin zu sehen. Sie wählte in den letzten Jahren vor allem kleine Formate. Erstaunlich war ihre Erfindungskraft im Umgang mit Formen und Farben. Fast nichts Überflüssiges, nichts Störendes ist auf ihnen zu finden, auch kein Kraftaufwand für ästhetische Wirkungen. Sie zielten darauf, so der Kunsthistoriker Fritz Erpel, Verborgenes sichtbar zu machen: „Naturhaftes und Maschinenmäßiges, Schimäre oder Phantomgewächse, Dunkel und Helligkeit; Karikaturen aus der Mikrowelt … Bilanz einer lebenslänglichen Passion“.

Der künstlerische und kunstpädagogische Nachlass wird dem Wunsch Suse Globisch-Ahlgrimms gemäß an den Potsdamer Kunstverein übergehen.

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