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  • 19.12.2011
  • von Andrea Schneider

Ein Csardas ohne Geige Milenko Goranvic

von Andrea Schneider

Foto: Promo

las im Café 11-Line

Der ungarische Csardas ist impulsiv und verwirrend, dramatisch und fordernd. Er springt seinem Spieler förmlich von den Saiten und fordert der Geige ein großes Durchhaltevermögen ab. Was aber geschieht mit einem Csardasspieler, wenn er sein Instrument verliert? Dann kann es passieren, dass er anfängt zu erzählen. Wie so ein Erzähltheater aussieht, ließ am Freitag der Träger des Brandenburgischen Literaturpreises, Milenko Goranvic, hören. Er ließ im Café 11-Line die Geschichte einer Liebe wieder aufleben, die im Mai 1993 als Foto um die Welt ging.

Das Foto hatte ein Kriegskorrespondent der amerikanischen „Time“ gemacht, der mit ansah, wie zwei junge Menschen dem Krieg trotzten und dabei ums Leben kamen. Beinahe vier Jahre war Sarajevo während des Bosnienkrieges belagert. Vier Jahre, in denen fast 10 000 Menschen aller Ethnien getötet und 50 000 schwer verletzt wurden. Vier Jahre, in denen Nachbarn gegen Nachbarn kämpften.

Aufgeregt, schnell und immer wieder die Richtung wechselnd spricht Milenko Goranvic von diesen Tagen, von zwei Menschen, die sich lieben und die bis zum 19. Mai 1993 in der Stadt verharren – „wie kindisch“. Neun Jahre zuvor, gerade 16-jährig, hatten sich die beiden ineinander verliebt – sie Muslima, er Serbe und Christ. Was viele Jahre kein Problem war, sollte 1992 plötzlich Romeo und Julia aus ihnen machen. Ihre Liebe wurde zu etwas Verbotenem, Gefährlichem, das Schicksal zog sein Band um sie.

Doch nicht zu schnell, erst eine andere Geschichte! Milenko Goranvic entwickelt die Figur des Alten, der dem Erzähltheater den Titel gibt: „Csardas für den Alten“. Der Alte, als junger Mann aus dem Krieg desertiert, ist der Vater des Mädchens, Admira ihr Name. Er läuft und läuft, fällt schließlich, erwacht und findet sich in einem Zigeunerlager wieder, umgeben von den Klängen des Csardas. Die Musik wird sein Leben begleiten. Später wird er immer wieder ins Nationaltheater Sarajevos gehen und dem Csardasspieler lauschen, von dem er noch nicht weiß, dass dieser einmal seine Geschichte erzählen wird.

Seine Geschichte und die von Admira und Bosko, die sich lieben und die die Stadt Sarajevo schließlich doch verlassen wollen. Die einem Menschen vertrauen, der, glaubt man dem Erzähler, von Grund auf böse scheint, der aber Boskos Mutter das Leben rettet, weil sie, die ehemalige Lehrerin, immer an ihn geglaubt hat.

Milenko Goranvic hält inne. Es ist soweit. 19. Mai, 1993, 17 Uhr, der Himmel strahlend blau, eine Brücke in Sarajewo. Gerade noch hatte es schweren Beschuss gegeben, doch jetzt ist es still. Ein Zeichen und die beiden jungen Menschen laufen Hand in Hand über die Brücke, die sie in die Freiheit führen soll, lächeln – „wie kindisch“. Dann fallen Schüsse. Bosko ist sofort tot, Admira schwer verletzt. Sie könnte noch fliehen! Doch dann fällt sie, kriecht zu ihrem Freund, bedeckt, umschlingt ihn mit ihrem Körper und bleibt so liegen, bis auch sie verblutet. Acht Tage werden die beiden Liebenden so liegen. Das Bild, für die Zuhörenden auf eine Leinwand projiziert, brennt sich ein. Der Erzähler schweigt. Er hat seine Aufgabe erfüllt, hat einen Csardas ohne Geige gespielt. Andrea Schneider

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