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  • 18.10.2011
  • von Richard Rabensaat

Poesie und Chaos

von Richard Rabensaat

„the beauty of contrast“: Malerei von Meininger und Sztuka in der Galerie „Sans Titre“

Der Blick, den Jacek Sztuka und Mikos Meininger im Atelierhaus „Sans Titre“ auf die Realität werfen, ist weder verstörend noch schonungslos, sondern höchst poetisch. Zwar arrangiert der Pole Sztuka gerupfte Hühnchen und allerlei anderes Hühnerklein auf Autoschrott, dabei bleiben seine Bilder aber bis ins Kleinste austariert. Der mögliche Skandalwert des Dargestellten interessiert den Maler offensichtlich nicht. Anders als bei David Cronenbergs Film „Crash“, der 1996 in Cannes prämiert wurde, handelt die Serie der Kollisionen von Fleisch und Metall bei Sztukas nicht von der Gewalttätigkeit des Zusammenstoßes. Sztuka geht es um „Schönheit der Gegensätze“.

Der blass farbene Hühnerleib trifft auf rostige Schrotteile. Im Kabelgewirr des offenen Motorraumes bleckt dem Betrachter ein weit aufgerissenes Stück Hühnerfleisch entgegen. Geschickt nutzt der Maler alle Möglichkeiten dramatischer Bildinszenierung und setzt das Dargestellte höchst effektvoll in Szene. Sztuka komponiert Licht und Schatten mit einer Sorgfalt, die sich an klassischen Meistern orientiert. Er gelangt schließlich zu einem Arrangement, das ein wenig befremdlich wirkt, aber nie ins Surreale gleitet. An dem gemalten Hühnchenleib beeindruckt daher weniger das Sujet, sondern vielmehr, wie nuancenreich der Maler auch die schattigen Teile des Tierkörpers gestaltet. „Die figürliche Malerei ist immer eine Suche nach Farben und Balancen“, konstatiert der Maler. Der Klang der Farbe sei ihm wichtig, sagt Sztuka und zieht eine Mundharmonika hervor, um sein Statement auch akustisch zu untermalen. Wie um zu unterstreichen, dass ihn der dargestellte Inhalt der Bilder eher wenig interessiert, hat Sztuka seine Bilderserie konsequent „Fleisch-Schrott I bis X“ betitelt.

Farbklänge, Harmonien und gelegentlich krass chaotische, aber letztlich geschickt inszenierte Misstöne bestimmen auch die Bilderwelt von Mikos Meininger. „Die Tiefsee“, „Wartender“, „Wie das Herz schlägt in mir“ nennt er seine Bilder. Ein weiter Kosmos stimmungsvoller, höchst lebendiger, abstrakter Kompositionen entfaltet sich. Meininger experimentiert mit Farbschichtungen, reißt die entstandenen Flächen wieder auf, übermalt sie und zerstört das Gefundene wiederum aufs Neue. In diesem Prozess aus Werden und Vergehen entstehen Klänge, die in ihrer schwungvollen Malweise zwar informelle Elemente aufweisen, letztlich aber dann doch eine ganz eigene Malerei entstehen lassen.

Der „Wartende“ kontrastiert mit seinem blauen Hintergrund, als stünde seine in ekstatische Pinselschwünge zerfallene Kontur unmittelbar vor dem unendlichen All. Bei dem Bild „Wenn Kälte den Atem stockt“ blitzen einige rote Flecken wie Blut unter der dunklen, fahlen Oberfläche hervor, als könnte es ein Ertrinken im zugefrorenen See sein.

Die poetischen Titel der Bilder Meiningers lassen das abstrakt Dargestellte wie ein kraftvoll gemaltes Gedicht erscheinen. „Es geht um Dinge, die uns ausmachen, aber unfassbar im Unbewussten liegen, um Bilder, die man eigentlich nicht malen kann“, lässt Meininger den Betrachter wissen. Das klingt plakativ, völlig verkehrt ist es aber wohl trotzdem nicht.

Erfreulicherweise verfügt das Kunsthaus „Sans Titre“ dank eines großzügigen Sponsors nun über einen gut gegliederten „White Cube“ mit glatt gestrichenem, hellen Fußboden. Dort kommen die Bilder angemessen zur Geltung. Die bestens besuchte Vernissage lässt vermuten, dass sich der Potsdamer Kunststandort zum sehr lebendigen Kristallisationspunkt einer Künstlergruppe entwickelt, die noch für einige Überraschungen gut ist.

Noch bis zum 30. Oktober, donnerstags bis sonntags, 14 bis 18 Uhr im Kunsthaus „Sans Titre“, Französische Straße 18

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