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  • 15.09.2011
  • von Heidi Jäger

Freche, gute Bilder

von Heidi Jäger

Aus dem Nachlass von Carl Marx: „Musikclown“, 1956, Gouache.

Kunstbuch mit Werken aus Carl-Marx-Nachlass

„Wenn ich ,Arschlöcher’ schimpfen kann, dann flutscht die Arbeit, schon immer. Wären die Funktionäre nicht immer so saublöd gewesen, hätte ich nie so gute Bilder gemalt.“ Die Zitate von Carl Marx zu lesen ist genauso erfrischend, wie in seine fabulierende, lebenspralle Bilderwelt einzutauchen. Das 80-seitige Kunstbuch „freche, gute Bilder“, das der Potsdamer Kunstverein zum 100. Geburtstag des Malers im August herausgebracht hat, vereint beides aufs Köstlichste. Es lässt den 1991 in Dessau verstorbenen Künstler blutvoll „auferstehen“. Das Komödiantische, Heitere seiner Bilder, das immer wieder durchtränkt ist mit ernsten, ja zornigen Zeitdiagnosen. Und auch den Menschen dahinter. „Nein, ich bin ja kein Komiker, habe keinen Frisiersalon, sondern ein Röntgenlabor.“ Carl Marx wollte sein wie eine Elster, die sich auf den höchsten Baumwipfeln wiegt, mit dem Schwanz wippt und sich verbeugt, wenn sie krächzt. „Sowas Vitales, souverän Freches ... So muß man auch sein!!“

Das Buch erzählt in Wort und Bild von dem Asketen Marx, der mit minimalem Lebenskomfort auskam und gleichzeitig ein Genießer war, verschwenderisch in Farben schwelgte, Bilder malen wollte mit innerem Wert, „rund und voll wie eine kleine Stube voller Wärme.“ Er fand dabei in der Fabulierkunst von Bulgakows „Meister und Margarita“ ebenso Anregungen wie im Zeichentrickfilm „Asterix erobert Rom“ mit dem zauberhaften Lebensmut, der ein Dörfchen gegen die böse Gewaltmaschinerie Roms Sieger werden lässt. Und immer wieder malte er Akte, seine „Propaganda“. „Endlich soll man die menschliche Gestalt in ihrer ursprünglichen Nacktheit als wunderbare, ja oft köstliche Erfindung der Natur betrachten.“

Gern erinnert man sich an die 2005 vom Potsdamer Kunstverein organisierte Nachlass-Ausstellung im Alten Rathaus von Carl Marx, der zu seinem berühmten Namensvetter ein ebenso persönliches Verhältnis hatte wie zu anderen historischen Größen. Er zeichnete und malte „Napoleon und Josephine“, „Puschkin und Jelena“ und eben auch „Karl Marx und Jenny im Seebad Scheveningen“. Und er zitierte in einem Bildtitel aus dem „Kapital“: „Eigentum ist Diebstahl“. Darin geht es allerdings nicht um Mehrwert und Dividende. „Gezeigt wird ein Mann, der eine Frau wegträgt, die er als sein Eigentum betrachtet“, wie der Kunsthistoriker Andreas Hüneke schrieb, der mit Marx befreundet war und das Buch herausgegeben hat. Heute ist er Nachlassverwalter des 1911 bei Bitterfeld geborenen Arbeitersohnes, der 1953 wegen „formalistischer Tendenzen“ zur „Bewährung“ in die Produktion musste. „Carl Marx hatte die Neigung, Personen zu helfen, die er für benachteiligt oder unterdrückt hielt“, schrieb IM „Born“ 1982 über den Künstler. Der Stasi-Mann berichtete nicht nur von den „ideologischen Schwächen“ des Malers, sondern auch vom Wert seiner Malerei für das Kunstleben der DDR. Doch anders als die DDR hat Marx die Zeit überlebt. Heidi Jäger

Andreas Hüneke, „Carl Marx. freche, gute Bilder. Werke aus dem Nachlaß“, 12 Euro plus Porto; Bestellung unter:

www.potsdamer-kunstverein.de

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