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  • 21.06.2011
  • von Peter Buske

Kaleidoskop irdischer Gefühle

von Peter Buske

Götter sind auch nur Menschen. Mariana Flores (l.) und Fernando Guimarães in „Il Paride“. Foto: Bettina Stöß

Beifallsstürme für die Opernpremiere „Il Paride“ von Giovanni Andrea Bontempi im Schlosstheater

Götter sind bekanntlich auch nur Menschen. Sie zechen, intrigieren, streiten, zanken sich und tafeln nach Herzenslust bei der olympischen Hochzeit der Meernymphe Thetis. Von dieser Festivität im erlauchten Kreis mit Zeus an der Spitze ist Discordia, die Göttin der Zwietracht, wohlweislich ausgeschlossen und erbost darüber. Schwarz gekleidet, humpelnd am Krückstock steigt sie die Parkettstufen im Schlosstheater des Neuen Palais herab, um durch den Orchestergraben auf die Vorbühne zu gelangen. Von dort aus wirft sie den Feiernden einen goldenen Apfel zu, auf dem die Botschaft steht: „Der Schönsten“. Wer es ist? Darüber entbrennt zwischen Ehehüterin Giunone, Weisheitsgöttin Pallade und Venere, Schirmherrin der Liebe und Schönheit, herrlichster Streit. Giove, auch als Jupiter bekannt, weigert sich den Richterspruch zu fällen. Also ist das Urteil des Paris gefragt, das dazu führt, dass er Venus zur Apfelgewinnerin erklärt. Diese verspricht ihm darob die Liebe der Helena, Spartanerkönigin und schönste Frau auf Erden. Paris ist entzückt. Der weitere Verlauf der Geschichte – Entführung der Holden, ihre Heirat mit Paris und die Belagerung von Troja – sollte hinlänglich bekannt sein.

So war es auch bei dem 1624 in Perugia geborenen Kastratensänger und Komponisten Giovanni Andrea Bontempi, der das Sujet als Opera musicale in fünf Akten auf ein eigenes Libretto vertont. Das in Musik gesetzte Spiel von der Liebe nennt er „Il Paride“ und bringt es 1662 in Dresden, wo er seit geraumer Zeit als Vizekapellmeister der Hofkapelle unter Heinrich Schütz wirkt, als erste italienische Oper heraus – bestimmt für die Hochzeitsfeierlichkeiten von Prinzessin Erdmuthe von Sachsen mit Christian Ernst Markgraf von Brandenburg-Bayreuth. Die damalige Präsentation dürfte zur Zufriedenheit aller Beteiligten verlaufen sein. Ihre rollengestraffte und des höfischen Pomps entkleidete Fassung für die Gegenwart, von den Musikfestspielen mit den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik koproduziert, feierte am Sonntagabend im friderizianischen Musentempel einen triumphalen Premierenerfolg.

Was von Bontempi durchaus als Welttheater gedacht ist – göttliches Getue kontra irdisches Treiben – findet bühnenoptische Entsprechung: Das leere, plankenbelegte Spielgeviert ist von Wänden mit stilisierter Universumsmalerei umstellt. Sie geben nach Bedarf Türen oder Gucklöcher für die Götter frei. Barockprächtig zeigen sich die leicht verfremdeten Kostüme für Götter, Könige und Höflinge, schlicht für die Dienerschaft. Das alles ist höchst ansehnlich geraten, charakterisiert die Figuren vortrefflich und stammt von Oliver Helf. Beste Voraussetzungen für die einfallsreich-witzige, Maschinen und Prospekte nicht schonende, tempogeladene, sich in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln vorzeigende Inszenierung von Christoph von Bernuth, die sich mit der Musik aufs Vorzüglichste verzahnt. Da hat Rampensingen genauso wenig Platz wie jeglicher unüberlegter Gang, jede falsche Geste. Stattdessen bevölkern Figuren aus Fleisch und Blut die Szene, charaktervoll erschaffen aus der Musik.

Für ihre kongeniale Umsetzung ist das Barockensemble „L’Arpeggiata“ unter Anleitung der exzellenten Theorbistin Christina Pluhar zuständig. Wo fangen die Rezitative, größtenteils klangfarbenreich accompagniert, an? Wann mündet es wie selbstverständlich in ein Parlando oder eine affektgeladene Arie, die gänzlich ohne Dacapobremse auskommt? Die Fragen erübrigen sich, denn alsbald erliegt man dem Sog der unaufhörlich pulsierenden, die einzelnen Szenen durch tanzbeschwingte Interludien verknüpfende, atemberaubend spannenden Musik, die sich durch zwei Barockviolinen, Schlagwerk, Kontrabass, Zink und Flöte sowie einem mit Theorben, Orgel, Cembalo, Barockharfe, Gambe und Cello üppig besetzten Basso continuo aufs Vorzüglichste offenbart. Die Sänger, die zumeist mehrere Rollen verkörpern, stehen dem in nichts nach. Allen voran Altus Dominique Visse als durch sämtliche Stimmlagen virtuos springender Erzkomödiant, der sowohl eine wahrlich göttliche Giunone auf die Bretter legt als auch als trojanische Königin Ecuba und Schmied Lupino brilliert.

Kraftstrotzend singt David Hansen mit anfänglich gepresst klingender, dann metallisch auftrumpfender Altusstimme den virilen Titelhelden. Dessen von ihm verlassene, später sich selbst entleibende Geliebte Enone findet in Raquel Anduezza (auch Göttin Pallas Athene) eine stimmstarke, überzeugende Verkörperung. Charakterböse Mariana Flores als zwieträchtige Discordia, während Mimin Katrin Hansmeier als Amor ständig das Geschehen ankurbelt, und Hannah Morrison singend sowohl den Liebesgott als auch dessen Venus-Mutter übernimmt. Die Fülle stimmlichen Wohllauts wird unter anderem vervollständigt durch Tenor Emiliano Gonzales Toro, der einen herrlich stotternden Koch und köstlich versoffenen Mönch gibt. Nachdem die Ehe zwischen Paris und Helena vollzogen ist, grollt der Donner. Alle flüchten, kehren alsbald wieder. Nachdenkliche Stimmung stülpt sich übers Welttheater. Die Szene erstarrt, als ahne sie kriegerisches Unheil. Ein beklemmendes Finale.

Wieder am heutigen Dienstag und morgigen Mittwoch, sowie am 24. und 25. Juni, jeweils 19.30 Uhr, im Schlosstheater im Neuen Palais

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