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  • 14.06.2011
  • von Richard Rabensaat

An den Strand gespült

von Richard Rabensaat

Protest in grobschlächtigem Schalholz. Kiki Gebauers „X“ an der Außenfassade der Produzentengalerie „M“. Foto: Manfred Thomas

„ProtestSkulpturen“ zeigt die aktuelle Ausstellung des BVBK

Mit einem großen, rot leuchtenden X hat Kiki Gebauer die Außenfassade der Produzentengalerie „M“ des Brandenburgischen Verbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler (BVBK) in der Hermann-Elflein-Straße markiert. Grobschlächtiges Schalholz habe sie verwendet, das gleiche, das auch auf Baustellen benutzt werde. Die Künstlerin vergrößert ein Zeichen ins Riesenhafte, das nicht nur ihrer Meinung nach paradigmatisch über dem städtebaulichen Wandlungsprozess geschwebt hat, in dem Potsdam auch derzeit noch begriffen ist. „Entscheidungen über das Für und Wider – Erhalten oder Abriss verlaufen teilweise ziemlich willkürlich“, sagt Gebauer mit Blick auf die Sanierungen und Wandlungsprozesse im Stadtbild. Als Künstlerin habe sie am „eigenen Leibe bei der Panzerhalle“ erlebt, dem Atelierhaus in Groß Glienicke, das 2007 abgerissen wurde, dass oftmals wenig sinnvolle Entscheidungen weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen könnten.

„ProtestSkulptur“ ist der Titel der aktuellen Ausstellung des BVBK. Es geht um Zeichen des Protestes, um den skulpturalen Ausdruck gesellschaftlicher Reibungsflächen. Die versammelten Zeichen reichen von der mittlerweile historischen „Atomkraft Nein Danke“-Sonnenblume, die allerdings auf Fladenbrot gemalt ist, bis zu der scharfsinnigen Minimal-Skulptur von Heinz Bert Dreckmann. Aus chromglänzenden, geschliffenen Scheren hat der Künstler zwei spitzige Kreise geformt. In einer Glasvitrine ausgestellt illustrieren sie die Redewendung: „In aller Schärfe“. Mit der Skulptur gelingt Dreckmann gedanklich präzise und formal überzeugend eine schlüssige Verbindung aus Object-Trouve und Minimal-Art. Ebenso schlüssig inszeniert der Künstler einen Kreis aus Vorhängeschlössern als „geschlossene Gesellschaft“. Weniger formal, dafür mit schwergewichtigem Inhalt inszeniert Irene Anton ihre „Collateral Damage“. Mit der Installation verschiedener Camouflage-Stoffe zu einem quilt-artigen Muster möchte sie darauf aufmerksam machen, dass „die Zivilbevölkerung unter jeder Form des Krieges in der Regel am meisten zu leiden hat.“

„I refuse to be an artist“, verkündet Walter Gramming mit einer aus zwei Stöcken, einer Latte, einem Tennisschläger und mehreren Tannenzapfen gebastelten Skulptur. Wer Gramming dazu zwingt, sich im Rahmen einer Kunstausstellung eben als Künstler zu artikulieren, ist allerdings nicht ersichtlich. Und ein möglicher ironischer Unterton kommt bei der eher provisorisch wirkenden Skulptur auch nicht zum Klingen. Einen vieldeutigen Kontrapunkt zum eindeutigen Hinweiszeichen setzt Stephan Möller mit seiner Skulptur „Kleiner Monarch“. Möglicherweise protestiert der Künstler gegen allzu bequeme hierarchische Strukturen, vielleicht geht es ihm aber auch um die gegenwärtige Missbrauchsdiskussion in kirchlichen Kreisen. Denn das mit Nägeln bestückte Sitzgerät erinnert ein wenig an kirchliche oder königliche Sessel.

Zeichen gegen die Verschandelung der Umwelt mit immer mehr Plastikmüll setzt Ernst J. Petras. In Form eines Gebetsteppichs arrangiert er Plastikschnipsel, die aus dem „Müllberg von Saida“ in der Nähe von Beirut stammen. Der Müllberg ist ein Küstenstreifen, der nach Auskunft des Künstlers bewusst angelegt wurde, damit dort Müll abgekippt und vom Meer fortgetragen und zermalt wird. Der Strand stinke zum Himmel, erfreue sich aber als Müllkippe großer Beliebtheit. Wenige Kilometer weiter werden die klein gescheuerten Plastikteile dann an einen Badestrand gespült, hier hat Petras sie eingesammelt. Mit dem Arrangement in Form des Gebetsteppichs stellt er einen bewussten Kontrast zum Material der Skulptur her. Entsprechend dem Ritual soll der Teppich gerade die Reinheit des Betenden ermöglichen. Reinheit und Unberührtheit in einer vollständig vom Menschen geprägten Umgebung seien allerdings kaum denkbar. Die zu Staub zerkleinerten Teile des unvergänglichen Plastikmülls landeten in Form von Fischstäbchen dann auch wieder auf dem Mittagstisch. Nicht der flammende Protest gegen die Missstände dieser Welt bestimmt den Klang der Themenausstellung, sondern eher das manchmal schlüssiger, manchmal auch mit weniger Bedacht gesetzte Zeichen.

Noch bis zum 10. Juli mittwochs bis freitags, 11-17 Uhr, samstags und sonntags, 11- 18 Uhr, in der Produzentengalerie „M“ in der Hermann-Elflein-Straße 18

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