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  • 02.08.2007
  • von Lore Bardens

Der Verband montiert und klebt Der gebrochene Held

von Lore Bardens

Sammelausstellung mit Collagen und Montagen in der Galerie M im Luisenforum Leopold Grüns Dokumentarfilm „Der rote Elvis“ erzählt über Dean Read, den Amerikaner bei der DEFA

Sammelausstellungen sind so eine Sache: Einerseits erhält man einen Überblick über das Schaffen vieler, andererseits aber laufen sie auch die Gefahr, zusammenhanglos Arbeiten nebeneinander zu stellen und den Eindruck zu erwecken, da wollte es ein Verband wieder einmal möglichst allen recht machen. Schon seit die Galerie in die verborgene Hermann-Elflein-Straße gezogen ist, verfolgt der Galeriebeirat dieses demokratische System, bei dem immer wieder die gleichen Namen auftauchen. Wenn dann noch der Titel so uninspiriert aussagelos daherkommt wie bei der jetzigen Ausstellung „Collagen und Montagen“, erwartet der kritische, nur noch schwer zu überraschende Geist wenig.

Und dennoch: Diese Ausstellung passt nicht nur in die kleinen Räume des Verbandes der Bildenden Künstler, sie vermag es, zu überraschen und hie und da ein ästhetisches Empfinden zu wecken, das sie allein der künstlerischen Kompetenz der Ausstellenden verdankt. Schon im dunklen Durchgang auf dem Weg zur Galerie fallen die wie Vorhänge ins Fenster gehängten Arbeiten von Ilka Berndt auf, die aus „Bein“ gefertigt sind. Die gelernte Elfenbeinschnitzerin, die in Halle an der Burg Giebichenstein Kunst studierte, schafft mit ungewöhnlichem Material neue Blicke – in diesem Fall durch das filigran beschnitzte Knochenmaterial, das seiner eigentlichen Starre und Schwere trotzt und eine Durchlässigkeit fließender Volants suggeriert. Auch wenn man von Berndt schon Ähnliches gesehen hat, ist dies doch ein Vergnügen. Dorothea Neumanns „Siegessäule“, ein aus einem Plastikpapierkorb herausragender, goldener Mast lässt auf seinen beiden oberen Etagen Berlin- und Deutschland-Symbolik allzu einfach ironisch spielen: ganz oben läuft anstatt der Viktoria ein grünes Ampelmännchen auf der Stelle, und in der Etage darunter glänzen silberne Löffel auf Schwarz-Rot-Gold.

Da kommt Regina Roskodens „Hommage à Berlin“-Turm im anderen Raum verspielter und fantasiereicher daher. In den verschiedenen Stockwerken tummeln sich ebenfalls Berlin-Symbole in überraschenden Kontexten. Das Brandenburger Tor glänzt trügerisch vor einer Art Urwald, hinter ihm ein großer Mond aus Holz, der von einer Schere bedroht wird, oder es steht wackelig auf einem Bauklötzchensockel, während in der Nähe eine kopflose Figur mit den Drähten kämpft, die aus ihr wachsen. Es gibt Schubladen zum Auf- und Zuschieben, Gerätschaften rätselhaften Ursprungs und mit unklarer Funktion – und unversehens entsteht das Bild eines Stadtgestrüpps, ein lebendiges Chaos, in dem Erinnerungsfetzen mit der Moderne in einen belebten Widerstreit treten. Als Kommentar dazu tanzen, schwingen, winken und fallen meist weibliche Figuren von Bettina Schilling immer an der Wand lang. Ob sie durch diese hindurch oder die Schwerkraft bezwingen wollen, bleibt offen, aber sie bewegen sich doch! Gisela Gränings Fotomontage „Topographisches“ bringt Linien und Flächen in ein fahnenartiges, zweidimensionales Säulengebilde; Gunter Schöne amüsiert mit seiner „Teletrine“, einem Fernsehgehäuse, in dem sich ein Porzellanhund versunken vor der Blümchentapete am Ohr kratzt. Eckhardt Böttger setzt in seiner Collage „Halde“ wild und bunt die Abfallelemente zueinander in eine ästhetische Bewegung und schafft mit seiner Schwemmholz-Arbeit „Frühzeit“ eine fast indianisch anmutende Schwarz-Weiß-Skulptur, die der Fantasie eine Art Fabelwesen-Arche anbietet, wobei sich die Einzelteile bei näherem Hinsehen als ganz normales Schwemmholz entpuppen. Ein Fanatsieangebot, wie man es gerne hat.

Stephan J. Möller spielt mit Stahl und Papier in seiner „großen Büste“ und lässt das Material miteinander in einen Dialog treten. Edith Wittich zeigt, dass Briefumschläge in Rot, auseinander genommen und auf ein Passepartout geklebt, wirken können wie eine Tankstelle à la Edward Hopper. Annette Strathoff erzeugt aus Pappe „rostendes Metall“, übereinander gelegte Strukturen in der Horizontale bilden eine Art Landschaft, die tatsächlich aus rostendem Metall bestehen könnte.

So zeigt diese Ausstellung, dass eine Technikvorgabe wie „Collage und Montagen“ unterhaltsam und ästhetisch wirken kann. Beliebigkeit droht allerdings auch unter dem Strich. Lore Bardens

Bis 2. 9., Mi - Fr 11 bis 17 Uhr, Sa + So 11 bis 18 Uhr, Hermann-Elflein-Straße 18

Plötzlich ist er wieder in aller Munde. Eine Biografie ist erschienen, der Dokumentarfilm im Kino, ein Spielfilm von Tom Hanks in Warteschleife. Und die Medien stürzen sich ebenfalls dankbar auf ihn. Dabei scherte sich zu Lebzeiten kaum ein Mensch mehr um Dean Reed, der mit seinen immer gleichen pathetischen Freiheitsliedern und weichgespülten Filmen eher belächelt als ernst genommen wurde. Jedenfalls in seinen letzten DDR-Jahren. Bevor er ins Wasser ging.

Doch nun rennen die Leute ins Kino, wollen den „Roten Elvis“ sehen. Wegen des nie ganz aufgeklärten Todes und des bis zur Wende geheim gehaltenen Abschiedsbriefs, der Spekulationen um geheimdienstliche Machenschaften schürte? Oder einfach nur, weil niemand recht verstand, wie ein freigeistiger Bürger freiwillig in die Enge der DDR umsiedeln konnte?

Im Filmmuseum müssen am Dienstagabend noch Stühle reingetragen werden, um beim Aktuellen Filmgespräch Interessierten Platz zu gewähren. Selbst viele junge Leute haben sich auf den Weg gemacht, um mehr über die so ambivalente Persönlichkeit zu erfahren: Äußerlich strahlender Held, innerlich von Depressionen zermartert, anfangs der Gitarre spielende Pazifist, nach der Ermordung von Salvador Allende und Victor Jara der auch symbolisch zur Waffe greifende Rebell. Nunmehr gemeinsam mit Arafat auf den Barrikaden des Terrorismus „tanzend“. Er war Patriot und wandte sich gerade deshalb gegen sein Heimatland, das in Vietnam so viel Blut vergoss. Öffentlich wusch Dean Reed die Fahne Amerikas von dieser Befleckung rein. In der Wohnung in Berlin stellte er sie auf seinen Schreibtisch.

All“ das sehen und erfahren wir in dem gut und aufwändig recherchierten Film von Leopold Grün, der fast im Staccato Erinnerungen von Freunden, Kollegen, seinen Frauen und der Geliebten aneinanderreiht. Ohne Zwischenkommentar, vertrauend auf die Wirkung der Montage gegensätzlicher und sich ergänzender Reflexionen. Und das funktioniert sehr gut, auch wenn einem am Ende fast schwindlig wird. Eindrücklich wird Vergangenes an die Oberfläche gespült, klarer werdend durch den zeitlichen Abstand. Und es bleiben Sätze haften, wie der von Armin Mueller-Stahl, der sich fragt, warum ein so toller Typ gerade in die DDR kommt, wo er doch sofort zum Spielzeugauto wird, das nicht über die Kante hinaus fahren kann. „Er war ein Brückenbauer, mochte keine Gräben. Und er versuchte uns mit seiner Gitarre aufzuheitern, wo uns schon lange nicht mehr heiter zumute war.“

Dean Reed sah überall auf der Welt seinen Platz, um die Stimme für soziale Gerechtigkeit und den Frieden zu erheben. Doch er geriet auch zwischen den Stühlen. Die einen sahen in ihm den Opportunisten, die anderen den unverwüstlichen Kämpfer für Gerechtigkeit, dem Solidarität mehr war als nur Lippenbekenntnis. In Chile wurde der „Gringo“, der die Faust gegen die brutalen Machthaber enthusiastisch in die Luft warf, zeitlebens aufrichtig gefeiert. Und er sang dazu wie Elvis, wenn auch stark verwässert. Die Frauen beteten ihn an. Auch Wiebke aus der DDR, die ihn auf dem Dokfilmfestival in Leipzig becircte und ihn von Chile nach Berlin lockte. Dafür musste sie das Kind von ihm abtreiben lassen. „Mit einem Baby fängst du mich nicht.“ Dann heirateten sie. Bald zog Ernüchterung ins große Haus. „Oft wurde ich von ihm klein gemacht. Und am Ende setzte der große Friedenskämpfer Frau und Kind vor die Tür.“

Zu seinen Liedern klatschten am Ende nur noch die DDR-Funktionäre. Die Jugend sang andere Lieder. Sehnsucht machte sich in Dean Reed breit. Nach Anerkennung. Vor allem aber die nach der Mutter, wie es bei seinem letzten Auftritt im „Kessel Buntes“ herzzerreißend zu hören ist. Regisseur Celino Bleiweiß, mit dem er den „Taugenichts“ drehte, erinnert sich, dass Dean gern als Held oder Märtyrer sterben wollte. Seine Geliebte, Maren Zeidler, kann nicht verstehen, dass er allein ins Wasser ging. „Wir hingen beide nicht sonderlich am Leben, aber so abzugehen – ohne Aufmerksamkeit – das entspach ihm nicht.“ Es bleiben Fragen. Doch das Bild des schönen Cowboys mit der glatten Fassade hat durch den Film Risse bekommen, menschliche Züge. Heidi Jäger

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