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  • 20.01.2011
  • von Von Heidi Jäger

Von Heidi Jäger: Gestutzte Flügel

von Von Heidi Jäger

Angezogen von innerer Zerrissenheit. Christa Kozik. Foto: Andreas Klaer

Drehbuchautorin Christa Kozik wird Freitag anlässlich ihres 70. Geburtstages im Filmmuseum geehrt

„Alter ist die Leidensmiene des Körpers, die der Geist weglächeln will“, zitiert Christa Kozik den französischen Dichter Louis Aragon. Und sie fügt an: „Also lächeln wir. Für die Enkel“.

Die achtfache Groß- und Stiefgroßmutter Christa Kozik ringt bis heute um das verlorene Lächeln ihrer Kindheit. Sie ist die Nachdenkliche, Zweifelnde, die auf leisen Sohlen der Traurigkeit aus dem Weg zu gehen versucht. Wenn sie aber ihre Kinderbücher schreibt, nimmt der Engel das verzweifelte Kind an die Hand, siegt das Licht über die Schatten, der leichte Ton der Poesie über die Schwermut. Obwohl ihr „Engel mit dem goldenen Schnurrbart“ nun schon seit rund 30 Jahren seine schützenden Flügel über die kleinen und großen Leser fantasievoll ausbreitet, ist er keineswegs flügellahm geworden. Mit humorvoll-pointierten Illustrationen von Egbert Herfurth ist er im vergangenen in einer neuen Auflage erschienen und liest sich in seiner Botschaft aktueller denn je. Denn Christa Kozik, die am 1. Januar ihren 70. Geburtstag feierte, und die im Filmmuseum am Samstag auch öffentlich gewürdigt wird, forderte schon zu DDR-Zeiten Toleranz. Jeder sollte das Recht haben, nach seiner Fasson selig zu werden, ob Christ oder Atheist, Jude oder Moslem. Denn ein Engel, dem die Flügel gestutzt werden, kann nur verkümmern.

Christa Kozik war nie gläubig. Doch auch als Heidenkind sehnte sie sich nach einem Beschützer. Wenn sie auf ihre 70 Lebensjahre zurückblickt, wird sie sehr schnell wieder von ihrer traumatisierten Kindheit gefangengenommen, die sie wohl nie ganz abschütteln kann, obwohl sie sich in den Büchern „Mein Vater, meine Mutter“ und „Kindheit in der DDR“ vieles von der Seele schrieb. Die Narben blieben. Sie erzählt rückblickend von der Liebe ihrer Mutter zu einem Juden, von dem sie ein Kind erwartete, das sie auf der Flucht in einem Hotel in Görlitz entband. Doch die junge Familie wurde verraten. Der Mann kam ins Konzentrationslager nach Buchenwald, wo er starb, die Mutter für ein Jahr ins Frauengefängnis nach Dresden. Erst ein Jahr später konnte sie ihr Kind in die Arme nehmen, das die Wirtin vor der Gestapo versteckt hatte.

Die Mutter lernte einen neuen Mann kennen, der die „Judenhure“, wie an ihrer Tür geschrieben stand, heiratete und das schwarzhaarige Judenkind Margot für seines ausgab. 1943 starb auch er, der Pazifist, der von der Gestapo dazu abkommandiert war, Bahngleise zu kontrollieren. Er wurde vom Zug überrollt. Die Tochter Christa war damals drei Jahre. An den Ängsten der depressiven Mutter trug sie schwer mit, verstärkt durch die vielen Schreie der Sterbenden, die das kleine Mädchen bei 20 Grad Minus auf der Flucht von Liegnitz nach Thüringen hörte. „Oft wurde ich gefragt, warum ich immer so traurig gucke. Es waren die Erlebnisse, die Teil meines Wesens wurden.“ Gern zeigt sie ihr Kinderbildnis, das ein anderes Gesicht zeigt: ein lachendes Mädchen in einer Zinkwanne badend. „Das war im Mai 1945, nach dem Tag der Befreiung.“

Der Deutschlehrer in ihrer Schule in einem Dorf bei Jena, in der acht Klassen in einem Raum unterrichtet wurden und sie in der fünften Klasse selbst „Lehrerin“ für die Jüngeren sein durfte, öffnete ihr eine neue Welt: die der Literatur, die ihr Strohhalm und Rettungsboot wurde. Auch als sie mit Dackel, Radio und verschnürtem Federbett mit dem Zug nach Stahnsdorf zogen, wo die Mutter den schwerkranken Onkel pflegen sollte. Wieder blieb die Last mit an ihr, der 14-Jährigen, hängen, denn die Mutter musste arbeiten. Während andere Mädchen von Petticoat und Nylonstrümpfen schwärmten, zog sich Christa in sich selbst zurück – und in ihre Bücher. Und sie begann selbst zu schreiben, Gedichte, die den Schmerzen und Träumen eine neue Form gaben. Mit ihrer leisen Lyrik, die sie an der Seite von Hans Marchwitza im proppevollen Saal des Walter-Junker-Jugendklubs 1963 zum 1. Potsdamer Lyrik-Abend mit leiser Stimme vortrug, wurde sie als das Talent des Abends entdeckt. Als beste Nachwuchsdichterin des Bezirkes nach Berlin delegiert, las sie dort mit Sarah Kirsch, Manfred Krug, Rudolf Bahro und Wolf Biermann im Kino „Kosmos“ und tourte anschließend mit ihnen durch die Republik.

Die Söhne waren drei und sechs Jahre alt, als die gelernte Kartographin ihr Dramaturgie-Studium an der Filmhochschule Babelsberg begann: In einem Frauensonderstudium. Und als sie im Defa-Studio einen Arbeitsplatz als Filmautorin bekam, konnte sie ihre Jungs, ihre „beiden besten Gedichte“ im Betriebskindergarten unterbringen. Für Christa Kozik sind das wichtige, verlässliche Dinge, die ihre Sicht auf die DDR bis heute mit bestimmen. „In jedem Menschen steckt ein Stück Wahrheit des Landes, in dem er wohnte“, antwortet sie auf die Frage, ob sie sich als Ostalgikerin fühle. „Ich konnte als Frau selbstbewusst meinen Weg gehen, ohne in der Partei oder bei der Stasi zu sein. Diese Realien sind nicht ostalgisch, sondern faktisch. Doch der sich treu bleibt, hat es schwer“, sagt sie und fühlt sich heute als „Andersdenkende“, die oft nicht mehr für voll genommen wird. Und wieder plädiert sie wie einst in der DDR für mehr Toleranz.

Die Autorin, die von der inneren Zerrissenheit der Menschen immer mehr angezogen wird als von der Fröhlichkeit, richtet ihr Werk vor allem an Kinder. Ihre Bücher „Gritta vom Rattenschloss“, „Ein Schneemann für Afrika“ oder „Moritz in der Litfaßsäule“ setzen auf das bunte Auge der Fantasie und begeistern heute auch Kinder in den alten Bundesländern, denen Christa Kozik auf ihren Lesereisen begegnet. Mit dem Hölderlin-Film „Hälfte des Lebens“, für den sie 1985 das Drehbuch schrieb und der mit Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe einfühlsam auf die Leinwand kam, beeindruckte sie auch Erwachsene zutiefst. Mit 39 Jahren bekam Christa Kozik den Nationalpreis der DDR für ihr Gesamtwerk. „Eine Auszeichnung, für die ich mich nicht schäme“, wie sie selbstbewusst betont. Sie kämpfte nach der Wende vehement gegen den ignoranten Umgang westdeutscher Verlage mit Ostkünstlern: eine Schmach, die sie bis heute nicht ganz abschütteln kann.

„Wir wurden als Autoren wie rostige Schrauben behandelt“, sagt sie. Der Kinderbuchverlag Berlin, ihre einstige Heimat, wurde von einem Holzspielzeug-Millionär aus Bayern aufgekauft und der hatte wenig im Sinn, etwa mit dem Nachdruck ihres Katzenromans „Kicki und der König“ oder des „Engels mit dem goldenen Schnurrbart“. Als sie endlich eine neue Auflage bewirkte, entfernten Lektoren „verdächtige“ Worte, wie das Rote Rathaus Berlin, „hinter dem sie wohl eine Hochburg des Kommunismus witterten“. Als aus ihrem Engel ein amerikanischer Austauschschüler werden sollte, hatte die Autorin mit dem kastanienbraunen Haar und den weichen Gesichtszügen genug von der Einmischung. Sie verließ die Meisinger Verlagsgruppe und erkämpfte sich die Rechte für ihre zehn Bücher mühsam zurück. „Das zog sich über Jahre hin und war so demütigend. Wenn man zu viele Absagen bekommt, ist das der Tod der Kreativität. Aber so habe ich viel Gutes im Nachlass“, sagt sie mit bitterem Unterton. Inzwischen fühlt sie sich im Leipziger leiv Verlag gut aufgehoben, der bekannt wurde für seine Wiederentdeckung unverdient vergessener DDR-Bücher. Er hat auch den „Engel mit dem goldenen Schnurrbart“ in liebevoller Aufmachung aus der Versenkung geholt.

Da es mit neuen Kinderfilmen nicht mehr klappt, weil die Geldgeber fehlen, hat sich Christa Kozik gemeinsam mit Regisseur Rolf Losansky, ihrem Fantasie-Verbündeten aus Defa-Zeiten, aufs Theater verlegt. In Parchim feierte kürzlich „Moritz in der Litfaßsäule“ Premiere und „Die verzauberten Einbrecher“ liegen beim Verlag der Autoren vor. Beide Dramatisierungen haben sie auch dem Potsdamer Hans Otto Theater zur Aufführung angeboten. „Wir müssen Geduld haben und die haben wir.“

Christa Kozik hat bereits ein neues Kinderbuch im Kopf: wieder über ein mutiges Mädchen, das sich unerschrocken gegen die kalte Welt der Erwachsenen zur Wehr setzt. Die Autorin wünscht sich, dass der Reichtum in diesem Land gerechter verteilt wird: zugunsten der Kinder, als deren Anwältin sie sich bis heute fühlt. Und vielleicht findet sich ja auch noch ein helfender Engel, der dafür sorgt, dass ihr „Engel mit dem Schnurrbart“ den Weg ins Kino findet.

Oft sind es Trennungsgeschichten, die Christa Kozik zu Papier bringt. Sie enden aber nicht in der Verlassenheit. Am Ende gibt es immer die Hoffnung, dass die Menschen wieder zueinander finden. Und dafür lohnt sich ein Lächeln.

Am 22. Januar wird im Beisein von Christa Kozik und Rolf Losansky im Filmmuseum der Kinderfilm „Moritz in der Litfaßsäule“ gezeigt.

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