18.10.2017, 18°C
  • 13.11.2010
  • von Peter Buske

Eindrucksvoll

von Peter Buske

Zwei russische Komponistinnen bei „KAPmodern“

„Änderungen vorbehalten!“ Nicht ohne Grund tragen Programmangebote oftmals diesen absichernden Zusatz. Meist tritt das Unvorhersehbare erfreulicherweise nicht ein. Nicht so beim jüngsten „KAPmodern“-Angebot der Kammerakademie im überschaubar besetzten Foyer des Nikolaisaals mit seinen zahlreichen Abweichungen vom Geplanten. Statt drei, stellten sich nun nur noch zwei „russische Komponistinnen im Westen“ mit ihren Werken vor: Elena Firsova und Sofia Gubaidulina. Und auch auf zwei kurzfristig absagende Instrumentalisten mussten Kenner und Liebhaber zeitgenössischer Klänge verzichten. Dennoch wusste die geänderte Offerte zu überzeugen – programmatisch wie künstlerisch.

Wenngleich aus dem Programmtitel verbannt, blieb das Motto „Im Lichte der Schönheit“ klanglich stets präsent. Davon erzählte besonders das komplett aufgeführte Œuvre für Flöte solo von Elena Firsova, die dem Konzert persönlich die Ehre gab. Mit weiten Melodiebögen eröffnet sich die erste von „Zwei Inventionen“. In ihr wird die sich breit verströmende lyrische Grundstimmung durch spritzige Intervalle aufgelockert. In der zweiten trifft kapriziöse Lieblichkeit auf Leidenschaftliches, sorgen gestoßene Töne und Trillerketten für Aufgeregtheiten. Frauke Ross, Piccolo-Flötistin beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, setzt auch beim Monolog „Sternenflöte“ ihre exzellente Kunst ausdrucksintensiven, kristallklaren und sauberen Blasens ein. Und auch bei dem reizvollen „Fragen und Antworten“-Spiel weiß sie mit Flatterzungeneffekten, Flageoletts und anderen technischen Finessen in abrupt wechselnden hohen und tiefen Lagen zu überzeugen. Da braucht’s eines langen Atems, über den Frauke Ross natürlich auch verfügt.

Zwischen die ausdruckslyrischen Firsova-Stücke sind zwei dissonanzengespickte Werke von Sofia Gubaidulina als Kontrast eingefügt. Geräusch- und floskelhaft zeigt sich der Beginn des dreiteiligen Streichtrios, in dem sich glissandierende Tonverläufe allmählich zu kleinen Klangflächen verdichten. Ein Pingpong-Spiel zwischen Violine (Christine Plath), Viola (Ralph Günthner) und Cello (Arne-Christian Pelz) beginnt. Später findet es als Pizzicatowettstreit zwischen Violine und Cello statt, während die Viola verloren wirkende Klagelaute streicht. Ihre herrischen Zupfakkorde bringen die anderen schließlich zum Verstummen.

Mit weicher, warmer und fülliger Stimme singt die mit einer Indisposition angesagte Sopranistin Maacha Deubner den „Brief an die Dichterin Rimma Dalos“ (1985), dessen einzige Textzeile „Meine Seele ist eine Sphinx“ solosingend ständig wiederholt wird. Danach liefert das Cello seine Meditation hinzu. Bevor sie die Solokantate „Aus den Woronescher Heften“ (2009) nach Gedichten von Ossip Mandelstam mit Streichquartettbegleitung zu Gehör bringt, rezitiert Marina Philippova erst in Russisch, dann in Deutsch jene von Elena Firsova eindringlich vertonte, gedankenschwere und metaphernreiche Lyrik des ins Arbeitslager verbannten Dichters auf beklemmende Weise. Trotz aller tragischen Existenzumstände spricht Würde und Lebensbejahung aus jeder Verszeile, jeder Note: „Noch zu leben, wie gut, wenn’s uns glückt“. Alle Beteiligten, zu denen sich noch Matan Dagan (Violine) gesellt, engagieren sich für das Anliegen der Autoren total. Die Singstimme schwingt sich mühelos und strahlend in extreme Höhenlagen, zeigt sich von enormer Ausdrucksfülle ein eindrucksvoller, beifallsbekränzter Abend der großen Gefühle. Peter Buske

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