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  • 20.10.2010
  • von Klaus Büstrin

„Greif zur Kamera, Kumpel“

von Klaus Büstrin

Regionale Bilder im Amateurfilm entdecken / Projektstart im Filmmuseum am 4. November

Regionale Bilder, Potsdamer Rundblick: In gut zehn Minuten wird das Geschehen der Stadt an der Havel filmisch beleuchtet. Amateurfilmer, organisiert bei der Kreisarbeitsgemeinschaft Amateurfilm Potsdam, machen sich mit ihren 8-mm-Schmalfilmkameras in die Stadt und Umgebung auf, um das Baugeschehen, die Erfolge in den landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, die Sportwettkämpfe im Ernst-Thälmann-Stadion (Lustgarten) oder den internationalen Gewerkschaftskongress aufs Bild zu bannen. Neben dem unerquicklichen Pathos von Sprache und Musik, der sich durch die meisten Berichte zieht, hört man vom Kommentator auch manch kritische Töne, die besonders die Ordnung und Sauberkeit beim Bauen des Wohngebietes Waldstadt I aufs Korn nehmen. Der „Potsdamer Rundblick“ wurde 1962 gedreht. Fünf Folgen gab es davon bis 1963. Sogar in die Kinos der damaligen Bezirksstadt kamen die oft aufwendig gedrehten Streifen: ins Vorprogramm, nun im 35-mm-Format. Was man damals oft als ideologische Zutat vor dem Hauptfilm bewertete, bei der ein Gähnen die Oberhand gewann, werden heute als wichtige Dokumente einer untergegangenen Zeit betrachtet.

Das Filmmuseum Potsdam widmet sich seit Anfang dieses Jahres verstärkt dem Amateurfilmschaffen, vor allem in der DDR. Bisher gehören 50 Filme zu seiner Sammlung, dazu auch die Technik mit 8-mm-Kameras, beispielsweise einer Pentaka 8, Entwicklungsdosen sowie Sichtungs- und Schnittgeräte.

Natürlich sind auch Filme, die nach 1990 entstanden, für die Filmmuseologen von Interesse, außer diejenigen, die als Familienerinnerung gedacht waren. Ralf Forster, Leiter der Technischen Sammlung des Museums, hofft, dass sich noch weitere Amateurfilmer melden. „Deren Filme können bei uns in Obhut gegeben werden. Bei uns wird ihnen garantiert, dass ihre Arbeiten langfristig gesichert sind. Wir streben eine kontinuierliche Erforschung an.“

Als Kooperationspartner sitzt der Museumsverband Brandenburg mit im Boot. Deren Vertreterin Iris Berndt sagte beim gestrigen Pressegespräch, dass in vielen kleinen Museen des Landes so manche Amateurfilme lagern. Ihre Mitarbeiter sind bei der fachgerechten Erfassung, Archivierung aber oftmals personell überfordert. Darum will das Potsdamer Filmmuseum mit seinem Projekt „Amateurfilm im Land Brandenburg“ die Bewahrung und Dokumentation dieser wichtigen Geschichtsquellen vorantreiben. Der Studiengang Europäische Medienwissenschaft der Fachhochschule Potsdam steigt mit einem Seminar in das Vorhaben des Filmmuseums und des Museumsverbandes ein.

Am 4. November, 18 Uhr, kann man am Projektstart im Kino des Filmmuseums teilnehmen. „Vorgestellt werden Beispiele, die das Museum und seine Partner bereits gesichert haben. Neben dem ,Potsdamer Rundblick‘ von 1962 kann man in ,Trikotwechsel‘ das erste 1984 gedrehte Porträt der Frauenfußballmannschaft von Turbine Potsdam oder auch eine der seltenen Satiren auf die Mangelwirtschaft von 1966 unter dem Titel ,Der Nächste bitte‘ erleben. Dieser Film entstand im gut ausgestatteten Studio des Hauses der Lehrer in der Potsdamer Seestraße“, erzählt Ralf Forster.

Auch von dem Potsdamer Regisseur Andreas Dresen bewahrt das Filmmuseum zwei Amateurfilme in seiner Sammlung auf. Dresens „Karriere“ begann schon in den siebziger Jahren als Amateurfilmer. Der von ihm 1985 gedrehte Film „Der kleine Clown“ wird ebenfalls am 4. November zur Aufführung kommen. Aus Richard Groschopps umfangreichem Oeuvre wird an diesem Abend leider nichts gezeigt, obwohl sich das Filmmuseum mit seinen vor 1945 gedrehten Amateurfilmen schmücken kann. Der Kleinmachnower DEFA-Regisseur, der in jungen Jahren zu einem der wichtigsten deutschen Amateurfilmer wurde, hatte schon in seinem Konditorberuf eine große Liebe zum Film. Obwohl er professionell in Babelsberg arbeitete, hat Groschopp den Amateurfilm in der DDR tatkräftig unterstützt, er war sein Mentor. So gab er die Zeitschrift „Film für alle“ heraus.

Der Amateurfilm hat in Deutschland seit den zwanziger Jahren Tradition. Technische Grundlage ist die Erfindung und Weiterentwicklung des Schmalfilms. In der DDR wird der Amateurfilm natürlich mit staatlichen Verbindlichkeiten in Arbeitsgemeinschaften und Klubs gefördert. Gab es 1952 rund 50000 Kamerabesitzer, so stieg ihre Zahl bis 1960 auf etwa 80 000. Im Plan zur Förderung der Jugend wurde die „Heranbildung von Schmalfilmern“ festgeschrieben. Und der „Bitterfelder Weg“ rief die Kumpel nicht nur dazu auf, zur Feder zu greifen, sondern hatte auch den Aufruf parat: „Greif zur Kamera, Kumpel“. So erlebte der Amateurfilm eine große Blüte auch in den drei Bezirken Potsdam, Cottbus und Frankfurt (Oder), dem heutigen Land Brandenburg. Da könnte sich das Filmmuseum eventuell auf eine Flut von Einsendungen freuen. Klaus Büstrin

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