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  • 03.06.2010
  • von Von Klaus Büstrin

Von Klaus Büstrin: Die weibliche Seite der Herrschaft

von Von Klaus Büstrin

Marie Luise Augusta Katharina Königin von Preußen, Kaiserin von Deutschland, gemalt 1838 von Karl Begas. Foto: Andreas Klaer

„Fürstliche Mütter und Töchter“ in einer neuen Ausstellung des Museums Alexandrowka

Vor dem Schloss Pawlowsk bei St. Petersburg steht das Denkmal des Zaren Paul I. In Haltung und Gestik ist es ganz und gar Preußenkönig Friedrich II. nachempfunden. Der in den Gesichtszügen nicht sehr sympathisch gezeichnete Paul I., der 1801 von der Hofkamarilla und mit vermutlicher Kenntnis seiner Frau, Maria Fjodorowna, und seinem Sohn, dem nachfolgenden Zaren Alexander I. ermordet wurde, wollte ein zweiter Friedrich der Große werden. Doch seine geistigen Fähigkeiten ließen dies nicht zu. Stets stand er unter der „Knute“ seiner Mutter Katharina II. und war seiner kulturell gebildeten Frau, eine geborene Sophie Dorothee von Württemberg, nicht gewachsen.

Das Museum Alexandrowka interessiert in seiner aktuellen Ausstellung Paul I. fast nicht, sondern vor allem die Tochter Maria Pawlowna, die nach Weimar heiratete sowie die Enkeltochter Kaiserin Augusta. Schließlich nennt Museumsleiter und Kurator Andrej Tchernodarov die Exposition „Fürstliche Mütter und Töchter zwischen St. Petersburg, Weimar und Potsdam“. Der Titel zeigt deutlich, wohin die Reise geht.

In zwei Räumen, eigentlich auch im gesamten Haus, in der Kolonie sowie auf dem Kapellenberg kann man eine Zeitreise erleben, die voller Spannung und Kunstgenuss ist. Die Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen, das Deutsche Historische Museum Berlin, die Stiftung der Saalesparkasse Halle sowie private Leihgeber aus Potsdam tragen mit kostbaren Gemälden, Kupferstichen, Plastiken, Lithographien, Briefen oder Büchern zum Erfolg bei. Leider brauchte die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg für die Leihgaben-Bitte des Museums fast ein Jahr Bearbeitungszeit. Knapp zwei Wochen vor Eröffnung der Ausstellung erreichte den Kurator erst die Zustimmung. Doch da war die Konzeption schon längst in „Sack und Tüten“. Immerhin genehmigte die Schlösserstiftung mehrere Bildwiedergaben für das mit hervorragend geschriebenen Texten und exzellent gestaltete Begleitbuch. Die Ausstellung reiht sich in das diesjährige Thema von Kulturland Brandenburg „Mut & Anmut – Frauen in Brandenburg-Preußen“ bestens ein.

Prägend im ersten Ausstellungsraum ist das Porträt der Herzoginwitwe Maria Pawlowna, das Friedrich Dürck in den Jahren 1858/59 malte – eine Respekt heischende Frau, deren Trauer über den Tod ihres Mannes, dem Großherzog Carl Friedrich von Sachsen-Weimar-Eisenach, noch in ihren Gesichtszügen zu lesen ist. Auch als junge Frau wird sie auf einem Gemälde eines unbekannten Malers präsentiert: voller Anmut und Natürlichkeit. Und so wird sie auch von ihren Untertanen in Weimar wahrgenommen, als sie am 9. November 1804 im Alter von 18 Jahren an der Seite Carl Friedrichs in die kleine Residenzstadt reiste.

Maria Pawlowna berichtete ihrer Mutter aus Weimar, dass die Stadt eine „unglaubliche Mischung von Hohem und Niedrigem“ hat. In ihr gibt es „Frauen und Männer, die recht unbedeutend oder geradezu unangenehm sind und unter denen man eine Menge Plattfüße findet …“ Aber Maria Pawlowna umgibt sich gern mit den literarischen und musikalischen Größen Weimars, mit Goethe, Schiller oder Franz Liszt. Mit ihrem sozialen Engagement hat sie viel Positives für die „kleinen Leute“ des Herzogtums geleistet und sich als Kunstmäzenin hervorgetan. Sie war erschüttert von Napoleons Angriffen auch auf das kleine Herzogtum und hoffte auf militärische Hilfe aus ihrem Heimatland. „Meine Absicht war stets nur darauf gerichtet, Gutes zu stiften, aber, wie jedermann weiß, auch hinter dem besten Willen bleibt die Erfüllung weit zurück“, notiert die Herzogin in ihrem Testament 1857. Sie wurde nach russisch-orthodoxem Ritus beigesetzt. Die Ikone mit der Gottesmutter von Kasan aus der Grabeskapelle Maria Pawlownas gibt davon Kunde, dass sie den Glauben ihrer russischen Landsleute nie aufgab.

Das Goethe-Gemälde (1819) von George Dawe sowie die Bücher über Weimar erzählen in der Ausstellung davon, dass die herzogliche Familie ganz im Banne der Klassiker standen. Ihre Töchter Augusta und Marie, die nach Preußen verheiratet wurden, hatten ebenfalls Kontakt zu Goethe. Karl Begas malte die beiden Prinzessinnen in nachdenklicher Pose und mit unwiderstehlichem Zauber. Marie wurde die Ehefrau des Prinzen Carl von Preußen, ihre Schwester heiratete den Prinzen Wilhelm, beide waren Söhne der Königin Luise und König Friedrich Wilhelms III.

Wilhelm wurde preußischer König und deutscher Kaiser, Augusta die erste Frau im Kaiserreich. Die Nachwelt hat ihr kaum Kränze geflochten. Bismarck hielt sie für seine schlimmste Feindin. Der Kaiser selbst misstraute ihren Aktivitäten, jedoch nicht ihrem Urteil. Augusta wollte den Gang der deutschen Geschichte gegen alle familiären Widerstände am Scheideweg zwischen Preußens Erhalt und großem deutschem Reich mitgestalten. Doch es wurde ihr weitestgehend verwehrt. Aber mit Preußens geistiger Elite traf sie sich regelmäßig zur Teestunde. Man bewunderte ihre Sprachgewandtheit, ihre Lebenskenntnis, Liebenswürdigkeit und innere Sicherheit.

Die Schwägerin von Augusta und Marie, die Schwester ihrer Männer und des Königs Friedrich Wilhelms IV., Charlotte von Preußen, heiratete nach Russland. Als Alexandra Fjodorowna stand sie an der Seite des Zaren Nikolaus I. In der Ausstellung hat sie jedoch nur wenig Platz erhalten, lediglich in der Genealogie zu den russischen Großfürsten und Zaren, auf einer Lithophane aus Bisquit-Porzellan (Kaiserliche Familie auf dem Deck eines Schiffes). Über diese russische Kaiserin aus preußischem Hause gäbe es viel zu erzählen. Aber vielleicht ein anderes Mal. Am 20. Oktober jährt sich ihr 150. Todestag.

Die Austellung ist bis zum 3. Oktober, dienstags bis sonntags, 10-18 Uhr, im Museum Alexandrowka geöffnet

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