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  • 23.04.2010
  • von Richard Rabensaat

Dorf macht Oper

von Richard Rabensaat

Mit dem Blick nach vorn: Das Einstein Forum zeigt innovative Projekte aus Ostdeutschland

Vielleicht sind sie wirklich „Neuland“, die neuen Bundesländer. Der gleichnamige Film von Daniel Kunle und Holger Lauinger zeichnet zwar zunächst ein ausgesprochen düsteres Bild der Region, aus der noch 2008 immerhin 90 000 Menschen abgewandert sind. Schulabgänger erklären in ihren Aufsätzen ausnahmslos, dass sie aus der Region fortziehen wollen. Dann aber erzählen Bison- und Schneckenzüchter, Bewohner von neu gegründeten Öko-Dörfern und Unternehmer von ihren Projekten, unter anderem von frisch installierten Bier-Brauereien. Von tausend Schornsteinen in der Region Lausitz/Elbe Elster seien die zwei des zur Bierbrauerei umgewandelten Kraftwerks die einzigen, die stehen blieben, verkündet der Projektleiter Hajo Schubert stolz.

„Wie man in Ostdeutschland mit der Krise umgeht“, wollte das Einstein Forum am Mittwoch wissen. Christoph Links stellte Projekte und Unternehmen aus seinem Buch „Zukunft erfinden, Kreative Projekte in Ostdeutschland“ vor. In Klein Leppin ist es ein Schweinestall, der 2005 Ausgangspunkt eines Opernfestivals wurde. Die Zauberflöte, den Freischütz und Shakespeares „Sommernachtstraum“ haben die Berliner Musiker Steffen und Christina Tast mit den Bürgern des 70 Seelen Dorfes dort bereits initiiert. Dieses Jahr gibt es „Orpheus und Eurydike“. 1994 zog das Musikerpaar in die Prignitz, eine Region, die im Regionalranking der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft auf Platz 394 von 409 rangiert. Die Musik spielt im leer stehenden Schweinestall, der wie ein funktionsloses Monument in der Dorfmitte aufragt. Heuballen bilden die Bühne, Bagger schaufeln die Spielstätte frei und die Aufführung wandert quer durch den Ort. Angefangen mit Gartenkonzerten hat sich das Projekt „Dorf macht Oper“ mittlerweile zu einer überregional beachteten Institution entwickelt.

Am Anfang stand der Wille, sich nicht mit einer desolaten Situation abzufinden. Das gilt auch für Matthias Schmiedel. Als Bürgermeister von Zschadraß erkannte er schnell, dass sein Handlungsspielraum bescheiden war. Die kleine Gemeinde in Sachsen steht unter Kommunalaufsicht und das bedeutet, dass „alles, was kein Geld bringt, nicht mehr gemacht werden darf“, sagt Schmiedel. Das kostenlose Essen im Kindergarten, den Kleinbus, mit dem Rentner in größere Orte zum Einkaufen gefahren werden, finanziert eine Stiftung. Die gründete Schmiedel, als er erkannte, dass sich der zweitgrößte Ausgabenposten der Gemeinde, die Energiekosten, senken lasse und damit sogar Geld zu verdienen ist. Die Umstellung von Schule und Gemeindezentrum auf Holzschnitzel-Heizung und Sonnenenergie ermöglicht es jetzt, Strom ins öffentliche Netz einzuspeisen. Der Überschuss verschafft der Gemeinde über die Stiftung den Handlungsspielraum, den auch andere klamme Kommunen gut gebrauchen könnten. Die EU belohnte es mit der Auszeichnung „European Energy Award“. Bis 2050 sollen alle Gebäude, auch die Privathaushalte, vollständig aus regenerativen Energiequellen versorgt werden.

Etwas bescheidener nehmen sich die Pläne von Frank Jansky aus. Der Initiator des „Urstromtalers“ möchte mit der Regionalwährung dafür sorgen, dass Produkte und Dienstleistungen aus der Region Magdeburg vor Ort gehandelt werden. Im Tausch gegen die selbst produzierte Währung erhalten Bürger Brot und Kaffee, eine neue Frisur oder eine geschnittene Hecke. Wenn Dienstleistungen mit dem Urstromtaler entgolten werden, gelangen auch Transferleistungsempfänger, die sonst kaum am Wirtschaftsleben teilnehmen können, in den Genuss des Papiergeldes. Mehr als 30 selbst gebastelte Parallelwährungen gibt es in Deutschland, ihr Volumen schätzt der Volkswirtschaftsprofessor Gerhard Rösl im Auftrag der Bundesbank auf weniger als eine Million Euro gegenüber mehr als 900 000 Milliarden offizieller Euro. Der Traum einer von Krisen unabhängigen Regionalwirtschaft wird sich so wohl nicht verwirklichen lassen. Denn einerseits beteiligen sich bisher zu wenig Betriebe am alternativen Wirtschaftsverkehr. Andererseits sind Parallelwährungen auch gesetzlich verboten, bisher drückt die Bundesbank aber ein Auge zu. Richard Rabensaat

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