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  • 23.03.2010
  • von Von Heidi Jäger

Von Heidi Jäger: Familienbande

von Von Heidi Jäger

Heike Isenmann inmitten ihrer „Familienbande“, die ab heute in der Landeszentrale für politische Bildung Einzug hält. Foto: Andreas Klaer

Drei Generationen malten, was für sie Familie ist: Eine Ausstellung in der Landeszentrale

„Wenn die Familie beisammen ist, ist die Seele auf ihrem Platz“, sagt ein russisches Sprichwort. Doch die „ordentliche“ Familie ist selten geworden. Fast die Hälfte aller Ehen in Deutschland wird geschieden. Alleinerziehende Eltern leben mit neuen Partnern, Stiefgeschwister müssen sich arrangieren. „So zusammengewürfelt wie meine Kinderpatchworkdecke hat sich meine Familie gefunden. Lauter verschiedene Farben, die trotzdem zusammenpassen“, schreibt die 34-jährige Anna Figoluschka zu ihrem Bild, auf dem sie zufrieden unter dieser bunten Decke hervorschaut.

Die Ausstellung „Familienbande“, die heute in der Landeszentrale für politische Bildung eröffnet wird, schillert wie ein Regenbogen, unter dem Hobbymaler aus drei Generationen äußerst erfrischend ihre Familien „vorführen“. Wie die neunjährige Leonie Grote, die einen gestiefelten Fuchs reitet. Ihr Weg führt sie auf die Schienen ihres Vaters, der gern Modelleisenbahnen baut. Er ist in ihrer Collage die Lokomotive, die Mama das aufgeschlagene Buch. Und der Bruder, der gerade in die Schule kam, bewegt sich eingerollt in der Zuckertüte auf dem gemeinsamen Gleis. Bilder der Harmonie stehen neben zerfallenen Welten, klassische Vater-Mutter-Kind-Familien neben selbst gesuchten Seelenverwandten. Sind „Familienbande“ Bevormundung und Einengung oder Halt und Verlässlichkeit? Unterschiedliche Generationen liefern unterschiedliche Antworten.

„Auch ich habe keine ,ordentliche’ Familie“, sagt Heike Isenmann, die mit ihrem Sohn Edgar allein lebt und mit den drei Malkursen ihres „Kunstgriffs 23“ die Ausstellung reich „bestückt“. Der Neunjährige, der einmal Kartograf werden will, gab selbst die Antwort, wie er seine Familienbande sieht. Er malte eine Stadtkarte von Potsdam, „mit all den Orten, wo wir wohnen: auch mit meiner Oma und meinem Opa und all meinen Freunden“. Heike Isenmann selbst wuchs wohlbehütet mit Eltern und Großeltern am Stadtrand von Potsdam auf. Irgendwann brach sie aus, fand ihre neue Familie bei Freunden, um später mit eigenem Kind, wieder in die Nähe der Eltern zurückzukehren.

Als sie von der Ideengeberin der Ausstellung, Martina Schellhorn, angesprochen wurde, die „Familienbande“ zu knüpfen, lief natürlich erst einmal der eigene Familienfilm ab. „Es hat total gut getan, den Impuls für diese Ausstellung zu bekommen, auch wenn er mir anfangs Angst machte. Vor allem wegen der Kürze der Zeit. Nicht mal drei Monate standen zur Verfügung.“ Dabei ist Kunst für die Malerin und Fotografin ein Ventil, um Druck abzulassen und nicht um ihn aufzubauen. „Aber durch das gemeinsame Philosophieren hat sich auch Leichtigkeit und Freude aufgetan.“ Erst bei ihr, dann bei den anderen: „Es war ein Dominoeffekt. Kinder, Eltern, Großeltern erzählten, wo sie sich zu Hause fühlen, wer für sie Familie ist. Es wurde genau geschaut, wer welche Position auf den Bildern einnimmt und wie nahe er auch räumlich zu den anderen steht.“ So entstanden nicht nur Köpfe, sondern auch das, was man gern mit der Familie gemeinsam unternimmt oder unternehmen würde.

Die neunjährige Sophie Görlipp holte sich die Eierberge von Sanssouci in den eigenen Garten. Und weil nicht immer Winter ist, rodelt jeder auf dem, was er am liebsten hat: „Mama auf der Bratpfanne, weil sie so lecker kocht, ich auf meinem Cello, Papa in seinen Tangoschuhen. Und die Oma in ihrem Sessel“. Großeltern und Tiere spielen immer wieder in die Bilder hinein. Katzen, Eichhörnchen oder Vögel, die so hoch fliegen, wie Laura gerne klettert. Mara liebt Eichhörnchen, die so schön kuschlig sind und malt einen Baum, in dem es nur so von ihnen wimmelt. Darunter ist ein Tisch mit drei leeren Stühlen. „Meine Familie lebt weit verzweigt und sie sitzen selten an einem Tisch zusammen“, schrieb die Neunjährige.

Bei den jungen Erwachsenen spürt man, wie sich vieles auflöst und neu verortet, wie in Moritz Heilgendorffs „Wüten dieser Welt“. „Ich bin unterwegs von meiner Familie, zu meiner Familie und immer so weiter“, notiert der 19-Jährige zu seinem düster brodelndem Farbenmeer.

Die Senioren sind weit zurück in ihre Kindheit gegangen, malten sich mit Hühnern und Kühen am Kartoffelacker oder bei einer idyllischen Kahnpartie im Spreewald, wie Ingrid Möwis, die erst mit 60 Jahren zum Pinsel griff und jetzt in einer wunderschön-naiven Malerei die Harmonie besingt.

Da Heike Isenmann als Motor die „ Familienbande“ in Schwung halten musste, fehlte ihr selbst die Zeit, sich malerisch mit dem Thema auseinanderzusetzen. „Aber es wird noch kommen. So viel ist in Gang gebracht.“ Dafür fotografierte sie zum Valentinstag Familien und packte das Wort „Bande“ beim Schopfe: Jede Familie konnte sich selbst in ein rotes Schleifenband „verpacken“: manche nahmen es als Leine für ihre Kinder, bei anderen wickelten die Kinder die Eltern ein. Und manche formten einen Stern daraus, der ihnen vielleicht gemeinsam den Weg leuchtet.

Auf der Collage der zehnjährigen Chiara leuchten auf ihrer Geburtstagstorte, die sie fest in der Hand hält, Kerzen. „Sie sind meine Familie. Die großen Kerzen haben noch ein langes Leben und bei den kleinen ist das Leben schon fast nach unten gebrannt.“ Auch die Toten seien ein starkes Thema gewesen, sagt Heike Isenmann, und das durchaus auch auf fröhliche Weise.

Eröffnung heute um 19 Uhr in der Landeszentrale für politische Bildung, Heinrich-Mann-Allee 107 (Haus 17). Zu sehen bis 24. Juni, Mo bis Mi, 9 bis 18 Uhr, Do und Fr 9 bis 15 Uhr

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