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  • 15.07.2009
  • von Von Almut Andreae

Von Almut Andreae: Figuren, ausgeschnitten

von Von Almut Andreae

Die Malerin Bettina Schilling hat sich in ihrer Kunst vom festgefügten Bildzusammenhang gelöst

Sie lässt sich gern von Zufällen leiten. Vielleicht ist es auch manchmal eine Mischung: ein wenig Zufall und ganz viel Bauchgefühl. Bald nach der politischen Wende zog es die in Westberlin beheimatete Künstlerin Bettina Schilling an die Peripherie. Dort, wo sich nahe der ehemaligen Staatsgrenze überflüssig gewordene Kasernen befanden. Orte, wo ein Stück deutsch-deutscher Nachkriegsgeschichte noch unmittelbar greifbar war.

„Wir wollten uns mit Macht und Herrschaft auseinandersetzen“, fasst es Bettina Schilling im Rückblick zusammen. Außer ihr waren auch die Künstlerinnen Eva Kohler und Anita Staud mit von der Partie, als die Wahl auf das Kasernengebiet in der Waldsiedlung Groß Glienicke fiel. Halb offiziell, halb inoffiziell verschafften sich die drei Zutritt zu dem bislang verbotenen Terrain. Die Bereitschaft, sich einzulassen auf die Situation vor Ort – die aufgegebenen schmuddeligen Baracken und Kasernen – und mit ihr zu arbeiten, war der Anfang einer Beziehung, die bis in die Gegenwart reicht.

Dort, wo einst militärisches Brachland war, arbeitet mittlerweile unter dem Namen Neues Atelierhaus Panzerhalle eine Ateliergemeinschaft von 20 Künstlerinnen und Künstler aus Potsdam und Berlin. Über den Boden der inzwischen abgerissenen Panzerhalle, nach der sich der 1998 gegründete Künstlerverein seinen Namen gab, ist längst Gras gewachsen. Die Abrisse und Sprengungen militärischer Gebäude in der Waldsiedlung haben die Künstler über die Jahre in eindrucksvollen Fotos festgehalten. Im Innern der Soldatenunterkünfte entstanden Rauminstallationen, so auch die Wandmontage von Bettina Schilling aus dem Jahr 1996 in einem völlig heruntergekommenen Duschraum. Spuren dieser Art gab es mehr als genug.

„Ich hab was gesehen und hab was gemacht“, sagt Bettina Schilling über die sie und die beiden anderen Künstlerinnen stark beeindruckende Zeit: Einschusslöcher in den Fotos von Pin-ups, wo früher die Soldaten schliefen, Abdrücke über der Bettstelle, Umrisse eines weggerückten Schranks, Schriftzüge und Zeichen am abblätternden Putz. Damals entdeckte Bettina Schilling das gestalterische Potenzial von Umrissen und Silhouetten. Die Leerstellen nach der jahrzehntelangen Militärpräsenz in der Waldsiedlung wirkten wie ein Katalysator. Die Korkplatten, die sie in den Baracken auf dem kalten Estrich als Isolierschicht ausbreitete, waren für ihre weitere künstlerische Entwicklung bahnbrechend. Kork, geschnitten, trat mehr und mehr an die Stelle von Papier. Kurz darauf war für die Malerin klar, das gewohnte Bildformat zu verlassen.

Das Herauslösen der Figur aus einem festgefügten Bildzusammenhang mit Hilfe von Schneidewerkzeugen war der erste Schritt. Figuren und Fragmente kombinierte sie dann in der Collage. Inzwischen sind die ausgeschnittenen Figuren, mit denen Bettina Schilling mehr und mehr in den Raum geht, so etwas wie ein Markenzeichen ihrer Kunst geworden. Ihre Figuren haben etwas von Scherenschnitten. In variablen Konstellationen werden sie an Sichtbetonwänden oder auch im Innern einer Kirche montiert. In der Regel sind diese Installationen nicht von bleibender Dauer. Dennoch erfahren Figuren, die sich besonders bewährt haben, in unterschiedlichen Wandinstallationen teilweise ein mehrfaches Comeback.

Bei der Figurenfindung greift Bettina Schilling gerne auf Vorlagen in Form von Zeitungsbildern zurück. Am liebsten sind ihr Figuren in Bewegung. Vor allem laufende, springende, tanzende, kauernde, fliegende Körper bevölkern ihre Kunst. Von einem Künstleraustauschprojekt im Senegal im Rahmen der Internationalen Kunst-Biennale Dakart brachte die Malerin vor einem Jahr ganz neue Bilder in die Heimat zurück. Als adäquate Form für die im Senegal aufgenommenen Eindrücke wählte sie das Rundformat. Der kreisförmige Ausschnitt entspricht dem Objektiv einer Fotokamera.

Eine fremde Kultur gerät so in den Fokus. Fragmente der Wahrnehmung fügen sich im Ausschnitt zu einer Bildrealität, die ästhetischen Gestaltungsimpulsen folgt. Im Frühjahr waren die figurativen Collagen aus Kork, Papier und Gaze auf bemaltem Holz in Berlin erstmalig ausgestellt. Etwa zeitgleich erzielte Bettina Schilling im Rahmen eines vom Kulturministerium ausgeschriebenen Wettbewerbs „Kunst am Bau“ einen Teilerfolg. Künstler aus Brandenburg hatten zusammen mit dem Architekten Carl Schargemann Entwürfe für die Innengestaltung des neu entstandenen Foyers und des sogenannten Luftraums im Sprachenzentrum der Universität Potsdam-Griebnitzsee eingereicht. Konzept und Modelle für zwei Rauminstallationen von Bettina Schilling haben es bis in die Endrunde geschafft. Mit ihren Figuren-Installationen hätte die Künstlerin bei entsprechendem Votum der Jury auf die ständige Fluktuation im Foyer reagiert und den Luftraum als Ort der Begegnung und Kommunikation gestaltet. Im Ergebnis geht sie aus dem Wettbewerb beflügelt hervor. Kunst am Bau eröffnet der Interaktion zwischen Figur und Raum ganz neue Perspektiven.

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