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  • 11.07.2009
  • von Von Peter Buske

Von Peter Buske: Voll brodelnder Leidenschaften „Cavalleria rusticana“

von Von Peter Buske

in der Erlöserkirche

Die sizilianische Bauernehre ist für Fuhrmann Alfio etwas Heiliges. Wird sie verletzt, schreit es nach blutiger Rache. Wie es Pietro Mascagni in seinem Einakter „Cavalleria rusticana“, einem Drama der lodernden Leidenschaften nach einer wahren Begebenheit, eindrucksvoll beschreibt. Nicht mehr mit Witz und List oder Überheblichkeit wird der Ehre, oder was man dafür hält, zu ihrem Recht verholfen, sondern durch brutalen Mord. Die Triebfedern, die zu dieser Katastrophe führen, sind Liebe, Eifersucht, Treue, Verzweiflung.

Mit der konzertanten Aufführung dieser italienisch gesungenen Verismo-Oper in der Erlöserkirche setzte das Neue Kammerorchester Potsdam seiner fünfteiligen Sinfoniekonzertreihe „Aber die Liebe…“ ein wirkungsvolles Saisonfinale. Die Kirchenfenster sind mit schwarzen Tüchern verhangen wie das Steilpodest für den Chor, über das zudem ein rotes Tuch gleich einem Blutbach gelegt ist. Eine unheimlich düstere Atmosphäre, die das zahlreiche Publikum umfängt. Sie lockert sich im Verlaufe des 80-minütigen Geschehens durch scheinwerfererzeugte Lichtstimmungen ein wenig auf. So verwandelt sich nahezu bühnengerecht die Dämmerung des Ostermorgens in hinreichende Helle, damit das Fest der Auferstehung in freundlicherer Stimmung auf dem Podium gefeiert werden kann.

Dazu ist der mit dörflicher Kleidung sparsam kostümierte Chor, bestehend aus Mitgliedern des Neuen Chors Berlin, des Neuen Kammerchors Potsdam und der Potsdamer Kantorei, leger und schlafend auf den Treppenstufen gelagert. Er scheint das nächtliche Ständchen des jungen Bauern Turiddu „O Lola, rosengleich blühn deine Wangen“, mit dem sich das Drama einläutet, genauso wenig zu hören wie die lauten Stellen des Orchestervorspiels, das Dirigent Ud Joffe sehr zupackend musizieren lässt. Aufgewacht und aufgestanden, sortiert sich das Volk anfangs getrennt nach Geschlechtern und stimmt den Eingangschor „Duftig erglänzen Orangen“ an: weich die Frauen, kraftvoll die Männer. Durchmischt bleibt das Singen, auch in halbszenischer Aktion, geschmeidig, sauber, präzise und „bühnen“sicher.

Ud Joffe und die Musiker setzen durchweg auf einen harten, sehr direkten, fast spröde artikulierten, ein wenig unterkühlten und neutralen Orchesterklang, bei dem die erforderliche Italianità weitgehend Mangelware ist. Schade für das Intermezzo sinfonico und die zwar voluminös angestimmte, aber doch überwiegend der Innigkeit entbehrende Chorszene und das Gebet der Santuzza. Ursula Hesse von den Steinen leiht der in unschuldiges Weiß gekleideten jungen Bäuerin ihren ausladenden, höhensicheren, über Klangmassen meist mühelos jubilierenden dramatischen Sopran. Ihre Erklärungsarie „Als euer Sohn einst fortzog“ über den Seitensprung von Turiddu lädt sie rollengerecht mit Brio auf.

Die Leidenschaften brodeln auch im hinreißend gestalteten Duett mit Turiddu, als sie ihn zurückgewinnen will: erst flehend, dann bittend, schließlich drohend und ihm die „roten Ostern“ wünschend. Dieser findet in Meik Schwalm einen stimmkraftstrotzenden Tenor, der durchweg das Forte liebt und sich als ein Verismosänger der Marke Mario del Monaco erweist. Bei seinem Liebesbekenntnis an Lola, aus dem Hintergrund angestimmt, wirkt sein Singen noch seltsam angestrengt, doch dann scheint er geradezu zu explodieren: unentwegt prunkt er mit Strahlkraft und Glanz! Der Bravojubel ist ihm anschließend genauso gewiss wie Raimund Nolte als bassbaritongewaltigem, intensiv gestaltendem und racherasendem Alfio . Bhawani Moennsad singt eine stimmedle Mama Lucia, Regina Jakobi eine verführerische Lola. Wer da nicht schwach wird.

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