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  • 10.07.2009

Fast volljährig

Außen pfui, innen hui. Das Waschhaus in der Schiffbauergasse als Musiktempel in den alten Tagen vor der Sanierung. Foto: promo

Von Anfang an war die Musik im Waschhaus mit dabei / Von Helen Thein

Die Zahl 17 ist ein ungewöhnliches Jubiläum. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb feiert heute die Waschhaus-Crew in der Schiffbauergasse diesen 17. Geburtstag des stadtbekannten Veranstaltungshauses. Es soll auf dieser Geburtstagsfeier zahlreiche Blicke in die bewegte Vergangenheit geben, aber auch Ausblicke in eine Zukunft, die wegen fehlender Gelder und den Schwierigkeiten am sanierten Standort nicht leicht sein wird. In den Abendstunden werden 17 DJs aus den vergangenen 17 Jahren das Kesselhaus, den Saal und den Klub beschallen. Unsere Autorin Helen Thein ist eine von ihnen. Für die PNN erinnert sie sich an ihre aufregende Zeit als DJane Helen im Waschhaus.

Als das Waschhaus vor 17 Jahren in einem übermütigen Akt der Aneignung besetzt wurde, sollte es viele Bedürfnisse befriedigen. Eines davon war Tanzen. Die Berliner Loveparade war noch ein Geheimtipp, dem immerhin 15 000 folgten. Ich war auch da. Nur dieses eine Mal. Obwohl ich eigentlich ganz andere Musik hörte, aber diese Entgrenzung mittels Klang faszinierte mich. Das Waschhaus sollte Potsdams Technotempel werden – und war es dann ja auch für einen großartigen Moment. Marusha legte ihren Regenbogen hier auf. Junge Besessene, hochkonzentriert, die Kopfhörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt, zwei Finger an der Plattennadel, die anderen am Vinyl, schickten Klangwellen durch den Saal. Damals wurde mir klar, dass es auch unter DJs Künstler und Handwerker gibt.

Nicht dass alle Techno-DJs Künstler wären und alle anderen Handwerker. Einer, der bulgarische Volksmusik und Punk zu mischen verstand, wurde „godlike Genius“ genannt: John Peel. Generationen haben ihm zugehört. Ich auch. Schon vor 1989. Bis nachts um zwei, jede Woche im Radio. Mit ihm wurde es wahrhaft zum Weltempfänger. In der Schule schlief ich dafür regelmäßig ein. Ich war infiziert. Platten auflegen, Lieblingsmusik spielen und andere damit glücklich machen. Und dabei unsichtbar sein. Dumm nur, dass im Radio auch DJs sprechen müssen. Der Hintergrund ist mir naturgemäßer. Wäre ich Musikerin, wäre ich keine Rampensau. Ich bin auch keine Luftgitarristin. Nein. Ich bin Luftschlagzeugerin!

Meinen Radiotraum habe ich geheim gehalten und anderes gemacht. Konzerte organisiert, Lieblingsmusiker auf die Bühne gestellt. Kann auch großartig sein. Nur als nebenberufliches Ehrenamt war es nicht durchhaltbar. Als Ingo, der Harzer und Waschhausmitbegründer, mich fragte, ob ich nicht eine kleine Independentschiene im Partyprogramm installieren wolle, habe ich nicht nein gesagt. Wir waren gleich viele. Klub Color hieß eine der ersten Reihen, Brennstoff kam später, Katjuscha rief die 80er Partys ins Leben, lange bevor der Hype um die Schulterpolstermusik losging.

Mein erstes Mal habe ich vor Nervosität kaum durchgestanden. Was, wenn der CD-Player spinnt, das Mischpult die falsche Spur fährt, meine Vinylplatten zerbrechen, weil sie mir aus den Händen fallen? Wenn da nicht Riza gewesen wäre, mein zuverlässiger Freund für alle Technikfragen. Er saß, bis der Morgen graute, hinter mir, rauchte ununterbrochen (das war damals noch erlaubt) und stand erst nach acht Stunden wieder auf. Und sagte: „Das nächste Mal schaffst Du das alleine.“ Stimmt. Ich habe mir dann aber doch einen Kompagnon dazugeholt, schon um ab und zu auch tanzen zu können. Wir haben immer nur gespielt, was wir mochten, und uns standhaft geweigert, James Brown zu spielen (zu sexistisch) oder Stones (och nö), Led Zeppelin (warum nur hören 17-Jährige die Musik ihrer Väter?), Rosenstolz (igitt). Wir hatten so viel größere Schätze in unseren Kisten. Manchmal baten mich Discobesucher um ein Mixtape, manchmal tanzte niemand.

Was das Auflegen betrifft, bin ich eine Handwerkerin. Aber eine leidenschaftliche. Zwei Kisten Vinyl, komplettiert durch einen Koffer voller CDs, waren meine Grundausstattung. Ich habe sie erst bei meinem letzten Umzug aufgelöst und zu den anderen Tonträgern sortiert.

Acht Jahre begleitete das Musikauflegen mein Leben. Den Beruf gab ich derweil auf – und ging noch mal zur Schule. Dieses Mal war es der Philosophielehrer, der über meine Müdigkeit moserte und mir immer Notenabzug gab, wenn ich morgens zu spät kam. Pedant! Das hat nicht verhindern können, dass ich inzwischen mehr philosophische Bücher wälze als Platten zum Drehen bringe. Ab und zu gehe ich noch ins Waschhaus und tobe mich aus. Kein Tocotronic-Konzert in Potsdam ohne mich! Inzwischen ist das Haus saniert, der Weg planiert und das Waschhaus überregional etabliert. Der Ort sieht anders aus, aber mit Musikbegeisterten wie Ingo, Katjuscha und den vielen anderen im Hintergrund hat er immer noch das Potenzial, akustischer Lebensmittelpunkt für nachwachsende Nachttänzer zu sein.

Die Party „17 Jahre Waschhaus à la carte“ beginnt heute um 17 Uhr mit einem Konzert des Pianisten Peer Neumann und einer Tanzkarawane der Oxymoron Dance Company. Ab 22 Uhr legen die 17 DJs auf. Der Eintritt ist frei

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