22.07.2018, 26°C
  • 07.07.2018
  • von Helena Davenport

Ausstellung in der Löwenvilla Potsdam: Der Mond führt ins Nichts

von Helena Davenport

Die Skulpturen der Galerie Schmalfuß verwandeln den Garten der Löwenvilla in eine Welt der Sonderlinge. Morgen ist sie offen.

Zu Besuch im Garten der Sonderlinge. Eine nackte Frau, bleich und dürr, empfängt ihre Gäste mit einem Tanz. Ihre langen Arme wollen alles umschließen. Sie ist flink! So flink nämlich, dass man fürchten muss, sie könnte entwischen. Obwohl die „Muse“ des Potsdamer Künstlers Hans Scheib eigentlich aus Bronze gemacht ist und zurzeit ihren festen Platz hinter der Löwenvilla hat. Hier treibt sie ihren Schabernack, ist lustig und traurig zugleich. Zu ihrer Linken, im Schatten der Mauer, wartet das Ungetüm. Der Minotaurus stützt sich auf dem Boden ab, hat sein gehörntes Haupt gesenkt. Auch am Boden liegend strotzt er nur so vor lauter Kraft. Ob er sich ausruht oder gleich einen Menschen verschlingen will? Vor ihm kann man nicht sicher sein, denn seine Augen liegen im Verborgenen – so hat ihn der Londoner Künstler Stuart Nigel Reid Wolfe erschaffen.

Über 40 Skulpturen von elf Künstlern beleben derzeit die Löwenvilla und ihren Garten in der Gregor-Mendel-Straße. Michael W. Schmalfuß, der seit 20 Jahren eine Galerie in Marburg und seit sieben Jahren eine zweite in Berlin-Charlottenburg betreibt, hat sie hierhergebracht. Vor einer Woche wurde seine erste Potsdamer Schau eröffnet und am morgigen Sonntag ist sie zum ersten Mal von 14 bis 19 Uhr auch für unangemeldete Besucher zu sehen. Weitere Besichtigungen sind nur nach einer Terminvereinbarung möglich oder erst wieder in einem Monat: am 18. und 19. August. „Es wäre toll, wenn künftige Ausstellungen öffentlicher werden könnten“, sagt Schmalfuß. Er plant, alle zwei bis drei Monate neue Ausstellungen in der Jägervorstadt zu zeigen – und zwar nur Skulpturen, was sein Vorhaben zu einem besonderen macht. Der Auftakt ist ihm gelungen. Wäre die aktuelle Schau noch vielseitiger in Form und Ausdruck, es bliebe kein Platz mehr für ihre Gäste.

Die Stufen der gewundenen Terrassentreppe führen zu einem Faun. Sein schmaler Körper scheint auch im Stillstand zu tänzeln. Dabei ist das zweifelhafte Wesen in Naturstudien vertieft. Nur eine Bewegung und der Moment könnte vorüber sein, doch noch sitzt er still auf seiner Hand: ein kleiner Frosch. Der britische Künstler Wolfe, der auch den Faun entworfen hat, begeistere sich insbesondere für die Anatomie des Körpers und seine Bewegungen, erklärt Schmalfuß. Dazu passt es, dass der Künstler eine Zeit lang als Akrobat im Zirkus gearbeitet hat.

Weiter oben glitzert und funkelt es. Der Schatz – etwa eineinhalb Meter hoch, tief und breit – ist kaum zu übersehen. Einer fließenden Masse gleich, scheint er in ständiger Bewegung zu verharren. Hier gibt es kein Rückwärts oder Vorwärts, Richtungen haben längst ihre Bedeutung verloren. In die Skulptur mit dem Titel „Reflektor“ von Jörg Bach fließt alles ein, sie vereint ihre ganze Umwelt und verknotet sie zu einem Ganzen. Der polierte Edelstahl spiegelt und reflektiert immerzu, sodass sicht mehr auszumachen ist, was die Quelle für die Reflexion ist. Formen schwinden, lösen sich auf, werden nichtig. Wie in jedem Märchen ist der Schatz auch hier Magnet und Fluch zugleich: Wir sind gefangen in einem formlosen Labyrinth. Ohne Boden, ohne Türen. Ein Entkommen ist unmöglich. „Der Künstler arbeitet nicht perfekt“, so Schmalfuß. Durch die Schweißnähte, die wie Dellen an der Oberfläche des Stahlblechs sichtbar werden, reflektiert die Skulptur umso mehr. „Und genau das macht seine Werke so lebendig“, sagt der Galerist.

Fast archaisch, auf eine fantastische Art zurückhaltend weise wirken die Skulpturen von Thomas Röthel. Sie scheinen den sich in den Vordergrund drängenden „Reflektor“ zu beobachten, sind dabei aber nicht weniger energiegeladen. Im Gegenteil. Sie sind todernst und gleichzeitig komisch. Sie tragen den Galgenhumor in sich. Ihr Macher hat sich nämlich einen Scherz erlaubt. Röthel bearbeitet Stahlblöcke bei enormer Hitze. Er schneidet in sie hinein und dreht anschließend Ober- und Unterteil um sich selbst. So entstehen zwei massive Blöcke, die nur durch dünne Streifen in ihrer Mitte zusammengehalten werden. Die Skulpturen wirken filigran, fragil und leicht, wenngleich das Material, aus dem sie gemacht sind, so schwer ist. Ihre rostigen Oberflächen veranschaulichen einmal mehr diesen einen Moment kurz vor knapp: kurz vor dem Einknicken, kurz vor dem Vergehen.

Der Künstler Trak Wendisch ist in Potsdam bekannt. Sein „Seiltänzer“ begab sich anlässlich der Barberini-Schau „Hinter der Maske“ stadtgebietweit in schwindelerregende Höhen. In der Löwenvilla ist Wendisch mit mehreren Arbeiten vertreten. Eine seiner Figuren, eine Frau, hält den Mond in ihren Händen. Der beste Freund der Erde ist eine schwarze Platte, aus der Ferne betrachtet sogar ein dunkles Loch, das ins Nichts führt. Betrachtet man die Frau unter ihm, scheint der Mond nicht schwer zu sein, aber dennoch ist er eine Last. Die Frau hat die Schultern hochgezogen und steht verkrampft da. Ebenso apokalyptisch, aber gleichzeitig humorvoll wirkt auch der „Fußhalter“. Er hockt gegenüber der fahrigen Dame am Eingang des Gartens, hält mit den Händen sein linkes Bein, das zu einer Keule geworden ist.

Im Inneren der Villa werden währenddessen „Shakespeares Sonette“ aufgeführt. Zwölf Holzskulpturen nehmen den Raum ein. Der junge Dichter, der „Young Poet“, zeigt gen Himmel und der Junge, der „Boy“, hat ambitioniert die Hände in die Hüften gestemmt. Die Bildhauerin Christiane Erdmann hat damit Robert Wilsons Inszenierung der Sonette am Berliner Ensemble nachempfunden. „Als die Schauspieler sich wiederfanden, waren sie sehr überrascht“, erzählt Schmalfuß. Denn sogar Theaterschminke und Beleuchtung sind originalgetreu. Die Künstlerin beschäftigt sich mit der Präsenz auf Bühnen. Hier, in der Löwenvilla, führen ihre Charaktere ein Eigenleben, sind weit entfernt von herkömmlichen Theaterbühnen, und haben sich längst mit den anderen Protagonisten zu einer wundersamen Welt der Skulpturen zusammengetan.

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Die Skulpturenausstellung der Galerie Schmalfuß in der Löwenvilla, Gregor-Mendel-Straße 26, ist am morgigen Sonntag von 14 bis 19 Uhr geöffnet

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