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  • 05.07.2018
  • von Klaus Büstrin

„Kaiserdämmerung“ in Potsdam: Architektonisches Fanal

von Klaus Büstrin

Friedrichskron. So hieß das Neue Palais mal – aber nur 99 Tage lang. Foto: Leo Seidel

Das Neue Palais ist ein Hauptakteur in der Geschichte der „Kaiserdämmerung“. Ein Geschichtsrundgang.

Das Neue Palais ist der pompöse Schlussakkord friderizianischer Baukunst. Geschwächt kehrte Friedrich II. aus dem Siebenjährigen Krieg zurück. Doch trotz der ruinösen Scharmützel ließ der König ab 1763 in nur sechs Jahren ein riesenhaftes Schloss aus dem märkischen Sand stampfen. Ein architektonisches Fanal, das dem Resteuropa zeigen sollte, dass mit Preußen nach wie vor zu rechnen sei.

Von dem König bewohnt wurde es indes nur selten. Zumeist diente es für wenige Wochen im Jahr als Gästedomizil, vor allem für die große Verwandtenschar. Nach Friedrichs Tod wurde das Neue Palais nur noch sporadisch genutzt, zumeist für Festlichkeiten. Im Sommer 1829, anlässlich des Geburtstags der Preußenprinzessin und Zarengattin Alexandra Feodorowna, gab es im Ehrenhof das „Fest der weißen Rose“, ein aufwendig gestaltetes Ritterspektakel mit Reiterspielen und lebenden Bildern, das Friedrich de la Motte Fouqué, der Dichter der „Undine“, in einem Gedichtzyklus verewigt hat. Das Schlosstheater wurde zur Zeit König Friedrich Wilhelms IV. wieder für seiner ureigenen Bestimmung genutzt: 1842 wurde Theater gespielt. Der Dichter Ludwig Tieck inszenierte hier Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ mit der Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Erst 1858 bekam das Schloss am Ende der Allee zwei ständige Bewohner: Kronprinz Friedrich Wilhelm, der spätere Kaiser Friedrich III., und seine englische Gemahlin Victoria. Das Paar ließ die Innenräume behutsam renovieren, Bäder, Toiletten, eine Warmwasserheizung wurden eingebaut. Als der Kronprinz 30 Jahre später deutscher Kaiser wurde, nannte er seine Residenz „Friedrichskron“.

Aber der Name hielt, wie Friedrichs Herrschaft, nur 99 Tage. „Ich glaube, wir werden im allgemeinen nur als vorbeihuschende Schatten angesehen, die bald in der Wirklichkeit durch Wilhelms Gestalt ersetzt werden sollen“, schrieb Victoria ihrer Mutter nach London. Am 15. Juni 1888 starb Friedrich in seinem Schlafzimmer im unteren Fürstenquartier an Kehlkopfkrebs. Auf dem Parkettfußboden des Sterberaums wurde auf Wunsch der Ex-Kaiserin ein Holzkreuz eingelegt. Sohn Wilhelm wurde Kaiser Wilhelm II.

Am Tag nach dem Tode Friedrichs III. wurde das Schloss jedoch abgesperrt und durchsucht. Sohn Wilhelm vermutete in ihm geheime Papiere des Verstorbenen. Er fürchtete ein Komplott der liberalen Parteien und wollte verhindern, dass Dokumente und Tagebücher beiseitegeschafft würden. Kaisern Victoria war bei weiten Teilen der Eliten im Reich verhasst: nicht nur bei den Konservativen, sondern auch bei ihrem Sohn Wilhelm und der Hofgesellschaft. Sie wurde verdächtigt, deutsche Interessen an den englischen Hof zu verraten. Victoria hatte tatsächlich einen großen Teil von Dokumenten zuvor nach London geschafft. Da der neue Kaiser das Neue Palais als Residenz für sich beanspruchte, wäre Victoria als Witwe gern ins Schloss Sanssouci gezogen. Das wurde ihr verwehrt. Schließlich zog sie nach Kronberg in den Taunus, wo sie 1901 starb. Beigesetzt wurde sie neben ihrem Mann im Mausoleum an der Friedenskirche im Park Sanssouci.

Das Neue Palais wurde für Kaiser Friedrich III. und seinem Sohn Wilhelm neben dem Berliner Schloss der neue Hauptwohnort. Man wollte es sich hier natürlich bequem machen. Eine weitgehende Modernisierung im Inneren stand an. Der Bau wurde zentralbeheizt und 1911 elektrifiziert, er erhielt Wasserklosetts, Dienertreppen, eine autogerechte Auffahrt und einen Aufzug. Im friderizianischen Schreibkabinett, das die Kaiserin als Toilettenzimmer nutzte, stand ein Ruderapparat zur körperlichen Ertüchtigung. Die hellen Wände des Rokoko dunkelte man mit Firnis nach, friderizianische Möbel mussten denen aus der wilhelminischen Zeit weichen. Pomp und Pathos erhielten die Oberhand.

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