24.06.2018, 16°C
  • 09.06.2018
  • von Lena Schneider

Tanztage in Potsdam: Wenn der Nebel fällt

von Lena Schneider

Zettelwirtschaft. Auch wer Zettel hat, vergisst. Das weiß „Undated“. Foto: M. Ribeiro

Tanztage: Martine Pisanis „Undated“ in der fabrik.

Potsdam - Jedes Ereignis ist ein Nebel aus Tropfen. So steht es im Programmheft von „Undated“ – folgerichtig, dass auch das Ereignis der Deutschlandpremiere des Stücks von Martine Pisani am Donnerstag zeitweise ein imaginärer Nebel umwabert. Die zehn Tänzer tasten sich durch ihn hindurch, fühlen sich schrittchenweise voran und aneinander vorbei – behutsam, immer wie in Angst, gegen eine Wand zu laufen. Einmal steht einer von ihnen vorne an der Rampe, schiebt eine Nebelwolke beiseite und schenkt dem Publikum ein strahlendes Lächeln. Ah, sagt das Lächeln, Menschen!

Die Choreografin Martine Pisani, der die Tanztage 2018 mit zwei Stücken eine kleine Retrospektive widmet, ist eine Meisterin solcher Augenblicke. Ihr Tanz ist alles andere als ein luftdicht abgeschlossenes Gebilde. Er sucht das Gegenteil: die maximale Öffnung. Mitmachtanz, ja – aber minimalistisch. Nicht nur Körper lässt Pisani tanzen, sondern auch Gesichtsmuskeln, auch Blicke. Der Blickkontakt ins Publikum ist also durchaus als Schritt hinter die Vierte Wand zu verstehen.

„Undated“ ist erklärtermaßen ein Konglomerat aus Pisanis bisherigen Stücken. Der Versuch, Arbeit und Lebenszeit zu verdichten. Viele Stücke waren seit ihrem ersten Aufenthalt in der fabrik 1998 auch hier zu sehen. „Sans“ (2000) wurde hier uraufgeführt und war 2018 wieder zu Besuch, „Hors sujet ou le bel ici“ (2007) läutete die Reihe „Neue Triebe“ ein, „Profit and loss“ (2009) spielte mit dem Motiv des Kairos – dem raren Moment für eine richtige Entscheidung. Und „as far as the eye can hear“ (2010) wagte den Schritt auf die Freundschaftsinsel, am Männertag war das. Das Zusammenprallen der bierseligen, lauthals Unverständnis äußernden Potsdamer Jugend und des stillen, oft komischen Tanzes von Martine Pisani war ein denkwürdiges Ereignis. Wer diese Arbeiten kennt, wird in „Undated“ immer wieder von Erinnerungsfetzen heimgesucht. Der in die Luft stochernde Zeigefinger und das Versteck-Spiel aus „Sans“, der Besen, das Fingerschnipsen aus „Profit and Loss“, und unzählige Momente des vagen déjà-vu: Wo war das doch gleich?

Geschehenes lässt sich nie lückenlos rekonstruieren. „Undated“ spielt damit. Immer wieder zücken die zehn Tänzer kleine Zettel, machen ein paar Schritte, sehen sich ratlos um, tauschen Zettel aus. Bauen sich dann in einer Reihe auf, bereit für den großen Auftritt, die Verkündung der erlösenden Erkenntnis. Zehn Münder öffnen sich: aus jedem ein anderer Laut. Verlegenes Um-sich-Schauen. Erneuter Versuch. Erneutes Geraune, unverständlich. Im Publikum Lachen.

Die große Erkenntnis, die Antwort auf die Riesenfrage: Wozu das alles? bleibt aus. So könnte man sagen. Man könnte aber auch sagen: „Undated“ hat sie längst gegeben. Sie findet sich in den Blicken zwischen Tänzern und Tänzern, zwischen Tänzern und Publikum. In den Momenten, wenn der Nebel fällt. 

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