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  • 09.06.2018
  • von Lena Schneider

Interview mit Sabine Haack zu Lit:potsdam: „Wir schließen niemanden aus“

von Lena Schneider

Foto: Dirk Bleicker

Sabine Haack, die Projektleiterin der Lit:potsdam, über politische Literatur, Gourmetkultur – und zwei Konkurrenten.

Frau Haack, die Lit:potsdam konkurriert in diesem Jahr mit zwei Publikumsrennern: den Musikfestspielen und der Fußball-WM. War der Zeitpunkt glücklich gewählt?

Ich weiß nicht, ob er glücklich gewählt war – er war pragmatisch gewählt. Und der Zeitpunkt war auch sehr zeitig mit der Stadt verabredet. Die Termine sind mit der Sommerkulturplanung der Stadt eng verbunden, weil wir uns natürlich als Festival ganz stark in das Kulturleben der Stadt eingliedern wollen. Dass es schwierig werden würde, war von Anfang an klar. Auf das erste WM-Spiel der deutschen Mannschaft am 17. Juni konnten wir uns relativ gut einstellen: Wir hören einfach früher auf. So kann man beides haben, Literatur und Public oder Private Viewing. Die Überschneidung mit den Musikfestspielen Sanssouci war einfach unvermeidlich. Wir möchten natürlich einvernehmliche Lösungen mit der Stadt, wollen auch Projekten in der Schiffbauergasse wie „Stadt für eine Nacht“ nicht im Wege stehen. Gleichzeitig wollen wir aber weiter unser Programm mit den Schulen verfolgen, und das muss vor den Sommerferien passieren.

Sie haben auch versucht, die Potsdamer Programme aufeinander abzustimmen?

Ja, das ist in ganz fein ziselierter Arbeit passiert. Unsere Festveranstaltung am Freitag zum Beispiel beginnt eine Stunde früher. Das ist ein unmittelbarer Reflex auf die Musikfestspiele. Wenn Sie ein totaler Kulturfreak sind, können Sie zu uns kommen und danach in den Neuen Garten zu den Musikfestspielen. Ich glaube nicht, dass die Musikfestspiele unseretwegen ein Problem haben.

Sie glauben auch nicht, dass Sie sich gegenseitig die Aufmerksamkeit klauen?

Nein. Ich glaube, dass es sich eher auf eine sehr fruchtbare Weise ergänzt. Wenn man es aus städtetouristischer Sicht nutzen wollte, könnte man das nicht als Problem, sondern als Tugend beschreiben: Wenn Kultururlaub in Potsdam, dann in dieser Woche im Juni. Ich glaube nicht, dass wir uns gegenseitig das Wasser abgraben. Kultur ist breit gestreut, und ich glaube, man sieht es unserem Programm auch an, dass wir versucht haben, das Literaturangebot sehr breit aufzustellen.

Von einem Abend über Karl Marx über die politische Autorin Sasha Marianna Salzmann bis Frank Schätzing ist in diesem Jahr alles dabei. Ist das das Prinzip der Lit:potsdam: So breit wie möglich aufgestellt sein?

Wir wollen die Bandbreite von Literatur einer Bandbreite von Publikum zur Verfügung stellen. Wir wollen nicht beliebig sein. Das Programm hat auch immer einen inneren Zusammenhang, daran arbeitet unsere Kuratorin Karin Graf sehr intensiv. Sie achtet darauf, dass wir immer das Beste haben und auch immer eine inhaltliche Mischung aus Populärerem und Intellektuellem, auch Zeithistorischem. Besonders eine Auseinandersetzung mit Letzterem bildet unser Programm auch ab. Wir wollen auch Jugendliche und junge Erwachsene ansprechen, was sich in diesem Jahr deutlich zeigt: der Poetry-Slammer Bas Böttcher etwa gehört zu unserem Jugendprogramm, ist aber in den Programmablauf eingebettet. Wir wollen inhaltlich anspruchsvoll sein, ohne dadurch weniger gut zugänglich zu sein. Wir wollen ein Festival sein, das sich in der Stadt verwurzelt, mit anderen Institutionen zusammenarbeitet und die Einwohner mit einem qualitativ hohen Programm versorgt.

Sie haben wieder exquisite Orte aufgetan: die Villa Jacobs, das Palais Lichtenau, in diesem Jahr neu das Floß. Haben Sie manchmal die Befürchtung, in die Ecke Gourmet- oder Häppchenkultur abzudriften?

Nein, wieso? Die Festveranstaltung in der Villa Jacobs am Freitag hat ein fast volksfestartiges Ambiente. Sie können daraus einen Halbtagesausflug machen, der Park öffnet schon zwei Stunden vorher. Sie können auf Ihrer Decke sitzen, sich Ihr Essen mitbringen, bei wenig Eintritt. Das ist eine sehr hochkarätige Veranstaltung, intern nennen wir sie unsere „Gala“, hier stellt sich der Writer in Residence vor. Klar, andere Dinge sind exklusiv, wenn Sie wollen: Auf einem Floß haben nicht so viele Menschen Platz, aber teurer ist diese besondere Lesung trotzdem nicht. In den hier vorgestellten Texten geht es auch um Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte ...

... mit Autoren mit Potsdam-Bezug: Julia Schoch, Torsten Schulz, André Kubiczek.

Ja. Die drei schippern durch das ehemalige Grenzgewässer und lesen aus ihren Texten, die sich mit der jüngeren Zeitgeschichte befassen. Wir sind – mit dem Schulprogramm – im Übrigen auch im Karl-Liebknecht-Stadion und im Bürgerhaus Sternzeichen am Schlaatz. Wir schließen niemanden aus, falls Sie das mit Gourmetkultur meinen.

Die Lunchbegegnung mit David Grossman kostet 40 Euro.

Mit Essen und Trinken allerdings. Es wäre uns nicht wohl bei dem Gedanken, dass die Menschen tief in die Tasche greifen müssen, um den Writer in Residence erleben zu können. Daher bieten wir die große Veranstaltung in der Villa Jacobs an – und zusätzlich in kleinerem Rahmen die Lunchlesung im Palais Lichtenau. Wir verstehen uns nicht als Nischenangebot für Reiche und Superreiche.

Sie erwähnten den inneren Faden des Festivals. Dieser scheint mir über das Thema Heimat in diesem Jahr besonders stark.

Vielleicht ist es so, dass es in diesem Jahr gelungen ist, die Eckpunkte des Festivals auf Felder zu lenken, die in der öffentlichen Debatte sehr stark präsent sind. Mariana Leky und Dörte Hansen behandeln das Thema Heimat, das die Leute sehr umtreibt. Aber bislang hat es kein Lit:potsdam-Festival versäumt, auf politische Diskurse zu verweisen, und das auch im Programm dargestellt.

Wir sprachen von den Flößen und den Autoren mit Potsdam-Bezug. Ist die Lit:potsdam im 6. Jahr potsdameriger geworden?

Sie war immer schon ganz schön potsdamerig, vor allem im Kinder- und Jugendprogramm. Wir haben in Potsdam ja durchaus eine kleine Schriftstellerkolonie, darunter auch einige, die sich sowohl an Erwachsene als auch an Kinder und Jugendliche wenden. Julia Schoch beispielsweise. Sie liest auf dem Floß, aber auch in den Schulen. Und es gab immer schon den öffentlichen Platz auf der Lesebühne des Büchermarktes. Das ist auch ein Testterrain für junge Potsdamer Autorinnen und Autoren, die am Anfang ihrer literarischen Karrieren hier zu hören sind. Vier Stunden lang können hier lokale Autoren entdeckt werden – ganz ohne Eintritt.

David Grossman wird vier Tage hier verbringen. Wie gelingt es Ihnen eigentlich, Autoren wie ihn nach Potsdam zu locken?

Das hat zwei Gründe, denke ich. Vor allem sind es das Renommee und die Kontakte von Karin Graf, die in der literarischen Szene verankert ist wie wenige. Wenn sie anruft, hört man ihr zu. Und dann ist es so, dass die Autorinnen und Autoren richtig, richtig gerne hier sind. Wir bemühen uns, mithilfe des sehr engagierten Vereins, den Mitwirkenden den Aufenthalt so schön wie möglich zu gestalten. Donna Leon war letztes Jahr ganz begeistert. Wir zeigen im Austausch mit den Autoren auch immer, dass das ein Potsdamer Festival ist. Wir fühlen uns der Stadt wirklich sehr verbunden. Wenn die Autoren unserer Einladung folgen, ist das immer auch ein Kompliment an Potsdam.

Das Interview führte Lena Schneider

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Zur Person:

Sabine Haack, Jahrgang 1960, ist seit 2012 Mitglied im lit:pots e.V, seit 2017 Projektleiterin des Festivals. Zuvor leitete sie u.a. die Kommunikation des Kunstfestes Weimar.

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