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  • 08.06.2018
  • von Lena Schneider

Tanztage in Potsdam: Blick ohne Vorurteil

von Lena Schneider

Hier verwurzelt. Martine Pisani pflanzte in der fabrik auch Bäume. Foto: Andreas Klaer

Die Potsdamer Tanztage verbeugen sich mit zwei Stücken vor der französischen Choreografin Martine Pisani. Ein Porträt.

Potsdam - Nehmen wir an, wir hielten uns die Augen zu und wären unsichtbar. Oder nehmen wir an, wir holten tief Luft und bliesen mit unserem Atem das Gegenüber durch den Raum. Oder besser: Wir könnten Kraft unserer Blicke das Gegenüber in die Knie zwingen. Und wenn wir schon dabei sind, nehmen wir gleich mit an, jemand würde das Gegenüber auffangen, bevor es fällt.

In der Choreografie „Sans“ von Martine Pisani geht all das. Es ist ein Spielplatz kindlicher Emotionen, alltäglicher Bewegungen, sanfter Satire auf tänzerische Konventionen. Das Stück wurde im Jahr 2000 an der fabrik uraufgeführt, am Mittwochabend erneut dort gezeigt. Die Bäume, die Pisani damals am Rande des heutigen Biergartens pflanzte, sind inzwischen groß. Einer von beiden heißt Francoise. „Ich suche so etwas wie den kindlichen Blick“, sagt Martine Pisani am Vortag der Potsdamer Wiederaufführung. „Einen Blick ohne Vorurteil, ohne Vorbelastung.“

Die diesjährigen Tanztage feiern die französische Choreografin mit einer kleinen Retrospektive: Neben „Sans“ hat die neue Produktion „Undated“ Deutschlandpremiere. Als „Sans“ 2000 uraufgeführt wurde, war vieles von dem hier Gezeigten anders, unerhört anders als es die Konventionen kannten. „Die Tänzer müssen Hunger haben, wenn sie in so einer Produktion mitmachen“, schrieb eine konservative Zeitung in Frankreich. Und doch wurde „Sans“ zu einem der größten Erfolge von Martine Pisani. 217 Aufführungen in 18 Jahren: Was für einen Ensuitebetrieb nicht viel wäre, ist für eine freie Tanzproduktion, die für jede Aufführung Festivals bereisen muss, beachtlich.

Gesichter spielen eine Hauptrolle im Tanz von Martine Pisani

Über die Jahre hat sie einen ganz eigenen Code für ihre Bewegungsrepertoire entwickelt. Dessen Grundprinzip basiert auf der schwierigsten Sache der Welt in der Welt der Darstellenden Künste: so wenig Künstlichkeit wie möglich. Für die Tänzer heißt das: sich so bewegen, als würde man sich nicht auf einer Bühne bewegen. Deswegen mag sie Tänzer wie Theo Kooijman. Tänzer, die keine Tänzer sind. Kooijman ist im ersten Beruf bildender Künstler, seit 1995 arbeitet er mit Martine Pisani zusammen. Er war in so vielen ihrer Choreografien dabei, dass er auf Anhieb gar nicht die Zahl nennen kann. „Martine mochte es, wie ich auftrete und abgehe“, sagt Theo Koojiman, „und das mache ich seitdem in ihren Stücken. Ich trete auf und ich gehe ab.“ Eine Untertreibung, die deshalb so charmant ist, weil sie über Sprache das macht, was Koojiman sonst auf der Bühne über den Körper macht. Denn Koojiman bewegt sich immer eine Nummer kleiner. Wenn er springt, springt er halb hoch, wenn er rennt, schreitet er. Und wenn er auftritt, dann kann das so aussehen, als würde er lieber nicht auftreten. Ein Irrtum? An anderer Stelle, von einem Tänzer an den Hüften ballerinagleich emporgehoben, sieht er beglückt aus.

Überhaupt spielen Gesichter eine Hauptrolle im Tanz von Martine Pisani. „Im Gesicht ist der Mensch am nacktesten“, sagt sie. Das gefällt ihr. Den Körper kann man beherrschen, im Gesicht zeigt sich, was ist. Martine Pisani macht auch das zum Tanz, lässt die Theo Koojiman, Laurent Pichaud und Oliver Schram in „Sans“ minutenlang nur mit ihren Gesichtsmuskeln tanzen. Trauer, Wut, Angst, Begehren. Das ist komisch, natürlich. Aber auch sehr berührend, wie sie dort stehen, jeder ein Spielplatz eigener Emotionen, jeder auch gefangen an seinem Ort, in seinem Körper.

„Sans“ kommt ohne Musik aus, es sei denn sie wird von den drei Tänzern gesungen. Ohrwürmer surren vorbei, ohne je wirklich ausgesungen zu werden. „Ich bin sehr sensibel, was Geräusche angeht“, sagt Martine Pisani. Und: „Ich mache das Geräusch sichtbar.“ Noch so ein Baustein im Baukasten der Kunst von Martine Pisani: kein Lärm aus der Dose. Man soll sehen, wie die Geräusche entstehen. „Sie sollen nicht vom Himmel fallen.“ Martine Pisani duldet in ihrem Tanz keinen künstlichen Zauber, keinen Deus ex Machina, keine Schummelei, keine Prätention. „Sans“, das heißt auf Französisch ohne. Tanz ohne das, was klassischen Tanz ausmacht. Ohne Präzision, sportliche Hochleistungen, penibel gearbeitete synchrone Schrittfolgen. Was man vielleicht finden wird: Menschen, die sich daran versuchen. Und auf eine Weise scheitern, die den Versuch vollkommen wirken lässt.

Heute ist das Stille und das dem Alltag Abgeguckte im zeitgenössischen Tanz gang und gäbe. In der fabrik wurde am Mittwoch viel gelacht. Um das Jahr 2000 herum aber nahm man „Sans“ noch viel ernster auf, was wohl vor allem Ratlosigkeit war. Nur ein Kind, erzählt Martine Pisani, lachte sie damals ganz breit an. Es saß in Potsdam in der ersten Reihe und amüsierte sich königlich über die Stolperer und Stürze auf der Bühne.

„Früher, als du noch laufen konntest, war das besser, oder?“

Kinder sind so wunderbar ohne Scheu, sagt Martine Pisani. Es war auch ein Kind, das vor Kurzem zu ihr sagte: „Früher, als du noch laufen konntest, war das besser, oder?“ Seit 2016 sitzt Martine Pisani im Rollstuhl. Davor hatte sie lange mit ihrer Krankheit gerungen. Solange es ging im Verborgenen, dann sichtbar für alle mit Gehhilfen. Inzwischen spricht Martine Pisani über ihre Krankheit wie über eine gelungene Pointe: „Früher als Tänzerin konnte ich unglaublich gut die Balance halten. Als Choreografin habe ich Menschen in Szene gesetzt, die fallen. Und jetzt kann ich selbst nicht mehr stehen.“

Martine Pisani, was ist das für Sie, Tanz? „Etwas, das ich liebe! In Clubs, auf der Straße, aber auch jemand, der mit den Augen rollt oder am Strand spielt, das alles ist Tanz. Jede Bewegung, die sich auf eine andere Bewegung bezieht.“ Wenn man mit Martina Pisani über Tanz redet, kommt auch Robert Bresson zur Sprache. Der französische Filmemacher schuf mit „Zum Beispiel Balthazar“ (1966) einen der düstersten Klassiker französischer Filmgeschichte: Die Geschichte eines Esels, erst Schmusetier, dann Zirkustier, dann Lastentier. Dann tot. Nicht die Grausamkeit der Geschichte hat sie beeinflusst, sagt Martine Pisani. „Sondern die Ehrlichkeit des Blicks.“18 Jahre nach „Sans“ ist nun „Undated“ entstanden. Was hat sich tänzerisch seitdem geändert? Nichts, sagt Martine Pisani. „Ich habe mich geändert.“ In „Undated“ holt sie zehn Tänzer auf die Bühne, mit denen sie in den vergangenen Jahren gearbeitet hat, bringt hier Fragmente all der Arbeiten zusammen, die über die Jahre entstanden. Ein Stück darüber, wie die Zeit vergeht, über das Alter. Und der Versuch, eine Antwort zu finden, sagt Martine Pisani. „A quoi bon?“, so lautet die Frage. „Wozu das alles?“

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„Undated“, heute Abend um 19.30 Uhr in der fabrik, 18.30 Uhr „Warm up“

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