19.08.2018, 28°C
  • 04.06.2018
  • von Heidi Jäger und Astrid Priebs-Tröger

Tanztage in Potsdam : Das Wagnis des Fallenlassens

von Heidi Jäger und Astrid Priebs-Tröger

Einfach tun. Bei der Performance „Simple Action“ lassen Menschen sich in die Arme anderer fallen und auf den Boden legen. Foto: T. Lamm

Eine Performance, die ein Mittun erfordert, und ein verrückter belgischer Abend bei den Potsdamer Tanztagen.

Potsdam - Der gewitterschwangere Freitagabend gehörte bei den Potsdamer Tanztagen der Performancekunst. Er wurde ausschließlich von belgischen Künstlern bestritten: In der fabrik traten Miet Warlop, die bereits 2012 bei den Tanztagen gastierte, und ihre verrückten Rockmusiker aus Brüssel und im T-Werk der junge belgische Multikünstler Louis Vanhaverbeke aus Gent auf. In beiden Vorstellungen entlud sich krachend ein Kunstgewitter aus Musik, Sprache, Objekten, Bildender und Bewegungskunst. Am Samstagabend war die Kirche am Neuendorfer Anger Schauplatz der intensiven Performance der Künstlerin Yasmeen Godder aus dem israelischen Jaffa.

Yasmeen Godder: „Simple Action“

Die Zuschauer sitzen in einem großen Kreis. Erwartungsvolle Stille knistert am Samstagabend unter dem Sternenhimmel der Kirche am Neuendorfer Anger. Im Programmheft ist angedeutet, dass das Publikum in Verbindung mit den Performern treten soll. Muss ich selbst in die Mitte, selbst die Bühne betreten? Ein Verstecken hinter dem Vordermann ist in dieser Sitzanordnung nicht möglich. Man spürt die innere Anspannung. Schließlich löst sich aus der Gruppe eine schlanke Frau, geht auf einen Mann zu, bittet ihn, ihr zu folgen. Ihr Blick ist warm und offen, flößt Vertrauen ein. Der Mann lässt sich in die Arme nehmen, gibt seine Schwere ab, lässt sich fallen. Sanft wie ein Kind im Arm der Mutter. Die schlanke Frau hat die Kraft, sein Gewicht zu übernehmen, ihn auf dem Steinboden zu betten.

„Simple Action“, das Stück der israelischen Choreografin Yasmeen Godder, spielt berührend mit dem Thema der Mutter Maria im Schmerz um ihren gekreuzigten Sohn. Das Bild der Pieta wird heraufbeschworen: Die Tänzerin wacht sitzend über den vor ihr liegenden Mann. Eine anrührende Symbolik geht von dieser Szene aus. Sie wird in der kommenden Stunde vielfach wiederholt. Jeder im Kreis wird gebeten, sich einem anderen anzuvertrauen. Nur wenige lehnen ab. Selbst ein alter Herr geht das Wagnis ein und lässt seinen Krückstock am Stuhl hängen. Er begibt sich in die Hände des jungen Mannes, spürt seine große Achtsamkeit und Zugewandtheit. Die Stille ist inzwischen einem sirenenhaften Gesang gewichen. Die am Rande sitzende Künstlerin Tomer Damsky schafft ein meditativ-sphärisches Klanggewand. Wie eine Hohepriesterin lässt sie mit ihrem dunkel gefärbten Obertongesang die Energie der Bedrohung und Achtsamkeit in den Raum aufsteigen. Sie hat das mittelalterliche Gedicht „Stabat mater“, das die Tränen der Mutter Jesu in ihrem Schmerz um den gekreuzigten Sohn in Worte fasst, neu vertont. „Ihre klagende Seele, betrübt und schmerzvoll, durchbohrte ein Schmerz“, heißt es in dem Text, dessen Verfasser unbekannt ist. In der Performance der Tänzer wird dieser Schmerz fühlbar, aber hier geht vor allem um die hoffnungsvolle Gewissheit, dass einer des anderen Last tragen kann.

Es gibt bei den Zuschauern auch die Scham, dass man mit hochgerutschtem kurzem Sommerkleidchen eine schlechte Figur auf dem Boden abgeben könnte. Am Ende ist aber wohl jeder mit sich zufrieden und erfüllt von dem Gefühl, sich auf das Wagnis des Fallenlassens eingelassen zu haben. Und den anderen auffangen zu können. Heidi Jäger

Miet Warlop: „Fruits of Labor“

Schon am Eintritt zu Miet Warlops Performance „Fruits of Labor“ schwante einem, was kommen könnte. Dort bekam man fürsorglich Ohrstöpsel in die Hand gedrückt. Erst einmal zeigte sich die Ruhe vor dem Sturm. Auf der Bühne die schwarz gekleideten Musiker mit dem Rücken zum Publikum, vor sich ihre mit weißen Tüchern verhüllten Drumkits. Die Chefin selbst dreht sich, mit einem Ganzkörperglitzeranzug bekleidet, minutenlang über der Szenerie wie eine Discospiegelkugel dazu. Dann steigt sie grinsend vom überdimensionierten Kubus herab und die Show beginnt. Es vibrieren und dröhnen die Schlagzeuge und E-Gitarren und man fühlt sich wie bei einem überlauten Rockkonzert. Crazy auch die von Warlop verfassten und zum Teil selbst vorgetragenen Songs von „Verdammte Blumen“, „Peinlich“ bis hin zu „Psychose in der Oper“.

Doch dieses Gefühl ändert sich bald. Die Musiker wuseln zwischen ihren Schlagzeugen hin und her und zeigen sich später auch als echte Dribbeltalente an künstlerisch gestalteten, schwarz-weißen Bällen. Als die Show, nach rasanter Stierkampfeinlage und einer Slapstick-artigen Kreuzigung, auf ihren Höhepunkt zurast, kommt, um alles ein wenig abzukühlen, jede Menge Wasser (von oben) und kiloweise weißes Pulver, das wie Trockeneis aussieht, hinzu. Und ein gebogener Wasserstrahl, der sich immer wieder neu verfärbt.

Und die „Früchte der Arbeit“? Das Publikum war zweigeteilt. Einige Zuschauer verließen vor Ende der Performance den Saal. Aus einer Ecke gab es begeisterte Bravorufe, von vielen anderen mindestens Hochachtung für das perfekt choreografierte Spektakel, das laut Programmzettel die Frage stellte, „ob es eine andere Alternative zur schmucklosen Realität als den Griff nach der Seele der Dinge gibt?“. Astrid Priebs-Tröger

Louis Vanhaverbeke: „Multiverse“

So chaotisch wie „Fruits of Labor“ endet, so geordnet beginnt „Multiverse“ von Louis Vanhaverbeke. Auf der ansonsten leeren Bühne im T-Werk sind fein säuberlich in einem kleinen Kreis Skateboards, jede Menge Plastik wie Gießkanne, Trichter, Blumensprüher und Werkzeugkasten sowie Vinylplatten, Turntables und Drumcomputer aufgestellt. Der sehr große, 30-jährige Performer kommt mit einem Bücherstapel auf die Bühne und rappt: „Wir suchen den Moment, der das Jetzt definiert. Wir suchen nach dem Sinn hinter praktisch allen Dingen, um die ganze Existenz zum Ausdruck zu bringen.“

So endet sein „Boxie“-Lied, und Vanhaverbeke spielt von nun an beinahe wie ein Kind assoziativ mit all dem Kram, den er da auf dem Boden angeordnet hat. Mal rennt er wie wild im Kreis, eine aufblasbare Plastikerde im Schlepptau, mal wischmoppt er mit Hingabe den Boden oder brät sich einen duftenden Eierkuchen. Dazwischen ist er immer wieder, mal im Schlafanzug, mal im sexy roten Herrenbadeanzug, sein eigener DJ.

Der sicht- und hörbar Multitalentierte, der Choreograf, Tänzer, Schauspieler und Musiker in einer Person ist, mixt Rap, Hip-Hop und Spoken Word. Vanhaverbeke tanzt und singt zu seinen Lieblingshits, sampelt, scratcht und vollführt perfekt getimte Stunts. So funktioniert er plötzlich einen roten Plastikkasten zur Unterhose um.

Virtuos bewegt er sich durch sein kleines Multiversum aus Wegwerfartikeln und entfesselt dabei spielerisch und doppelbödig einen Sturm aus Worten und Bildern. „Multiverse“ singt ein Loblied auf die Fantasie und die Kreativität des Einzelnen und ist zugleich Plädoyer für die Neubewertung der Dinge, die in unserer Wegwerfgesellschaft zunehmend wertlos erscheinen. Auch hier Standing Ovations eines Teils des Publikums, belohnt mit einer gesungenen Zugabe des Belgiers. Astrid Priebs-Tröger

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