25.06.2018, 21°C
  • 02.06.2018
  • von Steffi Pyanoe

Kunstvolle Heimatkunde in Potsdam: Kontrastprogramm

von Steffi Pyanoe

Foto: Andreas Klaer

Die Potsdamer Fotografin K. T. Blumberg zeigt in ihrem neuen Salon Bilder zum Thema „Heimatkunde“.

Potsdam - Manchmal glauben ihr die Leute nicht. Sie denken, ihre Bilder sind Fotomontagen. Bei mindestens einem der Bilder aus K. T. Blumbergs aktueller Ausstellung ist die Annahme durchaus nachvollziehbar. Mehrere Komponenten, die auf den ersten Blick wenig Berührungspunkte bieten, treffen hier aufeinander: ein Fitzelchen Riesenrad, das rote Dach einer Markthütte, ein Straßenschild und ein Kirchturm. Davor, mit denselben Umrissen, nur kleiner, die Spitze eines Weihnachtsbaums. Den Ausschnitt entdeckte K. T. Blumberg in Berlin Mitte: ein Weihnachtsmarkttag vor grauem Himmel. Menschenleer, aber fest verortet in einer Stadt und ihrem trüben Alltagszauber. Das Bild gehört zur Ausstellung „Heimatkunde“, in der die Potsdamer Fotografin von ihrer Sicht auf den derzeit inflationär verwendeten Begriff erzählt. „Die Menschen, die Politiker reden ständig von Heimat – aber was ist das?“, fragt die Fotografin.

Es ist die erste Ausstellung in ihrer neuen Galerie. „Blumberg: Fotokunst“ eröffnete Anfang Mai in der Jägerstraße. Bisher hatte sie ein Atelier im Rechenzentrum, jetzt möchte sie dichter ran an die Menschen, ihre Zielgruppe. Möchte die Fotokunst erlebbar machen. Die Stadt kann das vertragen, sagt Blumberg. „Es gibt in Potsdam zu wenig Fotokunst zu sehen. Dabei gibt es ja durchaus viele Fotografen. Aber die zeigen ihre Arbeiten nur sporadisch in Ausstellungen und danach verschwindet wieder alles.“ Ihre Erfahrung mit dem Potsdamer Publikum: „Die Leute sind interessiert und spontan und kommen gern einfach mal zum Schauen rein“, sagt die Fotografin.

Nur abbilden, reicht nicht

So soll es sein. Sie möchte mit den Menschen ins Gespräch kommen. Deshalb soll der kleine Laden auch Ort für Ausstellungen von Kollegen und für Werkstattgespräche sein. Am 1.Juli wird der Kölner Fotograf und Gastprofessor für Fotografie, Wolfgang Zurborn, zu Gast sein. Thema: „Vom Entstehen eines Fotobuchs“. Im September spricht der Potsdamer Fotograf Göran Gnaudschun über „Die Haltung des Fotografen.“

Ihre eigene Haltung beschreibt K.T. Blumberg so: Den Blick offenhalten und dem Betrachter Neues anbieten. Nur abbilden, was da ist, reicht ihr nicht. „Eine eindimensionale Abbildung wäre mir zu einfach. Dann wäre ich nur Chronistin oder Dokumentarin.“ Deshalb sucht und findet K. T. Blumberg Perspektiven oder Momente, in denen sie das vermeintlich nicht Zusammengehörige auf eine Bühne holt.

Was das Unterbewusstsein beim Sehen oft vorschnell separiert und kategorisiert, stellt sie zueinander in Beziehung. Passanten, die für Sekunden zufällig Nähe teilen, ein Schwarzer im Seidenanzug, ein Paar beim Shoppen, ein Mann in bayrischer Lederhose, erzählen dann plötzlich eine Geschichte, vollkommen flüchtig und doch von ewiger Gültigkeit. Denn K. T. Blumberg holte das Bild für ihre „Heimatkunde-Schau“ wieder hervor. Heimat, sagt sie, ist eben kein Ort. „Es kann so vieles sein, Musik, Familie, Kindheit. Menschen in jedem Fall.“ Ein Stück Heimat, für wen auch immer, steckt folglich auch in diesem großstädtischen Moment.

"Ich retuschiere nichts.“

Auf anderen Bildern vermischt sie Alt und Neu, moderne mit historischer Substanz. Die Skulptur des preußischen General Dessauer kombiniert sie mit der Fassade moderner Bankhäuser, einen antiken Speerträger stellt sie neben den Berliner Fernsehturm und die aufwändig kostümierte Folkloregruppe auf einer Bühne konkurriert mit einem modernen Werbe-Billboard. Ein Zusammenprall. „Die Realität ist vielschichtig und kontrastreich, das möchte ich einfangen“, sagt sie. „So, wie es ist, nicht romantisiert, nicht verklärt. Ich retuschiere nichts.“ Im Gegenteil. Das sogenannte Unschöne empfindet sie als willkommene Störung.

Indem sie sämtliche Komponenten im Bild scharf stellt, wirkt alles einerseits seltsam künstlich und konstruiert. Was es andererseits gar nicht ist. Das Auge muss verflixt aufpassen. Was das mit Heimat zu tun hat? Viel. Oder eben nichts. Vielleicht ist Heimat ja auch ein nicht zu begreifender Begriff, weil eben jeder was anderes darunter versteht. Und weil er sich ständig wandelt. In Beirut hat sie Ruinen fotografiert, im Hintergrund sieht man schon moderne Hochhäuser. In Berlin fotografierte sie genau an der Stelle, wo 1961 Menschen von Ost nach West flüchten. Heute macht hier ein Radfahrer auf der Wiese Pause. Ein besonderes Stück Heimatkunde.

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Blumberg Fotokunst, Jägerstraße 20, geöffnet Mittwoch bis Samstag 14 bis 18 Uhr

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