19.07.2018, 23°C
  • 31.05.2018
  • von Sarah Kugler

Filmgespräch in Potsdam: Spiel mit dem Kleeblatt

von Sarah Kugler

Regisseur Lars Kraume (M.) mit seinen Darstellern Leonard Scheicher (r.) und Tom Gramenz beim Filmdreh in der Neuen Berliner Straße des Studio Babelsberg. Foto: Manfred Thomas

Regisseur Lars Kraume stellte seinen Film "Das schweigende Klassenzimmer" im Filmmuseum Potsdam vor. Trotz Sommerwetter war der Saal fast ausgebucht.

Potsdam - Vierblättrige Kleeblätter sind selten. Deswegen klebt Theo einfach eins zusammen. Aus Spaß, um seine Freundin zu beeindrucken und weil ein bisschen Schummeln ja keinem wehtut. Zu der Erkenntnis, dass das nicht immer so stimmt, kommt Theo (Leonard Scheicher) erst nach und nach: in Lars Kraumes Film „Das schweigende Klassenzimmer“, den der Regisseur am Dienstagabend im Potsdamer Filmmuseum vorstellte.

Zu Beginn ist er ein unbedarfter Schüler kurz vor dem Abitur 1956 in Stalinstadt. Dann sieht er gemeinsam mit seinem Freund Kurt (Tom Gramenz) Bilder vom Ungarnaufstand in Budapest. Die Jungs beschließen, mit ihrer Klasse eine solidarische Schweigeminute abzuhalten. Doch die Aktion zieht größere Kreise als erwartet und schon bald ist die Zukunft der Schüler in Gefahr. „Das schweigende Klassenzimmer“ basiert auf den wahren, persönlichen Erlebnissen und der gleichnamigen Buchvorlage von Dietrich Garstka, einem der realen Schüler und feierte Premiere auf der diesjährigen Berlinale. 

Dreh im Studo Babelsberg

Einiges im Film ist fiktionalisiert: Neben den Figuren vor allem der Ort. Die wahre Vorlage spielte sich in Storkow ab, doch da die Stadt als Drehort nicht viel hergab, siedelte Kraume die Geschichte nach Stalinstadt um. Dort – im heutigen Eisenhüttenstadt – entstanden die meisten Aufnahmen. „Ich wollte diesen Look einer fortgeschrittenen Arbeiterstadt, und den habe ich dort gefunden.“ Ein paar Berlin-Szenen wurden in der Neuen Berliner Straße des Studios Babelsberg gedreht, einige Aufnahmen in Nikolskoe.

Eingefangen hat Kraume die verschiedenen Settings in - wie er selbst sagt - klassischen, konventionellen Bildern. Ein Film nach Lehrbuch quasi. „Ich habe das Filmvokabular benutzt, das man schon seit 100 Jahren benutzt, aber letztendlich gewinne ich dadurch ein großes Publikum.“ Die bewegten Zuschauer geben ihm dabei recht: Der Kinosaal war trotz Sommerwetter gut gefüllt, hier und da waren Schluchzer zu hören, es gab mehrere Wortmeldungen nach dem Film.

Herausragendes Darstellerensemble

Kraume versteht es, die bedrohliche Stimmung der Zeit abzubilden und vor allem mit den erwachsenen Nebenfiguren einen Querschnitt der DDR-Bevölkerung vorzustellen. Ein wenig bemüht wirken Figuren wie der harte SED-Funktionär, der angepasste Arbeiter-Familienvater und der fromme Pfarrer dann aber doch. Es wäre schön gewesen, tiefer in die einzelnen Figuren einzutauchen und damit auch mehr Hintergründe über die einzelnen Schüler zu erfahren. Was sie bewegt, was sie geprägt hat, all das deutet der Film nur an. Die ein oder andere dramatisierte Fiktion hätte es nicht gebraucht: Etwa den Amoklauf von Erik (Jonas Dassler) oder die Dreiecksliebesgeschichte mit Lena (Lena Klenke).

Ein tiefgehender Blick auf Theo hingegen, dessen Entwicklung laut Kraume der rote Faden von „Das schweigende Klassenzimmer“ sei, hätte dem Film gutgetan. Denn die Figur ist die wirkliche Stärke des Films. Nicht nur, weil Leonard Scheicher – wie überhaupt alle Jungdarsteller – herausragend spielt, sondern auch weil sie zeigt, wie sehr Politik und Gesellschaft einen jungen Menschen prägen können. 

Emotionale Wucht am Ende

Die Entscheidung Kraumes, den Film mit seiner Flucht aus der DDR enden zu lassen, ist genau richtig und verleiht ihm eine enorme emotionale Wucht. Weil in seinem finalen Blick genau das zu lesen ist, was Kraume beabsichtigt hat: „Am Ende ist er jemand, der zu seiner Meinung steht und nie wieder ein Kleeblatt zusammenklebt, um jemanden zu beeindrucken.“ 

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