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  • 21.05.2018
  • von Astrid Priebs-Tröger

Molière im Potsdamer T-Werk: Komödie geht immer

von Astrid Priebs-Tröger

Andreas Erfurth (l.) und Kai F. Schrickel. Foto: Philipp Plum/Neues Globe Theater

Das „Neue Globe Theater“ feierte im T-Werk die Premiere von Molières „Scapin“. Das Stück im Stück ist gewohnt kunterbunt inszeniert und nimmt sich selbst nicht zu ernst.

Potsdam - Es ist schon etwas los, bevor die Vorstellung überhaupt angefangen hat. Der Zuschauerraum des T-Werks wurde, nicht wie sonst üblich, erst kurz vor Beginn geöffnet. Sondern die Premierengäste, die am Pfingstwochenende die neue Produktion des „Neuen Globe Theaters“ sehen wollten, saßen schon eine Viertelstunde vorher auf ihren Plätzen. Und Andreas Erfurth, der in dem Molière-Stück „Die Streiche des Scapin“, den reichen Kaufmann Argante spielt, zog lautstark mit Bauchladen durchs gut gelaunte Publikum und bot das Programmheft und Künstlerpostkarten feil.

Es herrschte fast so etwas wie Volksfeststimmung und nicht nur dies erinnert daran, dass sich das „Neue Globe Theater“ selbst in der Tradition der fahrenden Schauspieltruppen - wie zu Shakespeares oder Molières Zeiten - sieht. Die agile Truppe um Andreas Erfurth und Kai Frederic Schrickel, kämpft als freie Theatergruppe indes mit fast den gleichen Problemen wie ihre berühmten Kollegen im 16. beziehungsweise 17. Jahrhundert.

Die Inszenierung in der Inszenierung

Sie braucht eigentlich kontinuierliche finanzielle Unterstützung, um ihre Produktionen vorzufinanzieren und sie muss als Theater ohne eigene Spielstätte eingeladen werden, um in anderen Häusern ihre Inszenierungen zu zeigen. Mit genau dieser Thematik beginnen auch „Die Streiche des Scapin“, die das „Neue Globe“ in einer Fassung von Peter Lotschak auf die Bühne bringt.

Molières berühmte Theatertruppe musste ihre angestammte Spielstätte verlassen und soll an einem anderem Ort für neues Publikum jetzt auch noch eine nagelneue Inszenierung aus dem Hut zaubern. Am selben Tag versteht sich! Doch das ist selbst den sturmerprobten Männern und Frauen um Molière zu viel – und sie meutern im „Vorspiel“ auf offener Bühne. Kaum ein Klischee wird in den spritzigen Dialogen ausgelassen, das Schauspieler als arbeitsscheues und ziemlich eitles Gesindel diffamiert. Auch die komplizierten Beziehungen zwischen ihnen werden subtil ins Lächerliche gezogen.

„Ohne Wenn und Aber!“

Doch als selbst den Zuschauern klar ist, dass weder die Personage noch die Zeit dafür reichen, das neueste Stück des Prinzipals einzustudieren, beschließt Molière - der imposant von Saro Emirze verkörpert wird - auf „Die Streiche des Scapin“ auszuweichen und diesen höchst selbst zu geben. Denn „Komödie geht immer“ und es wird gespielt „Ohne Wenn und Aber!“ – so seine überlebens-wichtige Devise. Eigenhändig wird die eben noch desolat erscheinende Guckkastenbühne mit routinierten Handgriffen hergerichtet und die meuternden Schauspieler schlüpfen – unter Androhung des wirtschaftlichen Untergangs - aus ihren prächtigen Privat-Roben und Perücken in die Kostüme und Rollen der Commedia dell'arte. Die stimmige Ausstattung besorgte wie schon in „Hamlet“ oder „König Lear“ Hannah Hamburger.

Die Hauptrolle spielt der gerissene und intrigante Diener Scapin. Er steht auf der Seite der jungen Liebenden, die nicht zueinander kommen dürfen, weil die Eltern andere Heiratspläne mit ihren Kindern haben. Scapin, der eine blühende Fantasie und ein ebenso schnelles wie freches Mundwerk besitzt, spinnt ein Netz von (Lügen-)Geschichten um alle handelnden Personen. Gezeigt wird, dass der, der das meiste Theater macht, (immer) am besten durchs Leben kommt. Emirze bleibt auch in der Rolle des Dieners Scapin der absolute Chef des Theaters und lässt alle anderen beinahe wie Marionetten in seiner Hand erscheinen.

Ein bisschen zu viel Klischee

Die Frauenrollen, verkörpert von Rike Joeinig und Petra Wolf, gerinnen der Entstehungszeit gemäß zum Klischee. Genauso wie die Rollen der jungen Liebhaber, die von Laurenz Wiegand und Dierk Prawdzik gegeben werden, bieten sie nicht wirklich Raum für individuelles Spiel. Da Vater-Sohn-Konflikte oder Herr-Knecht-Verhältnisse auch noch heutzutage ihre zerstörende Dynamik entfalten, ist man wirklich dankbar, als Scapin dem gierigen Schwerenöter Géronte - Kai Frederic Schrickel, der auch Regie führte - gehörig das Fell versohlen darf. Und auch der feig-freche Diener Silvestre, der von Alexander Jaschik verkörpert wird, zeigt wie alle anderen überbordende Spiellust.

Zum Schluss der Aufführung droht völliges Chaos, doch durch einen unerwarteten Zufall lösen sich alle Knoten. Die jungen Liebenden bekommen sich und die Alten müssen sich fügen. Besonders amüsant an der insgesamt kurzweiligen Inszenierung ist der Running Gag, der bereits im Vorspiel etabliert wurde. Aufgrund von Personalmangel, Zeit- und Geldnot entstehen in der laufenden Aufführung immer wieder Pannen. Wie die, dass die Souffleuse minutenlang ihren Einsatz verpasst oder nicht als Amme auftreten kann, weil sie gerade soufflieren muss. Bleibt zu hoffen, dass das „Neue Globe Theater“ niemals in solche Situationen gerät und ihr „Scapin“ genauso wie einst der des Molière zum Kassenschlager wird.

Weitere Aufführungen im T-Werk in der Schiffbauergasse am 21. Mai um 20 Uhr sowie vom 13. bis 16. August während der Schirrhofnächte in Potsdam

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