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  • 12.04.2018
  • von Peter Buske

Nikolaisaal Potsdam: Hektik statt Poesie

von Peter Buske

Das Cairo Symphony Orchestra im Nikolaisaal

Sie haben einen Traum, den viele Musiker träumen: Menschen ohne musikalische Vorbildung den Zugang zu klassischer Musik zu ermöglichen. Nicht ungewöhnlich. Doch im muslimisch geprägten Ägypten schon. Und so sind Konzerte für Schulkinder und Familien, geistliche Konzerte oder Komponistenjubiläen ein fester Bestandteil des 1959 gegründeten Cairo Symphony Orchestra. Geprägt wurde es besonders von Ahmed El Saedi, der es von 1991 bis 2003 und wieder ab Spielzeit 2014/2015 durch die Weiten des europäisch orientierten Klanguniversums führt. Doch hat das Land am Nil auch kompositorische Eigengewächse hervorgebracht, die hier kaum einer kennen dürfte.

Die einmalige Chance zum Schließen diesbezüglicher Wissenslücken wurde beim Auftritt des Cairo Symphony Orchestra am Dienstag im Nikolaisaal leider vertan, denn die einleitend musizierte Passacaglia für großes Orchester des Ahmed El Saedi aus dem Jahr 2011 erweist sich in ihrer okzidentalen Ausrichtung eher als Mogelpackung denn als orientalisches Klangleckerli. Nach pfeilscharf geblasenen Trompetensignalen stellt sich das Thema in den Bässen vor, danach gesellen sich Instrumente ihn hoher Lage hinzu, was zur Verdichtung des musikalischen Geflechts und zur rhythmischen Beschleunigung führt. Die Folge: ein betont brillantes Musizieren, bei dem die Stimmungen ständig wechseln. Ein ruhiges Klarinettensolo findet sich auf aufgeregtem Klangteppich wieder, während Filigranes von grellen Röhrenglockenklängen abgelöst wird.

Danach bekommt das nicht gerade zahlreich erschienene Publikum eine Melange aus bekannten Werken geboten. Allerdings in mehr als merkwürdigen Deutungen durch den Dirigenten, die nicht immer konform mit den Intentionen der Komponisten sind. Den Solopart von Camille Saint-Saëns’ „Introduction et Rondo capriccioso“ für Violine und Orchester op. 28 bewältigt die 15-jährige Salma Serour mit vorzüglicher Bogentechnik. Ihr warmer Geigenton verbreitet in der Einleitung südländisches Flair, um im Rondo verführerische Sinnlichkeit zu erzeugen und virtuose Saitenkoketterie vorzuführen. Das Orchester beschränkt sich dabei auf kurze Überleitungen und dient eigentlich nur als überlautstarker Stichwortgeber. In ihrer Zugabe von Paganinis berühmtem a-Moll-Capriccio bietet die Solistin Saitenakrobatik pur, ist dabei allerdings nicht vor unsauberer Intonation gefeit. Total „in die Hosen“ geht dagegen die Harakiri-Wiedergabe von Beethovens Chorfantasie op. 80. Deren einleitende, wie improvisiert wirkende Klaviervariationen werden von Yasser Mokhtas mit hartem Anschlag und geradezu brachialer Gewalt exekutiert. Hämmernd und undifferenziert, fern jeglicher Gefühlsintentionen zieht der Pianist seine Bahn. Im Zusammenspiel mit dem Orchester wird es nicht besser. Schließlich fällt dem Fortefortissimo-Wahn des Dirigenten auch das Können der Potsdamer Singakademie zum Opfer. Die Choristen müssen die Ode „Schmeichelnd hold und lieblich klingen“ von Christoph Kuffner so forcierend vortragen, dass man vom Text kaum etwas versteht und die Stimmen nur noch schroff und grell klingen. Unter dem „Hektik statt Poesie“-Diktat des Dirigenten leiden sowohl Dvoraks Slawischen Tänze als auch Rimsky-Korsakows klangfarbenzauberisches „Capriccio espagnol“: dynamisch in den selbstmörderischen Wahnsinn getrieben. 

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