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  • 09.04.2018
  • von Heidi Jäger

Potsdamer Jugendbuch: Zurück in den gepuderten Barock

von Heidi Jäger

Caroline Flüh

Die Potsdamer Autorin Caroline Flüh hat mit ihrem Jugendbuch „Drama an der Hofoper“ ihre historische Roman-Trilogie abgeschlossen. Jetzt geht es ans Königliche Opernhaus und in die Schlacht Montezumas

Es ist eine turbulente Zeitreise: mit Herz und Schmerz und königlicher Willkür. Sie führt zurück in das Jahr 1755 an den Hof Friedrich des Großen. Dorthin hat es die beiden Potsdamer Mädchen Emma und Leonie zurückverschlagen. In eine mit gespreizter Etikette gepuderte adlige Welt. Standesdünkel und Intrigen treffen auf frohgemute Künstlernaturen aus Italien, die sich der König an den Hof geholt hat. Doch vor diesem körperlich kleinen König machen auch sie einen tiefen Knicks. Hier gibt es keine Widerworte, keinen Dialog auf Augenhöhe: Monarchie ist anstrengend und kann sogar Liebe töten. Diese bittere Erfahrung muss Emma machen, die sich in den schönen Jüngling Johann, den kostümzaubernden Posamentierlehrling aus ferner Zeit verliebt hat und den ihr der König am Ende ausspannt.

Grenzen sprengen: Das möchte Caroline Flüh, die schreibende Expertin für Brücken zurück in die Barockzeit. „Drama an der Hofoper“ ist ihr dritter Band einer historischen Roman-Trilogie, die sich nahe an den Fakten durch Potsdams und nun auch Berliner Gefilde bewegt. Nachdem sie das bitterarme Leben am Militärwaisenhaus erkundet und das höfische Reiterspektakel Carrousel eingehend inspiziert hat, entführt sie ihre älter gewordenen Leser nun in die Kulissen der Königlichen Hofoper Unter den Linden Berlins.

Dort wird gerade „Montezuma“ geprobt. Wir schreiben den 5. Januar und es ist bitterkalt. Övchen müssen herbei getragen werden. Doch die Premiere ist gefährdet. Paolino, einer der begnadeten italienischen Hofsänger, kränkelt und hält sich mit Opium über Wasser. Als man ihn vor dem Stimmbruch zum Kastraten zurechtschnitt, ging nicht alles glatt. Nun leidet er an der schlecht verheilten Wunde. Auch dieses illegal praktizierte Kastrieren ist ein Thema, das in die detailverliebte Geschichte hineinreicht. Und natürlich immer wieder die blutjunge Liebe zwischen alten Kulissen. Da geht es manchmal gern auch etwas schwulstig zu. Das ist der Stoff, der die akribisch erforschte Königsgeschichte ins Heute trägt. Und wohl auch den acht Juniorlektoren gefiel, die der Autorin zur Seite standen. Fast 400 Seiten prüften sie auf Spannung. Ihre Hinweise nahm die Potsdamer Autorin sehr ernst. Ebenso den Kennerblick der Historiker, die ihr den Zugang in die barocke Bühnenwelt öffneten. Die Autorin, die mit Mann und zwei Töchtern 1997 aus einem Dorf bei Stuttgart nach Potsdam zog, recherchierte gründlich. Sie kam mit der Kammerakademie Potsdam ins Gespräch, die die Friedrich-Oper „Montezuma“ 2011 im Schlosstheater im Neuen Palais aufführten. „Vor allem Rita Herzog, die Cembalistin, hat mir ganz viel über die Musik der Zeit erzählt. Ebenso wie Carola Gerbert vom Hans Otto Theater, und der Regisseur Caspar von Erffa.“ Sie fuhr ins schwedische Gripsholm und nach Drottingholms und sah sich auch dort die Opernhäuser an. Sie wollte wissen, wie die Bühnenmaschinerie genau funktionierte. Zum Thema Kastraten befragte sie den Potsdamer Urologen Steffen Wagnitz. Material anhäufen, so viel wie irgend möglich, und dann runterbrechen, dass es leichtfüßig wird. Das war ihre Maxime. „Es ging immer wieder ums Abspecken. Aber auch um größtmögliche Authentizität.“

Über die Oper „Montezuma“ und damit auch über Friedrich entdeckte sie im Musikinstrumentenmuseum Berlin Material in Fülle, und es wurde offensichtlich, wie der König in jede Note hinein regierte. Die Errichtung des Opernhauses und dessen künstlerische Prägung bestimmte der König höchstselbst mit. Er komponierte Opernarien, verfasste Libretti, so auch für „Montezuma“. Sein Text wird heute als Rechtfertigung für den Einstieg in den siebenjährigen Krieg angesehen, der ein Jahr später begann. 1756 fiel der Preußenkönig in Sachsen ein. In „Montezuma“ führt er eindringlich vor, was mit einem Herrscher geschieht, der fremden Armeen freundlich gegenübertritt. Caroline Flüh war es wichtig, dieses absolutistische Herrschen vorzuführen; ein Bild zu malen, das für jedes demokratische Verständnis heute eine Ohrfeige ist. Auch für Emma und Leonie. Der aufgeklärte Geist im Königskorsett. Das alles erzählt diese Zeitreise, die am Ende deutlich an Fahrt gewinnt: die Dramen hinter der Bühne.

Premiere hatte der Roman bei der Leipziger Buchmesse. „Dort amüsierten sich die Gäste ganz königlich“, sagt Caroline Flüh. Der Potsdam-Auftakt ist am 29. Mai um 15 Uhr im Friedenssaal der Stiftung Großes Waisenhaus: auch dort als szenische Lesung mit den HOT-Schaupielern Zora Klostermann und Friedemann Eckert und dem Sänger Sören Richter. Caroline Flüh hofft, dass sich daraus Projekte mit der Kammerakademie Potsdam und der Voltaireschule als Kooperationspartner entwickeln. Ihr Buch als „Agentur“ für Zeitreisen. 

— Caroline Flüh:Drama an der Hofoper. Colonie Verlag Potsdam, 400 Seiten, mit Illustrationen von Anne Bernhardi, ab zwölf Jahren, 16,80 Euro .

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