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  • 12.03.2018
  • von Vion Astrid Priebs-Tröger

Der Beat des Lebens

von Vion Astrid Priebs-Tröger

Elektrisierend. Die kanadische Kompanie Radical System Art gastierte am Freitagabend mit ihrem Stück „Telemetry“ erstmals in Potsdam – und erntete nicht enden wollenden Beifall. Nach einem Zwischenstopp in Aachen ist dies erst der zweite Auftritt der Newcomer aus Vancover in Europa. Foto: Andreas Klaer

„Telemetry“: Der kanadische Choreograf Shay Kuebler gastierte erstmals in Europa – auch in der fabrik

Der Beifall wollte kaum enden am Freitagabend, nachdem die kanadische Company Radical System Art aus Vancouver mit „Telemetry“ das Publikum in der fabrik elektrisiert hatte. Allen voran der grandiose Stepptänzer Danny Nielsen, der seine sieben Mittänzer und auch das Dutzend Scheinwerfer rund um die weiße kreisrunde Tanzfläche sechzig Minuten lang buchstäblich unter Strom setzte.

Kanada und Frankreich sind die Länder, mit denen die fabrik seit mehr als zwanzig Jahren die engsten und nachhaltigsten Kontakte im zeitgenössischen Tanz aufgebaut hat, sagt Sven Till, der Leiter der fabrik. Shay Kuebler haben die Potsdamer über den Produzenten und Tourmanager Brent Belsher kennengelernt. Dieser betreute bereits die Company Kidd Pivot und die fantastische Rubberbandance Group, die während der Tanztage 2017 im Hans Otto Theater gefeiert wurde, auf ihren Tourneen nach Potsdam.

Der Kanadier Shay Kuebler war kürzlich über das „Schrittmacherfestival“ Aachen nach Deutschland eingeladen worden und die fabrik wollte sich die Chance nicht entgehen lassen, diesen hierzulande noch wenig bekannten jungen Choreografen auf seiner ersten Europa-Tournee zu präsentieren, gleich zum Saisonauftakt. Dieses Konzept ist glänzend aufgegangen.

„Telemetry“, das nach einem zweijährigen Prozess 2016 zur Premiere kam, verwendet moderne Technologien auf eine besondere Art und Weise. Diese Choreografie ist ein automatisierter Kommunikationsprozess, bei dem Wellen gesammelt und an Empfangsgeräte übertragen werden. „Nielsen trägt zwei drahtlose Mikrofone an seinen Schuhen und steuert die Beleuchtung mit einer Infrarotkamera, die verfolgt, wo sich sein Körper bewegt“, sagte der Choreograf Shay Kuebler in einem Zeitungsinterview. „Wir haben Mikrowürfel, kleine quadratische LEDs um den Boden herum, und wenn er schnell tippt, ist das wie Stroboskoplicht.“

Ganz zu Beginn kommt der baumlange Tänzer betont lässig auf die Bühne. Noch deutet nichts darauf hin, dass er kurz darauf ein energetisches Feuerwerk abbrennen wird. Doch dann beginnt er mit den ersten typischen Stepp-Schritten und erzeugt mit seinen Schuhen die bekannten Perkussionen, die beim Stepptanz entstehen, und schon dies fährt einem buchstäblich in die Glieder.

„Telemetry“ basiert auf der Theorie, dass der menschliche Körper Klang, Energie und Emotion empfängt und sendet, sowie instinktiv äußere Impulse in physische Reaktionen verwandelt. Und als Danny Nielsen zu „senden“ beginnt, wird das nicht nur auf die rundherum flackernden Scheinwerfer, sondern auch auf die ungemein artistischen und sehr präsenten Tänzerinnen und Tänzer übertragen.

Anfangs schlaglichtartig, denn im auf- und abschwellenden Licht der einzigen hin und her schwingenden Deckenlampe bewegen sich die drei Frauen und vier Männer einzeln in den magischen weißen Kreis und verschwinden genauso schnell wieder, wie sie gekommen sind. Doch auch zwischen ihnen entstehen Resonanzen, und nach und nach sogar „Netzwerke“, die auch am Boden durch die Video-Projektionen von Eric Chad und Remy Sin sichtbar gemacht werden.

In diesem komplexen, flimmernden Schauspiel aus einer originellen Mischung aus zeitgenössischem Tanz, Swing, Stepptanz und Bebop, das Kuebler zu einem soghaften Crescendo steigert, bringt jeder Tänzer – auch und vor allem in der Gruppe – seine Individualität ein. Feuer, Coolness, Lockerheit, Anspannung, Athletik, Euphorie und Weichheit ergänzen einander.

Und während der ausdauernd von „außen“ Impulse sendende Stepptänzer immer wieder die ganze Gruppe energetisiert, entsteht so tänzerisch ein wunderbares Gleichnis auf das Leben. Nicht nur menschliches, denn die Tänzer könnten auch Pflanzen oder Tiere verkörpern, die im kräftigen Beat des Lebens schwingen. Jede und jeder tanzt das Gleiche, und doch ist es niemals dasselbe. Und es tut so gut, dies auf der Bühne zu sehen: Denn gerade die kleinen Abweichungen sind es, die das Ganze so lebendig, so organisch machen.

Viele der choreografischen Arbeiten aus Vancouver zeichnen sich, so Sven Till, insbesondere durch ihre starke Verbindung zu Komponisten und Musikern aus dem Independant- und Jazzbereich aus. In „Telemetry“ passiert alles zu Klängen von BadBadNotGood, einer Band aus Toronto, die bekannt ist für ihre Interpretationen von Hip-Hop-Tracks. Zu hören ist auch Floating Points, der englische Elektromusiker und Neurowissenschaftler, der mit bürgerlichem Namen Sam Shepard heißt.

Man darf gespannt darauf sein, wohin sich der aufstrebende junge Choreograf Shay Kuebler künftig entwickelt. Sein erster Auftritt in Potsdam machte unbedingt Lust darauf, mehr von ihm zu sehen. Die Beziehungen zu Kanada werden auch 2018 von der fabrik gepflegt und ausgebaut. Der Fokus Kanada bei den Tanztagen 2017 wird in diesem Jahr mit dem Studio Quebec fortgesetzt. Und Ende Mai zeigt Sylvain Émard aus Montréal dann unter Beteiligung von Hunderten von Potsdamern den diesjährigen Festival-Prolog „Le Grand Continental“.

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