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  • 05.03.2018

Kultur in Potsdam: Die deutsche Ferrante war bei Wist

Foto: dpa/Privat/Suhrkamp

Karin Krieger übersetzte die Neapel-Saga von Elena Ferrante und sprach in Potsdam darüber

Karin Krieger wehrt derzeit jegliche Interviewanfragen ab. Doch man gönnt sie ihr, die Ruhe, nach der Mammutarbeit, die hinter ihr liegt. Und nach dem Rummel in den vergangenen zwei Jahren, der selbst sie erfasste – als deutsche Stimme der Elena Ferrante. Jener italienischen Autorin, die seit 25 Jahren unter Pseudonym schreibt, aber mit dem ersten Buch ihrer Neapel-Saga „Meine geniale Freundin“ einen derart großen Erfolg hatte, der sie bald die Anonymität kostete.

Inzwischen hat Karin Krieger mehr als 2000 Seiten von Ferrantes Roman-Tetralogie übersetzt. Der vierte und abschließende Band „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ ist soeben erschienen und Karin Krieger war deswegen am Montagabend zu Gast bei Carsten Wist in seinem Literaturladen.

Krieger flog extra nach Neapel

Elena Ferrantes Bücher um die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Mädchen in einem der ärmsten Viertel Neapels seit den 1950er Jahren gilt in der Literaturwelt als eines der erstaunlichsten Projekte des 21. Jahrhunderts. Denn sie fächert darin ein gigantisches Panorama des Italiens der Nachkriegszeit auf, mit allem, was dazu gehört: Familie und Camorra, Korruption und Kleinkriege, Ehen und Scheidungen, der Kampf der Frauen um mehr Rechte, mehr Freiheit und vor allem mehr Bildung.

So erstaunlich wie das Werk Ferrantes ist auch die Arbeit der Karin Krieger. Um Ferrante zu übersetzen, habe sie sich nochmal Vittorio de Sicas Filme aus den 50er Jahren angeschaut, erzählte sie einem Journalisten. Und sie ist nach Neapel geflogen, „um das Grundgefühl dieser Stadt am eigenen Leib zu erfahren“. Es hat sich gelohnt: Wie sie die Atmosphäre Siziliens ins Deutsche bringt, aber auch den Rhythmus der Ferrante, ist großartig und erschafft einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.

Das Wörterbuch ist ihr höchstes Gut

Seit gut 30 Jahren übersetzt Karin Krieger Literatur, penibel in der Recherche und mit feinem Sprachgefühl. Ihr größtes Gut sei der Sansoni, erzählte sie, ein deutsch-italienisches Wörterbuch, das sie über Jahrzehnte hinweg gehegt hat, handschriftlich ergänzt mit Synonymen, Bedeutungen, Formulierungen.

Eigentlich wollte die gebürtige Ostberlinerin, die heute in Pankow lebt, Englisch studieren, doch in der DDR wies man ihr Italienisch und Französisch zu. So hat sie also Autoren aus diesen Sprachen übersetzt: die Werke von Alessandro Baricco etwa, Margaret Mazzantini oder Françoise Mallet-Joris. Für ihre Übersetzertätigkeit erhielt sie 2011 den vom Verband deutschsprachiger Übersetzer VdÜ gestifteten Hieronymusring.

100 Seiten im Monat

Etwa 100 Seiten schafft eine Übersetzerin wie Karin Krieger im Monat. Denn so gründlich zu arbeiten kostet Zeit. Geld gibt es dafür meist wenig, zu wenig. Deswegen kämpfte Krieger vor knapp zwanzig Jahren gegen den Piper-Verlag für mehr Honorar. Sie bestand darauf, mit Verweis auf den sogenannten Bestseller-Paragraphen am deutschen Erfolg von Baricco teilzuhaben und stellte Nachforderungen, doch der Verlag wollte Kriegers Übersetzungen aus dem Verkehr ziehen und ließ Werke Bariccos neu übersetzen. Bis vor den Bundesgerichtshof zog Krieger damals und bekam Recht, also Geld, und noch wichtiger: ihre Übersetzungen haben Bestand. giw

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