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  • 12.02.2018
  • von Lena Schneider

Kultur in Potsdam: Szenen einer Freundschaft

von Lena Schneider

Innovativ und mutig. 1985 fand in der Potsdamer Nikolaikirche ein Friedensfest statt, ein großes Kunstereignis. Unter der Kuppel hingen Manifeste einer Kunst, die sich dem Dogma des sozialistischen Realismus widersetzten. Der Potsdamer Kunstverein hat jüngst eine Publikation vorgelegt, die die Kunstaktion erstmals dokumentiert. Fotos: Hüneke

Kunstwissenschaftler Andreas Hüneke und die Künstler Frieder Heinze und Olaf Wegewitz kennen sich seit 40 Jahren. Eine Publikation und zwei Künstlerbücher dokumentieren, was sie verbindet.

Mut? Wer weiß schon, was das heißt, sagt Andreas Hüneke. Ob zum Beispiel Mut dazu gehörte, im Jahr 1985 in der Potsdamer Nikolaikirche ein Friedensfest mit zu organisieren, vermag der Kunsthistoriker heute nicht mehr zu sagen. Die Frage stellte sich damals nicht. Man tat, was getan werden musste, so einfach klingt das bei ihm. Wirklichen Mut, sagt er, brauchte es später vielleicht, im September 1989, als sich das Neue Forum gründete. Als Paare sich einigten, dass nur ein Teil den Gründungsaufruf unterzeichnete – damit im Falle einer Verhaftung noch jemand bei den Kindern bleibt. Andreas Hüneke und seine Frau Saskia unterzeichneten beide.

Der Potsdamer Kunstverein, dem Hüneke vorsteht, widmet sich den Stimmungen und Fragen der DDR der 1980er Jahre gerade in geballter Intensität: eine Publikation, zwei Künstlerbücher, eine kleine Ausstellung. Eine Hauptrolle spielen in allen dreien die Leipziger Künstler Frieder Heinze (Jahrgang 1950) und Olaf Wegewitz (Jahrgang 1949).

Hüneke (Jahrgang 1944) kennt die beiden seit Mitte der 1970er Jahre, seit dem Verbot einer gemeinsam geplanten Ausstellung. In der Galerie Marktschlösschen in Halle war das, die Galerie gehörte zu der Staatlichen Galerie Moritzburg, bei der Hüneke angestellt war. Eines Morgens kommt Andreas Hüneke damals kurz vor Eröffnung der Schau in die Galerie und findet die Bilder zur Wand gedreht vor. Er ist zornig, reicht seine Kündigung ein, zieht sie wieder zurück. Ende des Jahres 1977 verlässt er doch seinen Posten, seitdem arbeitet er frei. Dabei ist es geblieben.

„So was schweißt natürlich zusammen“, sagt Hüneke heute. Nach dem Verbot der Ausstellung stellt er 1979 als freier Kurator eine Ausstellung im Schloss Mosigkau auf die Beine – die erste größere Ausstellung zu Objektkunst in der DDR überhaupt, wie er sagt. Auch Frieder Heinze und Olaf Wegewitz sind dabei. Der Katalog darf nicht gedruckt werden. Hüneke sagt das gelassen. „Wir hatten immer irgendwelche Projekte“, sagt er. „Man hat damit gerechnet, dass manches nicht klappt.“

Entmutigen konnten solche Rückschläge ihn nicht. Auch das Friedensfest im Jahr 1985 in der Nikolaikirche war so ein „Projekt“. Eins, das klappte. Der Potsdamer Kunstverein hat jüngst unter der Ägide von Andreas Hüneke eine Publikation vorgelegt, die die Kunstaktion erstmals dokumentiert.

Christoph Tannert, Kurator der DDR-Kunstschau „Gegenstimmen“ im Martin-Gropius-Bau, bezeichnete die Aktion im Nachhinein als „das auf lange Sicht innovativste Kunstereignis der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg.“ Mit dem 36 Seiten starken Heft möchte Hüneke die Bedeutung dieses Festes jetzt würdigen – und auch ein paar Details gerade rücken. Denn nicht er habe das Fest damals organisiert, wie es oft heißt, sondern der Astrophysiker Rudolf Tschäpe. Er, Hüneke, kam erst dazu, als die Durchführung kurz bevorstand und der Gemeindekirchenrat angesichts des künstlerischen Großvorhabens „kalte Füße bekam“, wie Hüneke es nennt. Die Kirche äußerte Zweifel an der Frömmigkeit der geladenen Künstler. Der Pfarrerssohn Andreas Hüneke hatte Theologie studiert, er sollte die Kirchenoberen umstimmen. Wie, kann man in der Publikation nachlesen. „Die neue Kunst ist ein mühsames Suchen, ein Wagen des Unvorhersehbaren“, schrieb er. „Auch der christliche Glaube ist, wenn er echt ist, immer ein Wagnis.“ Das Fest durfte stattfinden.

Die damals beteiligten Künstler waren Hans-Hendrik Grimmling, Dietrich Oltmanns – und wieder auch Frieder Heinze und Olaf Wegewitz. Beide waren wie Grimmling im Jahr zuvor an der Gründung des legendären 1. Leipziger Herbstsalons beteiligt gewesen. Der erste Leipziger Herbstsalon war auch der letzte, eine Fortsetzung verboten. Nichtsdestotrotz hingen in Potsdam jetzt, auf 15 Meter hohen Bildflächen, aufgespannt an einem ausgeklügelten System von Drahtseilen, ihre Bilder unter der riesigen Kuppel der Nikolaikirche. Unübersehbare Manifeste einer Kunst, die dem Dogma des sozialistischen Realismus kaum ferner sein könnte. Der Potsdamer Grafiker Manfred Butzmann stellte zudem Plakate aus. Ein in der Publikation enthaltener Tagebuchauszug von Butzmann gibt Auskunft, wie er das Fest erinnert: „Ab 18 Uhr Friedensfest – aber etwas zu fest geraten! Hüneke spricht didaktisch über unsere Arbeiten.“ Ein Kommentar, der Hüneke heute wenig behagt – und den er dennoch in der Publikation vorkommen lässt, gerade deswegen. Denn gerade um die Frage, wie unterschiedlich Vergangenes erinnert werden kann, geht es ihm.

Wegewitz und Heinze hatten zur Zeit des Friedensfestes bereits einige Jahre an dem aufwändigen Künstlerbuch „Unaulutu“ gearbeitet, das 1986 erschien. Ein künstlerischer Dialog zwischen zwei Malern, die sich auf den „Primitivismus“ und die Klassische Moderne bezogen. Eine Auseinandersetzung mit indigener Kunst – und ein in den 1980er Jahren in der DDR nicht selten genutzter Kniff, um an der Zensur vorbei zu veröffentlichen. Textveröffentlichungen mussten in jedem Fall genehmigt werden, grafische Gestaltungen wie diese in geringer Auflage nicht.

Etwas Ähnliches wollten die beiden Künstler auch gemeinsam mit Andreas Hüneke angehen. Die Idee: gemeinsam ein Buch machen. Aber unabhängig voneinander, ohne Absprache, ohne Korrektiv, ohne künstlerische Einschränkung. Was da entstand, war, anders als „Unaulutu“, ein Unikat. Jeder der drei Beteiligten schuf erste Zeichnungen, Skizzen, Collagen. Dann vergaß man das Vorhaben, es wurde von anderem überlagert. Der Mauerfall kam dazwischen.

Erst 2016 fand Olaf Wegewitz das begonnene Kollektivwerk wieder. Er schickte es nach Potsdam zu Hüneke, wo sich ein weiteres Buch dieser Art befand. Beide wanderten per Post vom einen zum nächsten, wurden ergänzt, übermalt, wuchsen. Jetzt kann man die beiden Bücher, umrahmt von aktuellen Arbeiten der drei, in der Guten Stube des Potsdamer Kunstvereins ansehen: „3fach“ und „Erinnerungen“. Zwei etwa 130 Seiten starke, selbst gebundene Bücher, die in Fragmenten drei Leben umspannen – mindestens. Wer genau hinschaut, findet Spuren zweier Staaten darin, einer von ihnen untergegangen. Findet Wut, Witz, Trauer. Findet, in „Erinnerung“, Reminiszenzen an Verstorbene, an Fotis Zaprasis und Squaw Hildegard Rose etwa, an Harry Mohr, Christian Roehl, Günter Hornig.

Wenn Hüneke heute auf die Bücher schaut, weiß er manchmal selbst kaum zu sagen, wer was gemacht hat. Oft stammen die figürlichen, spielerischen, frohgemuten Zeichnungen von Heinze, der starke Farbauftrag von Wegewitz, und Kommentare in Form von Skizzen, Worten, Collagen von Hüneke. Aber nicht immer. Es gehört zur Kraft dieser Dokumente, dass die drei Handschriften in einander verwoben sind – und mit einander spielen. Wo vorn eine starke Kontur von Wegewitz prangt, nimmt Hüneke auf der Rückseite die durchscheinenden Linien auf und macht daraus eine Pferdeflanke. Ein Jahrzehnte und Zeitenwenden überdauernder Dialog, der keine Worte braucht, keine Normen, keine Wertung. Gibt es ein besseres Bild für das, was Freundschaft kann?

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