17.07.2018, 27°C
  • 18.12.2017
  • von Peter Buske

Affektgeladen, akzentuiert, atemberaubend

von Peter Buske

Julia Lezhneva & und Ensemble fesselten die Zuhörer im Nikolaisaal

Wer sich noch daran erinnern kann, wie begeisternd koloraturenrasant sie bei ihrem Auftritt bei den Musikfestspielen 2012 sich in den Klängen des 17./18. Jahrhunderts sicht- und hörbar wohlfühlte, wird überrascht gewesen sein, wie sich die Stimme der russischen Sopranistin Julia Lezhneva verändert hat. Sie ist voluminöser, runder, ausdrucksintensiver, kurzum: „erwachsener“ geworden.

Dem Genre ist sie seither treu geblieben. Und so begeisterte sie ihr Publikum im Nikolaisaal erneut mit virtuosen Vokalpreziosen, hauptsächlich aus der Feder von Carl Heinrich Graun, Georg Friedrich Händel und Antonio Vivaldi. Ihr zur Seite das vom Geiger, Dirigenten und Countertenor Dmitri Sinkovsky 2011 gegründete und seither geleitete Alte-Musik-Ensemble „La voce strumentale“ aus Russland. Allesamt sind sie Spezialisten der historisch informierten Spielweise, vertrauen ganz auf die klanglichen Vorteile ihrer darmsaitenbespannten Streichinstrumente. Natürlich spielen sie vibratolos, meiden dabei aber jede Versuchung zu grillenzirpeliger oder schärflicher Tongebung, lieben stattdessen in ihrem Spiel eine seelenerwärmende Natürlichkeit. Und riskieren nicht zuletzt bei aller temporasanten und draufgängerischen Fahrt auf der strada antiqua neugierige Notenblicke, suchen und finden detailreiche Ruhepunkte und kontrastberstende Abwechslungen. Kurzum: Ihr Musizieren fesselt vom ersten Takt an!

Vollmundiger Streicherklang bestimmt die Wiedergabe des B-Dur-Concerto grosso „per il Sign. Pisendel“ von Georg Philipp Telemann, das er dem berühmten Dresdner Violinvirtuosen maßgeschneidert hat. Gleichsam als „Empfänger“ des virtuosen Werkes versteht es Sinkovsky, den höchsten Anforderungen an die Gestaltung der Solopassagen zu entsprechen. Akzentuiert, straff phrasiert entsteht ein unaufhörlich vorwärtsdrängender Sog. Dabei fühlt er sich als Primus inter pares, feuert seine Mitgeigerinnen im direkten Blickkontakt an, setzt im terrassendynamischen Tutti auf eine gewisse Robustheit. Ähnlich lebendig, voller Ausdrucksintensität und kammermusikalischer Raffinessen spielt er den Solopart in Vivaldis d-Moll-Violinkonzert. Schnell nimmt er die Ecksätze und verströmt im Largo-Satz eine wahrlich zu Herzen gehende Intimität. Für nicht weniger Begeisterung sorgt der in Lugano geborene Lautenist Luca Pianca, der Vivaldis entsprechendes affektgeladenes D-Dur-Concerto mit stilkundiger Fingerfertigkeit vorträgt. Dabei trifft auch er die empfindsame, wehmütig-lyrische Stimmung eines Largo ganz vorzüglich.

Nicht weniger vortrefflich und mühelos meistert Julia Lezhneva die technisch höchst anspruchsvollen vokalartistischen Attraktionen gleich einer Hochseiltänzerin, allerdings ohne doppelten Boden. In den metaphernreichen und affektberstenden, mit den raffiniertesten Verzierungen aufwartenden und perfekt gesungenen Arien aus diversen Seria-Opern zieht sie alle Register ihres stupenden Könnens. Dabei meidet sie jegliche theatralische Effekthascherei, stellt dagegen konzentriert die Stimme in den Mittelpunkt eines Hör-Erlebnisses.

Doch bei aller furiosen Raserei, Todeserwartung, seelischer Meeressturm-Betrachtung: nicht immer verstehen die Klänge auch das Herz zu rühren. Nach der Pause dann wird ihr Singen farben- und wandlungsreicher, um schließlich in der Arie der Schönheit aus dem Händel-Oratorium „Il trionfo del tempo e del disinganno“ jenen ergreifenden Ausdruck zu finden, der das Herz dann tatsächlich zu rühren versteht.

Vier Zugaben, darunter ein Händel-Duett mit den singenden Dirigenten und die nur von der Laute begleitete Arie „Lascio ch‘io pianga“, danken den Publikumsovationen. Peter Buske

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