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  • 13.11.2017
  • von Lena Schneider

Wandertheater Ton und Kirschen: Wie die Zeit vergeht

von Lena Schneider

Weißt du noch? Drei alte Frauen träumen von der Zeit, als sie von der Liebe träumten. Mit „In the blink of an eye“ feiert das Wandertheater Ton & Kirschen sein 25-jähriges Bestehen – und zeigen, was Theater alles sein kann. Foto: Jean-Pierre Estournet/promo

Ein Vierteljahrhundert gemeinsame Arbeit, wie begeht man das? Wenn man die Macher des bekanntesten deutschen Wandertheaters Ton & Kirschen im Sommer danach fragte, als sie ihren somnambulen „Bartleby“ auf dem Pfingstberg zeigten, konnte man den Eindruck haben: Womöglich gar nicht. Irgendwie haben sie auch recht, dachte man da. Zeit vergeht eben, sie kann nicht anders. Oft merken wir es nicht einmal. Warum also viel Wirbel drum machen?

Potsdam - Sie haben es sich anders überlegt. Mit „In the blink of an eye“, ihrer aktuellen Produktion, die am Wochenende in der fabrik zu sehen war, zeigen Ton & Kirschen, wie man ein Jubiläum sehr wohl feiern kann. Mit Feuer. Mit viel Musik. Mit Leichtigkeit und Humor. Und mit einem gehörig‘ Maß Innenschau, was bei so viel gemeinsam gesammelter Erfahrung einer Theatertruppe natürlich auch heißt: mit einer Rückschau. Vielleicht auch, weil die beiden Theatergründer David Johnston und Margarete Biereye ein Paar sind, muss es bei einer solchen Rückschau vor allem um die Liebe gehen. Um die zwischenmenschliche, aber auch um die für das Spiel. Das Bühnenspiel, in all seinen Formen. Theater aus verschiedenen Jahrhunderten, von verschiedenen Kontinenten, steht hier dicht beieinander.

Alles beginnt draußen

„In the blink of an eye“ , das heißt das neue Stück: In einem Augenblick. Nach Christopher Marlowe, dessen „Doktor Faustus“ Ton & Kirschen 1999 inszeniert hatten. Es beginnt dort, wo das Theater der Truppe traditionell zuhause ist: draußen. Als bunt maskierte Truppe locken sie das Publikum anfangs aus dem Foyer der fabrik in den Vorhof. Hier brennt schon ein Feuer, und hier wird Teil eins des Abends gegeben, „The English Mumming Play“, Englisches Volkstheater, das noch älter ist als der Shakespearezeitgenosse Marlowe. Zwei clowneske Helden prügeln sich, der eine fällt um, ein Doktor kommt, um den Toten wieder zu erwecken – er war schon überall, sagt er uns, in Italien, Sizilien, Frankreich, Spanien – sogar Deutschland! Der Tote steht wieder auf. Theater, Theater!, ruft der Prolog, lustvoll.

Alle sehen etwas anderes

Das gilt für das ganze Stück. Vom Maskenspiel in den Zirkus. Oder den Ballsaal? Drinnen eine fast leere Bühne, oben ein alter Spiegel. Der französische Komiker Bourvil singt aus den Boxen sein trauriges Lied vom Tanz, dessen Namen er vergessen hat: „Le petit bal perdu“. Kurz nach dem Krieg wars, schön wars, verliebt war man – was zählt da schon der Name? Zwei Affen üben derweil an einem Seil, schaukeln, nähern sich an, wie Menschen erst. Dann baumeln sie, wie Affen eben. Von einer Liebesszene in den Zoo, von süffiger Nostalgie zum Lacher, von Selbstreflexion in die Situationskomik, und dazwischen nur ein Augenblick: Das kann nur Theater. Ohnehin liegt, was man sieht, im Auge des Betrachters. „Sehen Sie, was ich sehe?“, wird später David Johnston das Publikum fragen, im Hasenkostüm, als unheimlich-komischer, hämischer Conferencier. Hinter ihm rollt ein abgedeckter Wagen herein, aus dem es elefantisch trötet. Vier Experten sollen ertasten, was drinnen ist. Nein, kein Elefant. Ein Baum, sagt der Eine. Eine Wand, sagt der Zweite. Ein Gummischlausch, sagt der Dritte. So ist das im Theater. Alle sehen etwas anderes, und die Experten am allerwenigsten.

Die Lust am Humor wiedergefunden

Mit „In the blink of an eye“ hat Ton & Kirschen nach dem entwaffnend traurigen „Bartleby“ ganz deutlich die Lust am Humor wiedergefunden. Am brachialen, wie eingangs im „Mumming Play“, aber auch am düsteren. Selten ist das Lachen hier vordergründig, aber fast immer lauert es im Hintergrund, bereit, sich jederzeit Bahn zu brechen. Und nie weit weg von dem Blick auf sich selbst, als Theater, und als Theater, das auf ein Vierteljahrhundert gemeinsame Arbeit zurückblicken kann. In einer Szene sitzen drei alte Frauen auf einer Bank. „Wie damals auf dem Schulhof“, sagen sie. „Als wir von der Liebe träumten.“

Nun sitzen sie immer noch da, drei in sich zusammengesunkene Gestalten in langen Mänteln, die Gesichter unter Hutkrempen verborgen. Schweigen. Dann reichen sie sich die Hände, wie damals als junge Mädchen wohl, und man ahnt: Auch den Greisinnen da ist die Zeit seit ihren Kindertagen vergangen wie Ton & Kirschen die letzten 25 Jahre.

Brecht, Beckett, Tschechow, Ovid

Der Text ist von Samuel Beckett, es gibt andere von Brecht, von Tschechow, von Ovid – dessen „Thyramus und Thisbe“ in Form von Maskentheater aus Bali erzählt wird. Bali und Großbritannien, Masken und Objekte, Musik und Text, Ovid und Beckett. Das ist Ton & Kirschen. „In the blink of an eye“ bringt auf zärtliche, fast demütige Weise all das zusammen. Ein schillerndes, berührendes Kaleidoskop dessen, was Theater sein kann.

„In the blink of an eye“ wird im August 2018 wieder auf dem Pfingstberg sowie in der Berliner Ufa-Fabrik gezeigt

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