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  • 06.11.2017
  • von Babette Kaiserkern

Gespräch mit Strawalde alias Jürgen Böttcher: Der poetische Magier

von Babette Kaiserkern

Zeitzeuge. Der Maler Strawalde wurde in die NS-Zeit hineingeboren. Foto: M. Thomas

Schon als Kind und Jugendlicher erregten seine Bilder Aufsehen. Strawaldes derzeit im Museum Barberini gezeigtes Gemälde „Nach Giorgione“ (1954) bezeugt seine frühe Inspiration durch klassische Werke der Kunstgeschichte.

Wenn da nicht das rote Kissen gewesen wäre, auf dem die nackte Dame so entspannt ruht, dann hätte es die ganze Aktion vielleicht gar nicht gegeben. Aber Jürgen Böttcher alias Strawalde störte sich am Kissen auf dem Gemälde der schlummernden Venus von Giorgione. So erzählte der 86-Jährige es zumindest am Freitagabend beim Künstlergespräch im gut besuchten Filmmuseum Potsdam mit Knut Elstermann.

Das rote Kissen wurde zum Auslöser für 34 Übermalungen von Postkarten, die das berühmte Renaissancebild zeigen. Der daraus entstandene Experimentalfilm gilt heute als Ikone der Kunst aus der DDR. Zu seiner Entstehungszeit im Jahr 1981 kam solch individualistischer, freimütiger Umgang mit den künstlerischen Materialien bei den Offiziellen nicht besonders gut an. Das sei etwas für Kinder, hieß es damals über den Film, der immerhin im Dokumentarfilmstudio der Defa produziert wurde. Dort war Jürgen Böttcher, der den Namen Strawalde nach einem Kindheitsort annahm, von 1961 bis 1991 als Regisseur angestellt.

Schon als Kind und Jugendlicher erregten seine Bilder Aufsehen. Strawaldes derzeit im Museum Barberini gezeigtes Gemälde „Nach Giorgione“ (1954) bezeugt seine frühe Inspiration durch klassische Werke der Kunstgeschichte. Wie er filmisch begann, zeigt der schwarz-weiße Dokumentarfilm „Drei von vielen“ aus dem Jahr 1961. Zu sehen ist eine sommerliche Idylle in Dresden mit drei jungen Männern, die sich in der Freizeit der Kunst widmen. Fröhlich braust einer von ihnen mit seinem G5-Laster von einer Großbaustelle zur nächsten, nimmt auch mal ein Mädchen mit. Im Zentrum seiner Gemälde steht der in der DDR entwickelte Laster – unter blühenden Bäumen und heiterem Himmel.

Der Bildhauer meißelt an Großfiguren für den Wiederaufbau Dresdens und freut sich an Frau und Kind. „Sie lieben das Leben“, heißt im Kommentar aus dem Off, der punktuell zwischen Pathos und feiner Ironie zu schweben scheint, doch letztlich zur strahlend-optimistischen Aura des Films beiträgt. Das Böse erscheint nur jenseits der heilen DDR-Welt in Gestalt von Gemälden nach afrikanischen Massakern, die von den jungen Männern mit großem Ernst thematisiert werden.

Dass dieser Film verboten wurde, wie es heißt, verwundert aus heutiger Sicht. Dabei spielte wohl eine Rolle, dass es sich bei den Darstellern um Künstler aus der von offizieller Seite kritisch beobachteten Gruppe „Erste Phalanx Nedserd“ handelte. Dazu gehörte auch der später ausgereiste und im Westen berühmt gewordene A. R. Penck. Der nächste Film porträtiert den Maler und Bildhauer Hermann Glöckner, einen Konstruktivisten, der auch jenseits offizieller Kulturpolitik – sei es in der Nazizeit, sei es in der DDR – an seinen Ideen festhielt. Böttcher zeigt in langen, ruhigen Einstellungen, wie der 96-jährige Mann mit schlohweißen Haaren immer noch arbeitet, schwungvolle Linien auf große weiße Blätter malt und ab und an Fragen beantwortet – ein ebenso dichtes wie schlichtes Dokument vom Ende eines langen Lebens.

Anschließend, beim Gespräch, gelang es Moderator Knut Elstermann eher nicht, dem Gast etwas zu entlocken, was nicht bereits bekannt und im Internet nachzulesen wäre. Amüsant plaudert Strawalde aus seinem Leben und erzählt unter anderem, dass er den Film „Drei von vielen“ damals als sein Meisterwerk ansah. Er berichtet, wie ihn das Grauen der Nazizeit und die Folgen nachhaltig bis heute prägen. Und dass Madame Mitterand bei einer Ausstellung in Paris die übermalten Giorgione-Postkarten kaufen wollte. Die deformierten Bilder zeigen nicht mehr die ungetrübte Idylle, sondern nun auch „den grauenhaften Schutt des Krieges“, sagt Strawalde, der poetische Magier, dem man sein Alter nicht ansieht. Aber er wollte nicht verkaufen, obwohl oder gerade weil er den Effekt mit dem roten Kissen so erfolgreich verwandelt hatte. 

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