20.11.2017, 5°C
  • 06.11.2017
  • von Grit Weirauch

Potsdam: Wie Tannenzapfen auf einer Tischtennisplatte

von Grit Weirauch

Gegenwärtig. Dem Kontrabassisten der Kammerakademie Potsdam und Mitbegründer der Reihe KAPmodern, Tobias Lampelzammer, sind zeitgenössische Kompositionen ein wichtiges Anliegen. Foto: Andreas Klaer

Mystisch statt provozierend: Konzert zum Saisonauftakt der KAPmodern spielt mit Engeln und Dämonen.

Potsdam -  Wenn das Museum Barberini eine Ausstellung zur Moderne macht, strömen Zigtausende Besucher herbei. Wenn im Konzertbetrieb allerdings mit dem Begriff der Moderne geworben wird, ist der Effekt: Abschreckung. Viel zu sperrig, verkopft, einfach nicht schön zu hören, heißt es meist. Rhythmus, Melodien, all das Liebgewonnene und Gewohnte, zerhackt von den Komponisten. Dabei spiegelt diese Musik, wie Musik es eben immer tut, auch nur ein Lebensgefühl wider.

Dem Kontrabassisten der Kammerakademie Potsdam, Tobias Lampelzammer, sind hingegen zeitgenössische Kompositionen ein echtes Anliegen. Gemeinsam mit Bettina Lange, der Flötistin des Orchesters, hat er die Reihe KAPmodern ins Leben gerufen und widmet sich ihr seit gut zehn Jahren. Leicht haben es beide damit sicherlich nicht: „Sobald 20. Jahrhundert im Konzertprogramm auftaucht, gehen sowohl die Verkaufszahlen runter als auch die Akzeptanz“, sagt er.

Unter dem Titel „Jenseits von Gut und Böse!“ haben sie sich Engel und Dämonen gewidmet

Richtiggehend leid tue es ihm, wenn die Musik nur als Provokation aufgefasst wird. Für ihn habe sie eher etwas Befreiendes. Cages Stück 4’33 etwa. Eine Idee, die immer wieder, auch wenn die KAP-Musiker es aufführen, beim Publikum ins Leere geht, verpufft. Dabei sei es doch eine schöne humanistische Idee. Einfach nur Stille.

Mit der kleinen Reihe will Lampelzammer eine Insel schaffen im Konzertbetrieb, einen „Raum, wo etwas passieren darf, intentionsfrei“. So auch beim Saisonauftakt am kommenden Dienstag. Das Konzert schreibt sich ein in das diesjährige Jahresthema der KAP. „Sehnsucht“ heißt es und Lampelzammer und Lange füllen es programmatisch auf ganz eigene Weise: Unter dem Titel „Jenseits von Gut und Böse!“ haben sie sich Engel und Dämonen gewidmet.

Gleich das erste Stück steigt in die Dämonenwelt ab. Es ist inzwischen ein Klassiker der Moderne: George Crumbs „Black Angels“ aus dem Jahr 1970, womöglich ausschnittsweise bereits gehört – als Filmmusik für „The Exorzist“, dem Horrorfilmklassiker von 1973. Crumb hat das Werk für Streichquartett geschrieben, als eine „Parabel auf unsere verwirrte jetzige Welt“, wie Crumb notierte. Das Stück ist also zumindest unter politischer Deutung auch nach fast 50 Jahren noch aktuell. „Dreizehn Bilder aus einem dunklen Land“ nannte der Amerikaner seinen apokalyptischen Bilderbogen, entstanden unter dem Eindruck des Vietnamkriegs. Zugleich sind es Seelenbilder in der Tradition geistlicher Musik. Crumb greift dabei tief in die Kulturkiste des Abendlandes: mit Anspielungen auf Christentum, griechische Antike oder Dantes schwarze Engel in der „Göttlichen Komödie“. Und er frönt seiner Vorliebe für Zahlenmystik. „Black Angels“ ist rund um die Zahl Sieben komponiert, das gesamte Werk beruht auf einem ausgetüftelten Formelsystem.

Ganz anders mit Mystik spielt Elena Rykova. Sie ist schließlich auch um einiges jünger: 1991 geboren, vertraut die russische Performance-Komponistin, die sich als sehr spirituell begreift, auf ihre Intuition und auf Kräfte, „die unsichtbar sind“, wie sie im Programmheft erläutert. „Und die man nicht mit Formeln und Begriffen zum Ausdruck bringen kann.“ Diese Mächte sind es, die sie bei der Entstehung von „The mirror of Galadriel“ – nach dem Spiegel der Elbin aus Tolkiens „Herr der Ringe“ – begleitet haben sollen und die ihr Tannenzapfen in die Hände spielten.

Rykova nutzt die Zapfen als Instrument und lässt die Musiker damit auf einer elektronisch verstärkten Tischtennisplatte hantieren. Die Partitur ihres ersten eigenständigen Stücks besteht denn auch nicht aus Noten, sondern es sind ausformulierte Spielregeln, wie für einen Wettkampf. Nur, und das ist das Glück für einen Musiker wie Tobias Lampelzammer, wenn man schon nach Regeln spiele, bleibe trotzdem noch genug Spielraum. Denn Elena Rykova schließt ihre Spielanweisung mit der Aufforderung, dass die Ausführenden ihren eigenen Regeln folgen sollen. Grit Weirauch

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!