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  • 06.11.2017
  • von Astrid Priebs-Tröger

Potsdam: Liebe, Tod und Shakespeare

von Astrid Priebs-Tröger

Finster. „Les Antliaclastes“ befassten sich zum Finale mit Shakespeares Grab und der Existenz seiner Person und Werke. Foto: Jp Estournet

Unidram begeisterte in diesem Jahr mit verblüffenden Bildern und eindringlichen Videoprojektionen

Potsdam - Die Liebe beziehungsweise ihre Abwesenheit spielte in diesem Jahr beim Festival Unidram in vielen Inszenierungen eine Rolle. Bedrückend nachhaltig in der iranischen Produktion über den brutal kastrierten Agha Mohammad Khan, der mit seinen seelischen Schmerzen allein blieb und sich für das ihm angetane Leid später grausam an anderen Menschen rächte.

Oder der Liebe lösende Kraft, die in der schwierigen Vater-Sohn-Beziehung fehlte, die der tschechische Cirk la Putyka in einer wuchtigen Performance auf die Bühne brachte. Das Nicht-zueinanderkommen-Können beziehungsweise Einander-loslassen-Können wurde auch in „Departure“ von Kalle Nio thematisiert; einem nahezu monochrom in grau gehaltenen Paardrama. Departure hat neben „Abreise“‘ viele weitere Bedeutungen – und neben den Dutzenden Aufbrüchen und Auszügen war an einen (Neu-)Anfang zwischen diesen beiden einsamen Menschen nicht zu denken.

Die Unverwechselbarkeit der künstlerischen Handschrift von Kalle Nio, die sich in einem ungeheuren Reichtum an verblüffenden Bildern für dieses Nicht-zusammenkommen-Können widerspiegelte, zog am Freitagabend ebenso wie zur Festivaleröffnung bei „Cutting Edge“ sofort in ihren Bann. Die magischen Fähigkeiten des finnischen Künstlerkollektivs taten dabei ihr Übriges. Da entwickelten in „Departure“ graue Mäntel ein wundersames Doppelleben, Tischdecken tropften in zähen grauen Fäden auf den Boden und gläserne Wände veränderten wie von Zauberhand ihre angestammte Position. Diese Finnen waren wirklich eine Entdeckung und unbestritten eines der Highlights beim diesjährigen Festival. Das 24. Unidramfestival war Samstagnacht nach fünf Tagen unter Beteiligung von 15 Ensembles aus neun Ländern und insgesamt 34 Events auf sieben Bühnen in der Schiffbauergasse zu Ende gegangen.

Auch der Tod war – wie schon 2016 – diesmal allgegenwärtig bei Unidram. Bei „Cutting Edge“ rollten Köpfe, bei „Rothko Chapel“, einer schemenhaften Objekttheater-Installation des israelischen Regisseurs und Darstellers Sjaron Minailo, ging es um die kollektive Erinnerung an das massenhafte Morden und Sterben im Zweiten Weltkrieg. Inspiriert von Bildern Mark Rothkos und der Musik Morton Feldmanns, die sich beide mit der künstlerischen Darstellung des Holocaust befassten, entwickelte Minailo daraus eine eindringliche Installation, die das Publikum intensiv mit dem Phänomen des Vergessens konfrontierte.

Und auch in der „Live-Cinema“-Produktion „2026“, die ein düsteres Bild der Menschheit auf der Erde malte, hat der Tod ununterbrochen Hofstaat gehalten. Und schließlich auch beim Finale mit „Les Antliaclastes“, die sich ausgerechnet mit Shakespeares Grab im Besonderen und der Existenz seiner Person und seiner Werke im Allgemeinen befassten. „Gepriesen sei der Mann, der diese Steine schont, und verflucht sei der, der meine Knochen bewegt.“ Angeblich stammt lediglich diese Inschrift über der Grabplatte von Shakespeare selbst, wie Mark Twain in seinem grandiosen Buch „Is Shakespeare dead?“ von 1909 behauptet und das die Basis für diese Produktion bildete.

Die Franzosen gruben indessen nicht nur ein Loch auf der Bühne, in dem sie nach der Identität des Meisters suchten, sondern spannten mithilfe ihrer skurrilen Puppen, von Baggern, Einkaufswagen und Registrierkassen ein groteskes Erzählgewebe, das es mit den überlieferten Werken des Briten durchaus aufnehmen kann.

Und auch bei ihnen zeigten sich zwei Tendenzen, die mehr oder weniger alle der zwölf gezeigten internationalen Produktionen betrafen. Zum einen die ungeheure Anzahl und Vielfalt von Bezügen zu Werken der Kunstgeschichte, Literatur, Philosophie oder Psychologie. Und zum anderen die überaus starke und vielfältige Einbeziehung von Videoprojektionen. Es gab nur drei Produktionen, in denen diese seit den 1960er-Jahren aufblühende Kunstform keine Rolle spielte. In der Mehrzahl der Inszenierungen diente sie dazu, vor allem innere Zustände – wie bei der iranischen Produktion – eigenständig in Szene zu setzen. Und in der einzigen deutschen Inszenierung, die bei Unidram gezeigt wurde, „als ES über uns kam“ von Meinhardt Krauss Feigl, diente sie dazu, Freuds Theorien des Unterbewussten in hochästhetischen schwarz- weiß Bildern zu visualisieren. Zu guter Letzt schaffte es mit der „Live-Cinema“-Produktion „2026“ ein eigenständiger Vertreter dieses hochspannenden Genres in das überaus abwechslungsreiche Programm.

Das Programm trug mit seiner üppigen Formenvielfalt, der Komplexität der Zeichen in den gezeigten Werke und ihren originellen künstlerischen Handschriften wie jedes Jahr zu einer lustvollen Horizonterweiterung bei. Die auch 2017 gestiegenen Zuschauerzahlen und zum Großteil vorab ausverkauften Vorstellungen bestätigen die Festivalorganisatoren auf ihrem Weg.

Und da es für diesen Jahrgang von der Stadt Potsdam auch mehr Geld gab, konnte Unidram auch eine katalanische Theatertruppe einladen, die sinnlich erfahrbar große Menschheitsfragen aufwarf. „Artica“ von Ponten Pie, das in einer eisigkalten Hütte die Frage nach dem Schicksal des Einzelnen stellte, entwickelte mithilfe vielfältiger Erzählfäden auf direktem, analogem Weg eine ungemein herzerwärmende und sehr poetische Kraft.

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