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  • 04.11.2017
  • von Astrid Priebs-Tröger

Vater und Sohn im Ringkampf

von Astrid Priebs-Tröger

Dickkopf. Der Sohn (Rotislav Novák jr.) trägt in dem Beziehungsdrama „Black Black Woods“ einen Kopf aus Pappmaché, in den sich kein Gesicht einprägen lassen will. Foto: Mike Rafail

Unidram: Der tschechische Cirk La Putyka mit einer Marathon-Performance

Sie nehmen sich viel Zeit, jede Menge Raum und Unmengen von Material. Zwei Männer, die sowohl in der vierstündigen Inszenierung „Black Black Woods“ als auch im richtigen Leben Vater und Sohn sind. Diese Marathon-Performance des „Cirk La Putyka“ aus Tschechien sei die erste in der Geschichte des Festivals, die über so einen langen Zeitraum gehe, wie Unidramleiter Jens-Uwe Sprengel am Donnerstagabend zur Begrüßung sagte. Er vergaß auch nicht, darauf hinzuweisen, dass etwa bis zur Hälfte Kommen und Gehen möglich und erwünscht sei.

Doch es gab genug Menschen, die die ganze Zeit in der Waschhaus-Arena ausharrten und Rostislav Novák Junior und Senior bei ihrem Generationenkonflikt zusahen. Sie erlebten, wie die etwa 40 Quadratmeter große Spielfläche langsam mit 28 weißen Platten eingedeckt wurde. Und als der Junior damit fertig war, nahm er vier noch einmal hoch und stellte sie als Projektionsfläche auf.

Hier liefen anfangs schwarz-weiße und später farbige Familienfilme, die Erinnerungen wie Kindergeburtstage, Familienurlaube oder auch Hochzeiten aus beinahe fünf Jahrzehnten wiedergaben. Wunderbar war das! Genauso wie die sehr intime Waschzeremonie, die Vater und Sohn da auf offener Bühne unbekleidet vollführten, und die beide buchstäblich im Fluss des Lebens glücklich mit- und fürsorglich füreinander vereint zeigte. Doch kurz danach ein erster Einschnitt: Der Vater verliest die 36. Rune aus der Kalevala, dem finnischen Nationalepos, in dem der tragische Held Kullervo Rache schwört und gegen den Willen seiner Eltern in den Kampf zieht. Er vernichtet dabei nicht nur – unwissentlich – seine eigene Familie, sondern am Ende auch sich selbst.

Bald wird die immer noch weiße Bühnenfläche der Performance mit schwarzen Schriftzeichen beschrieben – weiterhin in nahezu harmonischer Zweisamkeit. Bis auf einmal der Sohn schreibt, dass er seinen eigenen Weg gehen will. „Tradition und Veränderung" war dieser Part übertitelt und von diesem Zeitpunkt an ist plötzlich eine andere Energie im Raum. Der Vater nimmt hastig orange Farbe und übermalt fast alles – doch die aufrührerischen Buchstaben sind nicht mehr zu überdecken.

Und der uralte, tradierte Vater-Sohn-Konflikt ist auch nicht mehr fernzuhalten. Denn von nun an beargwöhnt, kommentiert, verwirft der Alte alles, was der Junge anders macht als er selbst. Und dieser macht eine ganze Menge anders. Er wuchtet aus unzähligen Tonklumpen, die auf zwei Paletten lagerten, einen Thron für seinen Alten, er trägt die Kugel, wie jene des Atlas, mit viel Kraft, aber auch mit Lust, Leichtigkeit und Übermut. Doch der Alte auf seinem Sitz ist nicht zu begeistern. So jedenfalls nicht.

Es beginnt ein zäher Ringkampf, in dem die beiden sich nichts schenken und mit ihren überdimensionierten schwarzen Clownsnasen lange Narren-Könige sind. Und die dröhnende Postrockmusik der fünfköpfigen Live-Band heizt diesen Kampf lautstark auf. Es ist bis in die Magengrube zu spüren, dass sich diese Beiden nichts schenken werden. Obwohl der Alte langsam schwächer und der Junge immer rasender und verzweifelter wird und um jeden Preis sein eigenes Gesicht in den viel zu großen Pappmaché-Kopf drücken will.

Auf die Idee, Stück für Stück und liebevoll loszulassen, kommt jedoch keiner von beiden. Stattdessen zerlegt der Junge wütend die Bühne und als schließlich beide am Boden liegen, stürzt auch noch der auf eine Plane projizierte Himmel auf sie herab. Ist diesen Männern überhaupt noch zu helfen? Diese wuchtig-zarte Performance lässt mit allen Sinnen erfahrbar machen, dass es hin zu veränderten Rollenbildern noch ein weiter Weg ist. Aber wie sollen die auch aussehen? Denn die Energie und Kraft des Männlichen, die beide Nováks bis zum Schluss halten können, ist nur die eine Seite der Medaille. Das Nicht-Miteinander-Reden und Vertrauen-Können eine andere. „Was wagst Du dich, so mit Deinem Vater umzugehen?“, fragt einer der Großväter in einem der Familienfilme. Und es hat den Anschein, dass sich an dieser Art des Anspruchs auf Vaterverehrung noch nicht wirklich etwas geändert hat. Hochaktuell in einer von gesellschaftlichen Umbrüchen geprägten Zeit, die immer wieder nach neuen Führerfiguren ruft. Astrid Priebs-Tröger

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