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  • 03.11.2017
  • von Grit Weirauch

„Tour de France littéraire“ im Buchladen Wist: Zwischen Literatur und Soziologie

von Grit Weirauch

Foto: Roland Weihrauch/dpa

Es ist das Dilemma wohl vieler, die Literatur übersetzen: Ihre Namen, geschweige denn ihre Gesichter, kennen die wenigsten. Und ihre Werke, in mühsamster, langwieriger Arbeit entstanden, gehen tagtäglich über die Ladentische der Buchhandlungen, ohne dass sie überhaupt beachtet werden.

Potsdam - Sie sind unsichtbar. Ihre Namen, geschweige denn ihre Gesichter, kennen die wenigsten. Und ihre Werke, in mühsamster, langwieriger Arbeit entstanden, gehen tagtäglich über die Ladentische der Buchhandlungen, ohne dass sie überhaupt beachtet werden. Es ist das Dilemma wohl vieler, die Literatur übersetzen. Wenn allerdings Hinrich Schmidt- Henkel und Frank Heibert dies tun, folgt die Würdigung umgehend, in den Feuilletons meist mit Worten wie brillant oder kongenial. Das Berliner Paar ist so etwas wie der Knotenpunkt auf der deutsch-französischen Literaturachse. Beide übersetzen aus dem Französischen seit Jahrzehnten, oft preisgekrönt. Zudem sind sie, und vor allem deshalb hat Carsten Wist sie für seine „Tour de France littéraire“ in seinen Literaturladen am Mittwochabend geholt, großartige und unterhaltsam erzählende Kenner des Nachbarlandes.

„Es geht nichts darüber, Übersetzer einzuladen“, sagt Wist. Schließlich seien sie es, die über den Blick eines einzelnen Autors hinaus die gesamte literarische Produktion beobachten, die Vorlieben der Verlage und den Zustand eines Landes aufs Beste kennen. Frankreich habe als Gastland der Frankfurter Buchmesse „Grandeur gezeigt“, so erzählt Wist, vor allem mit seinem literaturaffinen Präsidenten Emmanuel Macron. Weniger Größe strahlte für Schmidt-Henkel die offizielle Gästeliste der französischen Regierung aus, Didier Eribon etwa sei nicht geladen gewesen. Der Autor des vielgelobten Romans „Die Rückkehr nach Reims“ gilt als scharfer Kritiker Macrons. Sein deutscher Verlag habe ihn schließlich eingeladen.

Eribons Spurensuche und Edouard Louis Roman „Im Herzen der Gewalt“ stehen für eine wiedererstarkte literarische Strömung

Eribons Spurensuche in dem Arbeitermilieu seines Vaters, aber auch der von Schmidt-Henkel übersetzte Edouard Louis mit seinem Roman „Im Herzen der Gewalt“ stehen für eine wiedererstarkte literarische Strömung – die der zuletzt verbrämten Autofiktion. Beide Autoren seien Beispiele dafür, wie die zeitgenössische französische Literatur sich nicht nur in autobiografischer Selbstbespiegelung übt, sondern – wie einst Sartre und Camus – das Persönliche in Beziehung zu dem Politischen setzt: Mit einem soziologischen Blick auf die Figuren. Wie dies auch auf ihre Art Annie Ernaux tut, die in ihrem Roman „Die Jahre“ ein gesellschaftliches Panorama der letzten 50 Jahre in Frankreich entfalte, so Schmidt-Henkel. Ein kleines Büchlein, ungemein dicht geschrieben – übrigens sind viele der Neuerscheinungen kaum dicker als 250 Seiten, was Schmidt-Henkel auch bei dem von ihm übersetzten bretonisch-französischem Autor Tanguy Viel begeistert.

Natürlich muss die Sprache an so einem Abend auf Michel Houellebecq kommen. Der Autor („Elementarteilchen“), dessen Erzählungen und Gedichte Schmidt-Henkel übersetzte, muss als abschreckendes Beispiel und Gegenbild herhalten zu dem, was derzeit an französischer Literatur gefällt – das Changieren zwischen Literatur und Soziologie, was „zukunftsweisender ist als Houellebecqs Art, Politik und Literatur zu verwursten“, wie Frank Heibert sagt. Und natürlich muss die Rede auch auf Yasmina Reza kommen. Sie feierte ihre größten Erfolge („Kunst“, „Der Gott des Gemetzels“) als Theaterautorin in Deutschland, nicht zuletzt dank der Übersetzungen von Schmidt-Henkel und Heibert. Nun ist Rezas „Babylon“ erschienen, übersetzt – wie könnte es anders sein – von Schmidt-Henkel und Frank Heibert.

Geniestreiche bei den Klassikern der französischen Literatur

Beide haben sich auch einen Klassiker der französischen Literatur vorgenommen und damit einen kleinen Geniestreich geliefert. Raymond Queneaus „Exercises de style“ von 1947 nach einer französischen Neuausgabe von 2012 haben sie, wie sie erzählen, gemeinsam am Küchentisch, Laptop an Laptop, übersetzt, und sicherlich jede Menge Spaß dabei gehabt. Wenn sie daraus vortragen – eine kleine Geschichte, die Queneau in 123 Variationen erzählt –, dann lebt die ganze Sprach- und Sprechkunst der beiden auf. Und vor allem ihre große Lust daran. Am Ende des Abends bei Wist haben sie ihre deutschen „Stilübungen“ sogar signiert. Wie sich das gehört für Übersetzer. 

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