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  • 23.10.2017
  • von Oliver Dietrich

Mit Ironie und Knoten in der Zunge: Gerhard Henschel bei „Satire am Abend“

von Oliver Dietrich

Sprachkritisch. Spitzfindig geht Gerhard Henschel mit Literatur um. Foto: A. Klaer

Was für ein kurioses Lockmittel für einen Freitagabend: Ein „Zungenbrecher-Diplom“ wurde angepriesen, verliehen vom Sprachexperten Gerhard Henschel.

Potsdam - Was für ein kurioses Lockmittel für einen Freitagabend: Ein „Zungenbrecher-Diplom“ wurde angepriesen, verliehen vom Sprachexperten Gerhard Henschel. Der Hannoveraner Germanist und „Titanic“-Autor war am Freitag im Haus 2 im Freiland zu Gast, um sein philologisches Sammelsurium von Sprachexzessen zu präsentieren. „Zungenbrecher“ heißt das Buch. Auch Henschel selbst nörgelt am langweiligen Titel herum, den ihm der Verlag verpasst habe: „Brautkleid bleibt Krautrock“ sei ja viel zu kompliziert.

„Ich weiß bis heute nicht, warum Zungenbrecher so ein Vergnügen bereiten“, sagt Henschel, der im Duktus des emeritierten Literaturprofessors seine Lesung abhält. Der Exkurs geht freilich weiter: Brechstangenverse setzt Henschel gleich an den Anfang, also Verse, deren Ebenen sich akustisch und inhaltlich derb entzweien können: „Iss Lama, Bud!“, könnte Terence Hill mal zu seinem Schauspielkollegen gesagt haben. Immer wieder ist es die Ernsthaftigkeit seiner Ausführungen, die für wohliges Gekicher sorgt. Doch das Ganze funktioniere auch in anderen Sprachen: Englische „tongue twisters“ beispielsweise – „Three witches watch three Swatch watches. Which witch watches which Swatch watch?“ – oder auch auf Französisch: „Dans ta tente ta tante t’attends.“ Deine Tante wartet in deinem Zelt. Ein phonetischer Leckerbissen, keine Frage.

Derart morphologische Spitzfindigkeiten sind die Triebfeder Henschels, überhaupt sprachkritische Perspektiven. Sätze wie „Irgendwo bellte ein Hund“ verortet er in der Trivialliteratur, oder den Krimi-Klassiker „Er schlug den Mantelkragen hoch“ – fast schüttelt es ihn dabei. Kein Grund für Henschel, sich mit sonorer Märchenonkelstimme in Kritik anderer zu üben. Selbst ist er unermüdlicher Autor, der einen wahren Stapel Bücher im Repertoire hat. „Kindheitsroman“, „Jugendroman“, „Bildungsroman“ – mit seinem Oeuvre lassen sich ganze Bücherschränke füllen. Und er liest an diesem Abend querbeet: Die Zungenbrecher sollen nur der Auftakt gewesen sein.

Ein kurzweiliger Abend, immerhin. Denn im Duktus von Autoren wie Henschel, aber auch Max Goldt und Wiglaf Droste, die der „Frankfurter Schule“ zugerechnet werden, lässt es sich gut zuhören. Immer wieder glüht die Satire durch: wie etwa in der gemeinsam mit Droste verfassten Erzählung über eine – natürlich fiktive – Lesung des nervigen Theologen Hans Küng in der „Erlebnisbuchhandlung im Eisenacher Marktkauf-Einkaufszentrum“ oder den Kreisen, die sein „taz“-Artikel über einen angeblichen Nacktförster in Neuruppin zogen. Selten so gelacht wie an diesem Abend.

Wer diesen großartigen Abend verpasst hat, muss sich dennoch nicht grämen: Bis zum Frühjahr nächsten Jahres wird es einmal im Monat eine satirische Lesung im Freiland geben, wie Veranstalter Ulrich Jahnke verspricht: Wiglaf Droste wird dabei sein, aber auch die „Titanic“-Autoren Leo Fischer und Thomas Gsella. Besser wird kann man einen Freitagabend sicherlich nicht verbringen. Oliver Dietrich

www.freiland-potsdam.de

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