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  • 16.10.2017
  • von Lena Schneider

Konferenz „Umkämpfte Wege der Moderne“: Ist Potsdam eine Kunststadt?

von Lena Schneider

Foto: Thilo Rückeis

In Potsdam hat es einige legendäre künstlerische Salons gegeben. Und wie sieht es heute aus? Dieser Frage sind Wissenschaftler im Potsdam-Museum nachgegangen.

Potsdam - Im Jahre 1925 zu Potsdam war es, da brachte der dadaistische Lyriker Kurt Schwitters einen preußischen Offizier fast zum Platzen. Schwitters war im Salon der Potsdamer Verlegerin Noa Kiepenheuer zu Gast und trug in höchster Konzentration seine „Ursonate“ vor, eine Sonate für Stimmlaute. Urlaute. Besagter Offizier saß im Publikum, wurde rot und röter und brach schließlich, bevor er platzen konnte, in großes Gelächter aus.

Der Kunsthistoriker Andreas Hüneke brachte die Anekdote am Samstag im Rahmen eines Vortrags mit dem Titel „Kunststadt Potsdam?“ im Potsdam Museum vor. Die Brisanz deutete sich schon im Fragezeichen des Titels an. Ist Potsdam eine Kunststadt, ist es je eine gewesen? Der Vortrag war Teil des Abschlusspanels der mehrtägigen Konferenz „Umkämpfte Wege der Moderne“, die ein gleichnamiges Ausstellungsprojekt für 2018/2019 vorbereitete.

Dada-Traum und Vision einer Künstlerkolonie in Potsdam geplatzt

Die Antwort, die Hüneke entwickelte, lässt sich anhand der Schwitters-Anekdote trefflich auf den Punkt bringen. Denn zum einen belegt sie, dass es künstlerische Salons wie den legendären von Noa Kiepenheuer in ihrem Wohnhaus in der Fasanerie in Potsdam überhaupt gab. Auch der Kunsthändler Ferdinand Möller, der einige Jahre in der Wollnerstraße lebte und einen Verlag unterhielt, war ein solches Zentrum, ebenso wie der Garten-Philosoph Karl Foerster oder der Maler Fritz Rumpf. „In diesen Zirkeln und Salons war Potsdam einer Kunststadt vielleicht am nächsten“, sagt Hüneke. Andererseits aber blieb Potsdam auch in den künstlerisch sehr bewegten 1920er-Jahren eine vom Militär geprägte Stadt. „Zu wenige Offizier hatten die Ursonate von Schwitters erlebt“, bemerkte Hüneke trocken. Dada konnte in Potsdam nicht Fuß fassen. Trotz des Versuchs, eine Dada-Akademie zu gründen, trotz der Dada-Zeitschrift „Freiland“, die 1921 hier erschien – zum ersten und letzten Mal.

Nicht nur der Dada-Traum platzte in Potsdam. Anfang des Jahrhunderts hatte es den Versuch gegeben, hier eine Künstlerkolonie zu errichten – einen Ort mit Ateliers, Ausstellungsräumen und Wohnungen. Pläne für die Kolonie, die auf dem Tornow entstehen sollte, gab es bereits, auch den Entwurf für ein Atelierhaus von Wilhelm Schmid. Es wurde nichts draus. Im Jahr 1921 gab es einen weiteren, schon sehr viel konkreteren Vorstoß in Richtung Künstlermetropole – und eins der wenigen Ereignisse der Potsdamer Kunst, deren Ruf über Potsdam hinaus drang: den Kunstsommer. Bis 1925 hielt sich die Ausstellungsreihe in der Orangerie des Parks Sanssouci, dann war Schluss.

„Eine Stadt wird nur zur Kunststadt, wenn von ihr künstlerische Impulse ausgehen“

„Eine Stadt wird nur zur Kunststadt, wenn von ihr künstlerische Impulse ausgehen“, sagte Hüneke – und berührte damit eine wesentliche Schwachstelle Potsdams: Es gab hier nie eine Kunsthochschule. Lange gab es auch kein Kunstmuseum. Potsdam war die einzige Bezirkshauptstadt der DDR ohne ein Museum für zeitgenössische Kunst. Und heute? Heute hat die Stadt mit dem Museum Barberini ein stattliches Kunstmuseum, ein reges Galerieleben, ein umtriebiges Stadtmuseum. Gute Vorzeichen. Bis die Fragezeichen hinter der „Kunststadt Potsdam“ verschwinden, schien Hüneke zu sagen, wird es aber noch dauern. L. Schneider

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