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  • 12.10.2017
  • von Lena Schneider

Doppelausstellung zur Weimarer Republik: Revolutionäre des Geistes

von Lena Schneider

Feuerfrauen.

Das Potsdam Museum plant für 2018/2019 eine große Doppelausstellung zur Weimarer Republik. Ein Symposium bereitet den Ausstellungskatalog mit außergewöhnlichen Werken vor.

Potsdam - Wilhelm Schmid war ein unsteter Geist. Immer unterwegs. Geboren 1892 im schweizerischen Remigen, blieb er nirgendwo lange Zeit, war in Rom unterwegs, in Florenz, Paris, Berlin – und ab 1912 auch in Potsdam. Zwei Häuser stehen hier, an denen Wilhelm Schmid als Architekt mitgewirkt hat – sein Wohnhaus in der Böcklinstraße 15/16 und die Villa Metz in der Seestraße, an deren Umbau 1914 er beteiligt war – und wo er, nebenbei, auch seine spätere Frau kennenlernte, die Sängerin Maria Schmid-Metz. Die beiden architektonischen Spuren sind die einzigen, die es in Potsdam von Wilhelm Schmid heute noch gibt. Dass er auch, in erster Linie sogar, ein Maler war, dass er nicht nur ein unsteter, sondern auch ein kämpferischer Geist war – das ist eine Geschichte, die hier bisher nicht vorkommt.

Das soll sich ändern. Im Rahmen einer zwischen September 2018 und Juni 2019 geplanten Doppelausstellung will sich das Potsdam Museum Wilhelm Schmid und seiner Zeit widmen – ein heute beginnendes Symposium am Haus soll bis Samstag den Ausstellungskatalog dazu vorbereiten. Die Zeit Wilhelm Schmids, das war die Zeit der Weimarer Republik. „Eine Zeit, die angesichts des Nationalsozialismus immer als friedlich beschrieben wird“, sagt Wenke Nitz, die seit 2013 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Potsdam Museum arbeitet. „Aber das war sie nicht.“ Vielmehr seien die Jahre zwischen 1918 und 1933 geprägt von einem erbitterten Streit um die Zukunft gewesen – die Zukunft der Kunst und die der Politik. „Umkämpfte Wege der Moderne“ wird daher auch die Doppelausstellung 2018/2019 heißen.

Schmids Werke sollen von Lugano nach Potsdam reisen

In diesen Kämpfen war der Maler und Architekt Wilhelm Schmid in vorderster Front mit dabei. Er gehörte zu den Mitbegründern der Novembergruppe, ein heute legendärer Verbund aus Künstlern, die sich Ende 1918 von den Verkrustungen der konservativen Akademien absetzen und ihre eigenen, untereinander keineswegs einheitlichen Vorstellungen von Kunst in eigenen Ausstellungen durchsetzen wollten. Künstler wie Otto Dix und Wassily Kandinsky gehörten dazu, auch italienische Futuristen. Das Werk Wilhelm Schmids wird seit Mitte der 1920er-Jahre zur Neuen Sachlichkeit gezählt. Gemeinsam hatten diese unterschiedlichen Künstler, dass sie sich als Revolutionäre empfanden – als „Revolutionäre des Geistes“. Von den Nationalsozialisten als „Rote Novembergruppe“ verfemt, wurde die Gruppe 1936 aufgelöst. Die Nazis hatten den Kampf um die Zukunft für sich gewaltsam erzwungen.

Schmid und seine jüdische Ehefrau flüchteten in die Schweiz, wo der Maler 1971 starb – „im inneren Exil“, wie die Direktorin des Potsdam Museums, Jutta Götzmann, sagt. „Wenn der Maler 2018 bei uns in Potsdam eine Ausstellung bekommt, dann ist das auch der Versuch, ihn und sein Werk zurückzuholen“, sagt sie. Und zwar im Wortsinn: Im Bestand des Potsdam Museums befindet sich kein einziges Werk von Schmid. Die meisten Bilder befinden sich in Lugano, von wo sie als Leihgaben nach Potsdam reisen werden.

Preußischer Militarismus oder Traum vom internationalen Kommunismus?

Der zweite Teil der Doppelausstellung „Umkämpfte Wege der Moderne“ wird aufzeigen, wie sich die politischen Kämpfe der Weimarer Republik konkret an einem Ort festmachen lassen – an Potsdam. „Potsdam bietet sich da in mehrerer Hinsicht an“, sagt Wenke Nitz, die diesen Teil der Ausstellung kuratieren wird. „Potsdam, das war damals ja klar zweigeteilt, in die Garnisonstadt Potsdam und die Industriestadt Nowawes, das heutige Babelsberg.“ Insofern spiegelt sich im Mikrokosmos Potsdam wie in einem Brennglas ein grundsätzlicher Richtungsstreit der Weimarer Republik: Preußischer Militarismus oder der Traum vom internationalen Kommunismus? Oder, wie Wenke Nitz es zuspitzt: „Der Geist von Potsdam oder das rote Nowawes?“

Wie auch die künstlerische Schau zu Wilhelm Schmid zielt die kulturgeschichtliche Ausstellung darauf, Lücken zu füllen: Lücken in der Stadtgeschichtsschreibung für den Zeitraum der Weimarer Republik. Das einzige Werk, das sich dezidiert mit der Weimarer Republik in Potsdam auseinandersetzt, ist von 1970, sagt Wenke Nitz. „Und die Quellen aus der Zeit muss man natürlich hinterfragen, gerade in Bezug auf die Rolle der KPD. Die würde man aus heutiger Sicht ganz anders bewerten.“ Vor allem mit der kulturgeschichtlichen Ausstellung will das Potsdam Museum auch der Kritik entgegenwirken, das Haus sei in Bezug auf die NS-Zeit ungenügend aufgestellt. „Wir wollen hiermit zeigen, dass wir uns stärker um die NS-Zeit kümmern“, sagt Götzmann. Im Übrigen sieht sie in der Kombination der beiden Schauen auf exemplarische Weise das Selbstbild des Potsdam Museums bekräftigt, das sich schon im Namen zeigt – ein „Forum für Kunst und Geschichte“. Kunst und Geschichte sollen hier nebeneinander stehen, einander ergänzen.

Garnisonkirche wird für die Schau in Potsdam durchaus eine Rolle spielen

Ausgangspunkt für das ambitionierte Doppelprojekt am Potsdam Museum ist ein groß angelegtes Verbundprojekt unter dem Titel „Clash of Futures“, das zehn europäische Kulturinstitutionen parallel zum beschriebenen Streit um die Zukunft in den Jahren von 1900 bis 1945 arbeiten lässt. „Wir sind mit Abstand die kleinste Einrichtung, die sich an dem Projekt beteiligt“, sagt Jutta Götzmann nicht ohne Stolz. „Und die einzige, die eine Doppelausstellung plant.“ Mit dabei sind außer dem Potsdam Museum so namhafte Museen wie die Königlichen Museen der Schönen Künste Brüssel und das Museum für Gegenwartskunst Krakau.

Um den „Geist von Potsdam“ wird bekanntlich auch heute noch gestritten. Sehen die beiden Kuratorinnen die kommenden Ausstellungen als einen Beitrag zur Debatte um die Garnisonkirche? „Das Buch von Matthias Grünzig arbeitet sehr schön heraus, dass die Garnisonkirche ein Symbol für das nationalkonservative Potsdam ist. Es gab nicht eine republikfreundliche Veranstaltung dort“, sagt Nitz. Insofern werde die Garnisonkirche in der Schau durchaus eine Rolle spielen. „Das kann die Debatte in der Stadt befeuern – aber Stellung werden wir dazu nicht beziehen.“ Das sei nicht die Aufgabe des Museums. „Wir liefern die Hintergründe für eine Auseinandersetzung.“

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